Gibt es 2017 die erste Kopftransplantation?

Rasmus Cloes
Valery Spiridonov lehnt sich zurück
Ein neuer Körper für seinen Kopf – Valery Spiridonov will sich dafür auf ein riskantes Experiment einlassen © Imago

Ein Neurologe will 2017 den ersten Kopf transplantieren. Einen Freiwilligen hat er schon. Doch ein Problem gibt es noch.

Valery Spiridonov will sich köpfen lassen – um sein Leben zu retten. Es ist ein Experiment, dass aus einem Science-Fiction-Film stammen könnte: Ärzte wollen seinen Kopf abtrennen und auf einen fremden Körper transplantieren. Es wäre das erste Mal, dass statt eines Organs ein ganzer Körper gespendet würde. Ein Meilenstein der Medizingeschichte.

Der 30-jährige Russe leidet an Morbus Werdnig-Hoffmann. Einer seltenen Muskelerkrankung, die oft zu einem frühen Tod führt. „Ich bin jetzt 30 Jahre alt, die meisten mit dieser Krankheit werden nicht einmal 20“, so Spiridonov. Seinem Schicksal will er mithilfe des Neurologen Dr. Sergio Canavero entgehen.

 

Verbindung des Rückenmarks als größte Hürde

Canavero erklärte bereits 2013, dass er die erste Kopftransplantation beim Menschen plant. „Die größte technische Hürde, die es dabei zu überwinden gilt, ist die Verbindung des Rückenmarks von Spender und Empfänger. Ich behaupte, dass seit Kurzem die Technologie dafür existiert“, schreibt er dazu. Canavero gab dem Projekt den nicht gerade moderaten Namen: Heaven – eine Abkürzung für „head anastomosis venture“. Auf Deutsch: Kopf-Anastomosen-Wagnis. Als Anastomose wird in der Medizin die Verbindung zweier anatomischer Strukturen, wie zum Beispiel Blutgefäßen oder eben Nerven, bezeichnet.

Neuen Wind bekam sein Vorhaben, nachdem er bei einem sogenannten TEDx Talk dafür warb.

 

Köpfe von Hunden transplantiert

Doch Canavero ist nicht der Erste, der sich an das riskante Vorhaben wagt. Schon in den 1950er Jahren bereitete der russische Arzt Vladimir Demikhov den Weg für das geplante Experiment. Dieser hielt sich jedoch noch vom Menschen fern und experimentierte an Hunden. Wie er in einem Laborbericht festhält, gelang es ihm am 24. Februar 1954 den Kopf und die Vorderbeine eines Welpen an den Nacken eines Deutschen Schäferhundes zu transplantieren. Ein Blutkreislauf versorgte beide Tiere. Demikhov notierte wie der transplantierte Kopf am Abend einen seiner Wissenschaftler in die Hand biss oder sich bewegte, als wolle er sich von seinem neuen Körper befreien. Doch den Tieren war kein langes Leben vergönnt. Bei den meisten von Demikhovs Experimenten starben die Hunde nach wenigen Tagen. Der Grund war meist eine tödliche Immunreaktion. Ein Paar überlebte einen knappen Monat.

So skurril seine Experimente wirken mögen, Demikhov gilt heute als Vorreiter der modernen Transplantationsmedizin. Besonders seine Erkenntnisse über die Immunreaktionen halfen, die ersten Organspenden erfolgreich durchzuführen – und so Tausenden das Leben zu retten.

 

Fachleute glauben nicht an Kopftransplantation

Das aktuelle Experiment wird von Fachleuten eher mit Skepsis beäugt. Canavero möchte das Rückenmark von Spender und Empfänger mithilfe der Chemikalie Polyethylenglycol (PEG) verbinden. Studien weisen darauf hin, dass sie bei Rückenmarksverletzungen den Nervenzellen hilft, wieder zusammenzuwachsen. Allerdings gibt es darauf bislang nur erste Hinweise – aus Studien mit Hunden. Ob diese oder andere Methoden aus Tierversuchen beim Menschen funktionierten, ist nicht geklärt. Das sagt auch der Wissenschaftler Richard Borgens der Zeitschrift New Scientist: „Es gibt keinen Hinweis, dass die Verbindung des Rückenmarks nach einer Kopftransplantation beim Menschen funktioniert.“  Und Borges war es immerhin, der die eben beschriebenen Studien mit PEG an Hunden durchführte. Auch andere Wissenschaftler können nicht glauben, dass Canaveros Vorhaben erfolgreich ist.

Valery Spiridonov, der sich wohl am meisten sorgen sollte, bleibt hingegen entspannt. Er sagt: „Ich verstehe die Risiken einer solchen Operation. Es gibt unendlich viele. Wir können uns nicht einmal vorstellen, was alles schieflaufen kann.“ Doch er dann gibt er zu bedenken: „Früher galt es auch als unmöglich, ein Herz zu transplantieren. Heute machen Ärzte genau das und retten Leben damit.“

Hamburg, 16. April 2015

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