Gibt es in 20 Jahren nur noch Designer-Babys?

Eine Laborarbeiterin betrachtet ein Reagenzglas mit einem Baby darin
Aussehen, Charakter und Gesundheit eines Neugeborenen – diese Dinge entspringen bald nicht mehr einer Laune der Natur, sondern werden vor der Zeugung von den Eltern festgelegt, behauptet ein US-Wissenschaftler © Fotolia

Ein Stanford-Professor hat eine unglaubliche These aufgestellt: Schon in 20 Jahren werden die meisten Babys im Labor gezeugt – Sex ist zur Fortpflanzung dann nicht mehr notwendig.

Die Zeugung eines Kindes auf die herkömmliche Art wird schon bald die Ausnahme sein, so die These von Professor Henry Greely von der Stanford University in Kalifornien.

In seinem neuen Buch „The End of Sex and the Future of Human Reproduction“ (Das Ende von Sex und die Zukunft der menschlichen Fortpflanzung) malt er ein Szenario, das wenig mit unserer bisherigen Vorstellung von der Entstehung menschlichen Lebens zu tun hat.

 

Designer-Babys aus Sperma und Haut

„Wenn in 20 bis 40 Jahren ein Paar ein Baby möchte, stellt er Sperma zur Verfügung und sie ein Stück Haut“, erzählt Prof. Greely gegenüber der Zeitung „The Times“. Aus der Haut der Frau werden dann Stammzellen gewonnen, die im Labor zu Eizellen heranwachsen. Diese werden mit den Spermien des Mannes befruchtet – so entstehen zahlreiche Embryonen.

Jetzt beginnt nach der Vorhersage von Prof. Greely das Auswahlverfahren. Zunächst werden die Embryonen mit ernsthaften Krankheiten aussortiert. Die restlichen werden in Kategorien aufgeteilt, beispielsweise nach Aussehen: Haarfarbe, Augenfarbe, in welchem Alter die Haare weiß werden. Eine weitere Kategorie werden nach Prof. Greelys Ansicht Charakter und Verhalten des Kindes bilden – obwohl er einräumt, dass in diesem Gebiet selbst in einigen Jahrzehnten keine genaue Vorhersage möglich sein wird: „Wir werden nicht sagen können ‚dieses Kind gehört zu dem einen Prozent der Intelligentesten.’ Wir werden wahrscheinlich sagen können, ‚dieses Kind hat eine 60-prozentige Chance, zur intelligenteren Hälfte der Bevölkerung zu gehören.“

Prof. Greely glaubt, dass die neuen Designer-Methoden schnell zur Norm werden und dass diese Entwicklung zu einer Stigmatisierung natürlich gezeugter Kinder führt. Eltern, die sich für den natürlichen Zeugungsweg entscheiden, könnten demnach als verantwortungslos angesehen werden.

 

Wird die Prognose wirklich eintreten?

Mediziner arbeiten seit Jahrzehnten an der Weiterentwicklung der Methoden zur künstlichen Befruchtung. Bisher müssen für die sogenannte In-vitro-Fertilisation (Lateinisch: „Befruchtung im Glas“) Eizellen aus dem Eierstock der Frau entnommen und ein Teil davon nach der Befruchtung für spätere Versuche eingefroren werden. Die Gewinnung von Stammzellen aus der Haut – an der bereits gearbeitet wird – könnte dieses aufwendige Verfahren überflüssig machen.

Weitaus bedenklicher aus ethischer Sicht ist die Ausweitung der sogenannten Präimplantationsdiagnostik (PID) – dieser Begriff bezeichnet die Untersuchung eines Embryos als Grundlage für die Entscheidung, ob er in die Gebärmutter einer Frau eingepflanzt oder „entsorgt“ wird. Die PID existiert bereits seit den 1990er Jahren. Sie ermöglicht beispielsweise die Erkennung des Geschlechts und von Anomalien im Erbgut. Sie ist gesetzlich streng geregelt – in Deutschland ist sie bisher nur in Ausnahmefällen zur Vermeidung von Tot- und Fehlgeburten sowie schweren Erbkrankheiten erlaubt.

Um die PID auf ein „Auswahlverfahren“ nach Aussehen und Charakter des Kindes auszuweiten, müssten neben medizinischen auch erhebliche gesetzliche Hürden genommen werden. Kritiker der PID führen beispielsweise die Diskriminierung behinderter Menschen an, die die Ausweitung der PID zur Folge haben könnte. Wenn Paare die Möglichkeit hätten, vor der Zeugung behinderte und kranke Embryonen auszusortieren, lastete demnach ein gesellschaftlicher Druck auf ihnen, dies auch zu tun. Damit würde das Existenzrecht behinderter Menschen in Frage gestellt.

Bei einem „optischen Auswahlverfahren“, bei dem Augen- und Haarfarbe des Kindes ausgewählt werden könnten, ist noch mit weitaus mehr kritischen Stimmen zu rechnen – ob ein solches Verfahren in den kommenden Jahrzehnten zugelassen wird, bleibt daher fraglich.

Hamburg, 30. März 2016

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