Gezielte Corona-Infektion: Über 15.500 Freiwillige bereit für Impfstoff-Studie

Mona Eichler Health-Redakteurin

Könnte eine Studie, in der sich Freiwillige gezielt mit dem Coronavirus infizieren lassen, den Durchbruch bei der Suche nach einem Impfstoff gegen SARS-CoV-2 sein? Über 15.500 Menschen denken das und unterstützen die Kampagne "1Day Sooner".

Inhalt
  1. Ein Impfstoff – aber zeitnah!
  2. Tausende Freiwillige für Impfstoff-Studie
  3. Eine Frage der Ethik – vor allem in Deutschland
  4. Erst ein Medikament, dann ein Impfstoff

Aktuell sind laut der Johns Hopkins University über 4,1 Millionen Menschen weltweit mit dem potentiell tödlichen Coronavirus infiziert. Die Zahl der Toten stieg in den vergangenen Wochen auf über 282.000 (Stand 11. Mai). 
Wo Menschen versuchen, über Social Distancing beziehungsweise Smart Distancing eine Infektion mit SARS-CoV-2 zu verhindern, scheint es Irrsinn, dass zeitgleich über 15.500 Menschen dazu bereit sind, gezielt an COVID-19 zu erkranken.

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Ein Impfstoff – aber zeitnah!

Der US-amerikanische Harvard-Doktorand Chris Bakerlee steht der Kampagne "1Day Sooner" vor, die ein klar definiertes Ziel hat: die schnelle Entwicklung eines Corona-Impfstoffs. Anstoß der Kampagne ist die Tatsache, dass reguläre klinische Studien Monate Zeit in Anspruch nehmen, die Welt aber jetzt auf einen Impfstoff für SARS-CoV-2 wartet.

Auf ihrer Homepage erklären die Initiatoren von "1Day Sooner", wie ihre Freiwilligen-Studie die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs beschleunigen soll. Zunächst würde alles so ablaufen, wie in klassischen klinischen Studien, in denen ein Wirkstoff gegen einen bestimmten Erreger auf seine Wirksamkeit und seine Verträglichkeit getestet wird. In drei Phasen untersuchen Wissenschaftler dabei immer mehr Testpersonen. In Phase 1 sind es meist unter 100 Probanden, die an einer Studie teilnehmen. Ein Teil dieser Gruppe bekommt den Wirkstoff verabreicht, der andere erhält ein Placebo oder eine Standardtherapie. In Phase 2 werden um die 300 Personen untersucht. Liefert diese Phase positive Ergebnisse, können an Phase 3 bis zu 10.000 Menschen teilnehmen.

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Im Endteil der Phase 3 möchte "1Day Sooner" einen neuen Weg gehen und alle Probanden gezielt mit SARS-CoV-2 in Kontakt bringen. In der Regel ist es so, dass man in Phase 3 überprüft, welcher der Probanden sich nach dem Verabreichen des Wirkstoffs, des Placebos oder der Standardtherapie auf natürlichem Wege mit einem Erreger infiziert. Bringt man sowohl die geimpften Probanden als auch die, die ein Placebo erhalten haben, in gezielten Kontakt mit dem Erreger, würde der Beobachtungszeitraum um Wochen verkürzt und man brauche weniger Freiwillige, betonen Dr. Chris Bakerlee und sein Team.

 

Tausende Freiwillige für Impfstoff-Studie

Trotz der weltweiten Angst vor COVID-19 meldete sich eine überwältigende Anzahl an Menschen bei "1Day Sooner": Am 11. Mai zeigte der Zählstand 15.586 Freiwillige aus 102 Ländern. 

Aktuell ist die Studie nicht genehmigt, die Freiwilligen können sich also noch entspannt zurücklehnen. Ob "1Day Sooner" überhaupt anläuft, ist fraglich.

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Eine Frage der Ethik – vor allem in Deutschland

Hinter einer Genehmigung steht die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, Tausende Freiwillige gezielt mit dem Coronavirus zu infizieren – und damit zu riskieren, dass einige von ihnen sterben. 
Sogenannte "Human Challenge Trials" fanden in der Vergangenheit zwar schon mit anderen Erregern statt, beispielsweise mit Cholera, Zika oder Malaria, sind aber umstritten. Joerg Hasford, Vorsitzender des deutschen Arbeitskreises Medizinischer Ethik-Kommissionen, erklärte laut "dpa", warum es "Human Challenge Trials" in Deutschland in den jüngsten Jahrzehnten nicht gegeben hat: "So eine Challenge-Studie wäre eine absolute Ausnahme, weil wir in Deutschland nach den Erfahrungen des Dritten Reichs sehr, sehr hohe ethische und auch rechtliche Standards haben." Unter Adolf Hitler hatten Nationalsozialisten unmenschliche Experimente an KZ-Inhaftierten durchgeführt. 

Um hierzulande eine HCT anlaufen zu lassen, müssten das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und eine Ethikkommission zustimmen. PEI-Präsident Klaus Cichutek signalisierte vor Kurzem allerdings bereits, dass das Thema derzeit nicht anstehe: "Es gibt eine gewisse fachliche Diskussion zu sogenannten Human Challenge Trials. Das können wir vielleicht später noch einmal abhandeln. Aber das ist nicht der Trend."

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Erst ein Medikament, dann ein Impfstoff

Für Joerg Hasford würde sich die Situation erst ändern, wenn es vor einer Human Challenge Trial ein Medikament gebe, das den Krankheitsverlauf von COVID-19 deutlich mildern würde. Erst dann könnten Freiwillige mit dem Coronavirus infiziert, aber nicht in Lebensgefahr gebracht werden. 
"In dem Augenblick, in dem wir zum Beispiel eine sehr wirksame Therapie hätten, wäre das natürlich ethisch vergleichsweise leicht zu vertreten", sagte der Mediziner. "Wenn sich also zum Beispiel zeigt, dass man mit [dem Ebola-Medikament] Remdesivir eine sehr gute, wirksame Therapie hätte für schwerste Verläufe und man nähme Probanden, die definitiv nicht zur Risikogruppe gehören, dann könnte ich mir vorstellen, dass man sowas auch in Deutschland macht."


Quellen:
1Day Sooner – COVID-19 Human Challenge Trials, in: 1daysooner.org
Challenge-Studien: Gezielte Corona-Infektion für die Forschung?, in: apotheken-umschau.de
COVID-19 Dashboard by the Center for Systems Science and Engineering (CSSE) at Johns Hopkins University (JHU), in: coronavirus.jhu.edu

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