Ungeschützter Sex: “Geschlechtskrankheiten kriegen nur die anderen“

Viele Deutsche gehen das Risiko von Geschlechtskrankheiten ein
„Es wird schon nichts passieren“ – ungeschützter Sex mit Unbekannten ist keine Ausnahme © Shutterstock

Alle dachten, Verhütung sei kein Problem mehr. Ist es doch, sagen die Zahlen! Geschlechtskrankheiten wie Tripper und HIV zum Trotz: Die Deutschen sind zu leichtsinnig. Sexualpsychologe Christoph J. Ahlers im Interview.

Mal ein Ausrutscher, Kondom vergessen, nicht der Rede wert. Verhütung ist ein Thema für Achtklässler, nicht mehr für uns, die mit AIDS-Kampagnen groß geworden und von Dr. Sommer zur Vernunft erzogen worden sind. Denkt man. Und dann liest man in einem Zeitungsartikel, dass die Zahl der HIV-Erstdiagnosen innerhalb von fünf Jahren um 81 Prozent gestiegen ist. Man liest, dass fast jeder dritte Deutsche schon ungeschützten Sex mit jemandem hatte, dessen sexuelle Vergangenheit er nicht kannte. Jeder Dritte. Das heißt: auch jemand aus dem Freundeskreis. Nur wer? Man kann sich nicht vorstellen, wer so leichtsinnig sein würde, also fragt man nach und stellt fest: jemand wie wir, aufgeklärte, selbstbewusste, souveräne Frauen. Und Männer. Warum? Weil Kondome lästig sind. Weil fragen peinlich ist. Was soll die Frage überhaupt? Ist doch immer gut gegangen. Und man merkt, dass wohl doch noch nicht alles gesagt ist.

 

Sexualpsychologe Christoph J. Ahlers über ungeschützten Sex

Herr Ahlers, bei Sex denken wir nicht an die Gefahr von sexuell übertragbaren Krankheiten wie Tripper oder HIV. Wir haben ungeschützten Sex. Warum?

Weil wir ein theoretisches Ansteckungsrisiko nicht als persönlich bedrohlich erleben. Es ist dasselbe wie beim Rauchen: Jeder weiß, dass es tödlich sein kann, trotzdem rauchen Millionen Menschen. In unserem Erleben sind es immer die anderen, die erkranken. Deswegen sind die meisten überrascht, wenn es plötzlich sie selbst betrifft.

Gibt es noch andere Gründe für die Nachlässigkeit?

Der Hauptgrund ist eines der großen Dilemmata der menschlichen Natur: Wissen allein verändert kein Verhalten.

Aufklärungskampagnen sind demnach wirkungslos?

Sie bieten Informationen, nicht die Fertigkeiten, sie umzusetzen. In den 80er Jahren entstand durch die massive Aufklärungsarbeit zum Thema AIDS eine Hysterie. Aber, und das ist auch typisch menschlich: Anstatt dass sich das Verhalten auf einem mittleren Niveau angleicht, hat es sich ins Gegenextrem entwickelt, in Gleichgültigkeit und Verdrängung der objektiven Gefahren. Verhalten ändert sich nur, wenn die Fertigkeiten zur Veränderung vorhanden sind und es dafür eine Belohnung gibt.

Reicht es als Belohnung nicht, dass man keine Krankheit bekommt?

Einen negativen Verstärker – also: eine unangenehme Konsequenz tritt nicht ein – erleben wir weniger intensiv als eine positive Belohnung. Stellen Sie es sich so vor: Ich habe eine Tafel Schokolade. Esse ich sie nicht, tritt die negative Konsequenz – ich werde dick – nicht ein. Esse ich sie, fühle ich mich wohl. Die unmittelbare Belohnung ist immer die stärkere.

Kann man sein Verhalten trotzdem ändern?

Es geht allein über Kommunikation: Ich weiß, es gibt sexuell übertragbare Krankheiten, also benutze ich Verhütungsmittel, wenn ich mit jemandem Sex habe, den ich nicht kenne. Da das verlässlich nur mit Kondomen geht, muss ich vorher mit ihm oder ihr darüber sprechen.

Warum fällt uns das in der konkreten Situation so schwer und wir haben trotzdem ungeschützten Sex?

Weil wir nicht lernen, unsere sexuellen Befürchtungen und Bedürfnisse auszusprechen. Wir kämpfen mit den gleichen Ängsten, Unsicherheiten und Schamgefühlen wie früher. Die meisten fühlen sich unter Leistungsdruck und wollen im Bett nicht versagen. Wir schweigen und hoffen, dass wir ums Reden herumkommen, indem wir einfach machen. Wenn überhaupt, wird erst unmittelbar davor gefragt: Müssen wir aufpassen? Und dann sagt der andere: Nee, ist schon okay.

Ist es vor allem ein Problem von Frauen, Verhütung anzusprechen?

Die Unsicherheiten sind bei Frauen und Männern gleich. Beide denken, sie müssen es sexuell bringen. Sie denkt: Ich muss begehrenswert, sexy und willig sein. Er denkt: Ich muss männlich, dominant und potent sein. Kommunikation fehlt in dieser Schablonenwelt. In der Angst, nicht zu genügen, denken viele, sie müssen sich anpassen, sonst werden sie abgelehnt. Mit Intimität hat das nichts zu tun.

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