Gefahr aus der Reinigung

Eine Frau in der Reinigung
Durch die sogenannte Trockenreinigung von Textilien gelangen gefährliche Giftstoffe in unser Grundwasser © Fotolia

Die Qualität des Leitungswassers in Deutschland gilt als eine der besten der Welt. Doch auch hierzulande findet sich mancherorts ein gefährlicher Stoff im Wasser, von dem kaum einer weiß und der trotzdem im Verdacht steht, schwere Krankheiten auszulösen: Tetrachlorethen. Praxisvita hat für Sie die Fakten.

1991 wurde in Kaarst – einer kleinen Stadt am Niederrhein – eine erhebliche Verunreinigung des Grundwassers mit dem gesundheitsgefährdenden Stoff Tetrachlorethen (PER) festgestellt. Die Behörden standen vor einem Rätsel: Wie konnte PER in das Grundwasser gelangen?

Es folgten zehn Jahre, in denen Experten die Grundstücke in Kaarst nacheinander untersuchten. Erst 2001 wurde die Ursache gefunden: Eine Anwohnerin berichtete, dass sich in den Jahren 1975 bis 1981 eine chemische Textilreinigung auf ihrem Grundstück befunden habe. Dieser Betrieb nutzte PER für ein spezielles Verfahren, die sogenannte Trockenreinigung – auch heute ist diese Methode noch in ganz Deutschland üblich.

Da die Werte auch in den Folgejahren noch erhöht waren, beschloss die Kreisverwaltung 2008 die Installation einer großen Filteranlage, die das Wasser bis heute filtert. Kostenpunkt: rund 380.000 Euro.

Bei Entdeckung der Schadensursache war die Stilllegung der Reinigungsfirma bereits 20 Jahre her. Der Fall macht deutlich, dass selbst eine kurzzeitige Verunreinigung des Grundwassers mit PER – der Betrieb hatte nur sechs Jahre existiert – Jahrzehnte andauernde Schäden verursachen kann.

 

Einzelfall verdeutlicht Grundsatzproblem

Das Problem in Kaarst kann überall auftreten, wo mit Tetrachlorethen gearbeitet wird – und das ist vor allem dort der Fall, wo chemische Textilreinigungen (Trockenreinigung) und metallverarbeitende Industrien (Metallentfettung) ansässig sind. Eine akute Gesundheitsgefährdung, von der die Öffentlichkeit wenig weiß.

Die US-amerikanische Forscherin Ann Aschengrau von der Boston University School of Public Health warnt in diesem Zusammenhang, dass heute nicht festgestellt werden könne, welcher PER-Konzentration die Menschen in Regionen mit belastetem Trinkwasser in der Vergangenheit tatsächlich ausgesetzt waren. Das „erhöhte Risiko für Erkrankungen“ bei  den Betroffenen bleibe deswegen auch in Zukunft noch für viele Jahre real.

 

Grenzwerte eignen sich nur bedingt

Für Tetrachlorethen gilt in Deutschland ein strenger Grenzwert (10 µg pro Liter Wasser), der in der Regel auch nicht überschritten wird. Allerdings zeigt eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahre 2006, dass die Werte auch auf kleinem Raum sehr unterschiedlich ausfallen können. Das Vorhandensein von beispielsweise einer chemischen Reinigung oder einem metallverarbeitenden Betrieb kann die PER-Werte im Wasser in die Höhe treiben. Problematisch ist in diesem Zusammenhang, dass Wasserproben, mit denen die Verunreinigung gemessen wird, an den Wasserwerken genommen werden, die sich wiederum in Wasserschutzzonen – also weit entfernt von metallverarbeitenden Industrien oder chemischen Reinigungen – befinden. Eine verlässliche Aussage darüber, wie die Grundwasserbeschaffenheit in unmittelbarer Nähe von Tetrachlorethen nutzenden Einrichtungen ist, kann mit diesen Tests also kaum getroffen werden.

Einen Grenzwert für Tetrachlorethen in der Luft gibt es in Deutschland seit 2005 übrigens nicht mehr. Der wurde mit der Novellierung der Gefahrenstoffverordnung (GefStoffV) außer Kraft gesetzt, ungeachtet der Tatsache, dass vor allem Mitarbeiter in der Metallindustrie und von Textilreinigungen hohen PER-Werten in der Luft ausgesetzt sein können.

 

Welche Gefahren drohen durch PER-Verbindungen?

Die mit der Aufnahme von Tetrachlorethen in Verbindung gebrachten Risiken für die Gesundheit sind sehr weitreichend. Bereits seit den 80er Jahren gilt der Stoff als ein sogenanntes Karzinogen (krebserregender Stoff).

Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Boston University School of Public Health konnte eine Verbindungen von Tetrachlorethen und Schwangerschaftskomplikationen nachweisen. So hatten Schwangere, die mit PER in Kontakt gekommen waren, ein um das 2,3-fache höheres Risiko für eine Totgeburt. Die Autoren der Studie benennen Trinkwasser ausdrücklich als Quelle für die Aufnahme von Tetrachlorethen bei den werdenden Müttern.

Eine weitere Studie – ebenfalls von Forschern der Boston University – aus dem Jahre 2012 beschreibt nicht nur Textilreinigungsfirmen und die metallverarbeitende Industrie als Ursprung für gesundheitsgefährdende PER-Belastungen, sondern Tetrachlorethen auch als „Nervengift“. Demnach werden durch den Kontakt mit dem Stoff Stimmungsschwankungen, Angstzustände, Depressionen und Schizophrenie ausgelöst – wobei Kinder besonders gefährdet seien. Die Aufnahme von PER-Verbindungen über einen längeren Zeitraum sei zudem bedenklich, da sich der Stoff im Fettgewebe des Menschen ablagere und nur langsam abgebaut werden könne.

 

Fragen Sie bei Ihrem Wasserwerk nach

Die Datenlage über die Verunreinigung des Grundwassers mit Tetrachlorethen ist zum Teil sehr veraltet. Die umfassende Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahre 2006 berücksichtigt beispielsweise Messungen, die zum Teil über 30 Jahre alt sind. Deswegen eignet sich eine Anfrage beim örtlichen Wasserwerk immer noch am besten, wenn Sie wissen wollen, ob eine Belastung Ihres Trinkwassers vorliegt.

Darüber hinaus können Sie auch privat Ihr Trinkwasser in einem unabhängigen Institut untersuchen lassen. Die Kosten dafür variieren zwischen 120 und 250 Euro.

Hamburg, 6. Oktober 2014

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