Gesundes Immunsystem trotz Kaiserschnitt

Verena Elson
Ein Arzt hält ein Neugeborenes im Arm
Schon mit der Geburt beginnt der Aufbau der Darmflora des Babys – diese ist wichtig für ein starkes Immunsystem. Da Kaiserschnitt-Babys den Geburtskanal nicht passieren, wird ihr Darm nicht mit den ersten wichtigen Bakterien ausgestattet – US-Forscher übe © Alamy

Während der natürlichen Geburt statten Mütter ihre Babys mit wichtigen Bakterien aus, die den Grundstein für ein starkes Immunsystem bilden. Bei einem Kaiserschnitt bleibt dem Neugeborenen dieser Startvorteil bisher verwehrt – US-Forscher haben jetzt einen Trick entwickelt, der das in Zukunft ändern könnte.

Wenn ein Baby zur Welt kommt, beginnt für sein Immunsystem ein gehöriges Stück Arbeit: Es muss lernen, sich gegen „feindliche Eindringlinge“ wie Viren und Bakterien zu wehren. Den Grundstein dazu bietet ihm seine Darmflora: Denn sie unterstützt das Immunsystem, indem sie verhindert, dass sich über die Nahrung aufgenommene Krankheitserreger im Darm ausbreiten und ins Blut übergehen. Mehr noch: Im Darm werden 80 Prozent aller Abwehrzellen gebildet.

Doch auch die Darmflora muss zunächst aufgebaut werden. Der natürliche Geburtsvorgang spielt dabei eine entscheidende Rolle: Auf dem Weg durch den Geburtskanal wird das Baby mit Bakterien von seiner Mutter versorgt, die sich im Darm ansiedeln und ideale Startbedingungen für die Entwicklung des Immunsystems schaffen.

Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen, haben diesen Startvorteil nicht und neigen darum eher zu Allergien und Asthma. Auch Übergewicht und Diabetes kommen bei ihnen häufiger vor – vermutlich, weil die Darmflora auch an der Steuerung des Körpergewichts beteiligt ist.

Mediziner überlegen seit Längerem, wie Kaiserschnitt-Babys nachträglich mit der bakteriellen Schutzschicht ausgestattet werden können. New Yorker Wissenschaftler haben sich dazu einen Trick ausgedacht, den sie derzeit in einem Experiment testen und der bereits vielversprechende Erfolge zeigte. Über die Studie wird in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ berichtet.

 

Babys erhalten nachträglich bakterielle Schutzschicht

Für das Experiment platzieren die behandelnden Ärzte kurz vor der Durchführung des Kaiserschnitts ein Stück Mull im Geburtskanal der werdenden Mütter, wo es sich mit den Bakterien des Geburtskanals vollsaugt. Sobald das Baby auf der Welt ist, wird es mit dem mütterlichen Bakterienfilm eingerieben – zunächst Mund und Gesicht, dann der Rest des Körpers. Anschließend untersuchen die Forscher, welche Bakterien sich auf dem Neugeborenen angesiedelt haben und vergleichen die Ergebnisse mit denen von Kindern, die natürlich zur Welt kamen oder die nach dem Kaiserschnitt keine „Bakterienkur“ durchliefen.

Der veröffentlichte Bericht schildert die Ergebnisse der ersten Durchläufe bei der noch andauernden Studie. Demnach ähnelten die Mund- Haut- und Darmbakterien der Babys, die eingerieben wurden, weit mehr denen von vaginal geborenen Kindern als die der nicht eingeriebenen Säuglinge. So war beispielsweise das Bakterium Lactobacillus bei den behandelten Babys deutlich stärker vertreten. Es stärkt das Immunsystem, bekämpft E. Coli-Bakterien und schützt vor Laktose-Unverträglichkeit.

Die Ergebnisse sind vielversprechend, das finale Studienziel ist damit aber noch nicht erreicht, so Studienleiterin Maria Dominguez-Bello: „Die letzte – und wichtigste – Untersuchung wird natürlich sein, Babys für drei oder fünf oder sieben Jahre zu begleiten und festzustellen, ob diese Sanierung das Risiko einiger der Krankheiten, die wir mit einer Kaiserschnitt-Geburt assoziieren, verringert.“

Wenn dies der Fall ist, planen die Forscher, Bakterienpräparate zu entwickeln, die alles enthalten, was Neugeborene zum Aufbau eines starken Immunsystems benötigen.

Hamburg, 2. Februar 2016

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