Gedächtnisstörungen richtig einschätzen

Redaktion PraxisVITA
Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ursachen
  3. 3. Symptome
  4. 4. Diagnose
  5. 5. Behandlung
  6. 6. Vorbeugung
  7. 7. Das sagt der Experte

Gedächtnisstörungen sind häufig mit Angst – etwa vor Demenz – belastet. Doch nicht immer sind Veränderungen der Gedächtnisleistung, Erinnerungslücken und Vergesslichkeit krankhaft. Lesen Sie beruhigende und informative Antworten von Dr. Hans-Georg Bredow, unserem Experten für Neurologie.

 

Wie erkenne ich, ob ich nur vergesslich bin oder an einer ernstzunehmenden Gedächtnisstörung leide?

Dr. Hans-Georg Bredow
Neurologe und Psychiater Dr. Hans-Georg Bredow: „Einzelne, erklärbare Gedächtnisstörungen sollten nicht überbewertet, sondern immer im Kontext beurteilt werden.“© Privat

Entscheidend ist, ob eine Veränderung stattgefunden hat. Wenn ich mir schon immer Namen, Ereignisse oder Orte schlecht merken konnte und das tritt nun geringfügig verstärkt auf, ist das nicht besorgniserregend. Kommt es aber im Vergleich zu meiner bisherigen Gedächtnisleistung zu einer auffälligen Veränderung, sollte ich einen Arzt aufsuchen. Beim Hausarzt oder Facharzt, gegebenenfalls auch in einer Klinik, kann anhand verschiedener Tests festgestellt werden, ob tatsächlich eine krankhafte Veränderung der Gedächtnisleistung vorliegt und worin die Ursache liegt.

 

Welche Tests werden beispielsweise durchgeführt?

Anhand eines Labortests lässt sich feststellen, ob zum Beispiel eine Schilddrüsenunterfunktion oder ein Vitamin B12-Mangel vorliegt. Ergänzend sollte bei unklarer Symptomatik eine Nervenwasseruntersuchung durchgeführt werden. Auch kann die Hirnstromkurve gemessen werden, um festzustellen, ob die Schwingungen in diesen Kurven langsamer auftreten. Eine Untersuchung der Halsschlagader zeigt, ob eine Arterienverkalkung vorliegt. Ebenfalls muss abgeklärt werden, ob vielleicht eine psychische Erkrankung die Gedächtnisstörung verursacht.

 

Erleben Sie Fälle, bei denen sich keine körperliche Ursache für die Gedächtnisstörung finden lässt?

Das passiert sogar relativ häufig. Ich erlebe in meiner Praxis oft eine vorweggenommene Angst vor einer Demenz. Die Patienten erinnern zum Beispiel Namen schlechter und sind beunruhigt. Aber: Es ist ein normaler Vorgang, dass eine Sekretärin, die ihr ganzes Berufsleben lang ein extrem gutes Namensgedächtnis hatte, zwei Jahre nach der Pensionierung wahrscheinlich eine Verschlechterung auf diesem Gebiet feststellt. Das ist in der Regel auf einen mangelnden Trainingseffekt zurückzuführen. Einzelne, erklärbare Gedächtnisstörungen sollten nicht überbewertet, sondern immer im Kontext beurteilt werden.

Eine Frau steht vor einer Pinnwand voller Merkzettel
Bei Stress ist das Gehirn so darauf konzentriert, die aktuelle belastende Situation zu überstehen, dass andere Dinge in den Hintergrund gedrängt und leichter vergessen werden© Fotolia
 

Löst Stress Gedächtnisstörungen aus?

Definitiv, allerdings handelt es sich dabei nicht um eine krankhafte Gedächtnisstörung, auch wenn die Symptome, die erlebt werden, diesen sehr ähnlich sind. Es ist ganz einfach nachzuvollziehen: Wenn mein Speicher voll ist, dann wird es für das Gehirn immer schwerer, neue Informationen aufzunehmen. Der Betroffene muss dann priorisieren, das heißt seine Aufmerksamkeit den wirklich wichtigen Sachverhalten widmen. Ereignisse wie den Schlüssel irgendwo ablegen, geschehen unbewusst, da die Gedanken mit anderen Dingen beschäftigt sind – später wird der Schlüssel deshalb nicht wiedergefunden. Stress schränkt unsere Konzentration – unsere Aufmerksamkeit – ein und mit eingeschränkter Aufmerksamkeit können wir vieles schlechter abspeichern.

 

Also sollte ich erst einmal meine Lebensumstände unter die Lupe nehmen, bevor ich Angst bekomme, ernsthaft erkrankt zu sein?

Der Stressfaktor ist auf jeden Fall in Erwägung zu ziehen. Meist ist den Patienten, die zu mir kommen, dieser Zusammenhang gar nicht bewusst. Es gilt zu schauen, wie viele Aufgaben parallel bearbeitet werden müssen. Gibt es zum Beispiel gerade finanzielle, familiäre oder berufliche Probleme in meinem Leben, die mich so stark in Beschlag nehmen, dass ich für andere Dinge gar nicht offen bin.

 

Ist meine Gedächtnisleistung durch Ernährung beeinflussbar?

Darüber gibt es keine gesicherten Kenntnisse. Aber: Es scheint durchaus so zu sein, dass die mediterrane Ernährungsweise sich positiv auf die Gedächtnisleistung auswirkt. Prinzipiell ist es so, dass ein unausgeglichener Blutzucker die Hirnleistung beeinträchtigt. Bin ich stark unterzuckert – das geschieht, wenn lange nichts gegessen wird –, fehlt dem Gehirn der neben dem Sauerstoff wichtigste Nährstoff: Zucker. Ohne den Kraftstoff Zucker arbeitet unser Gehirn nur eingeschränkt und die Konzentration und Wahrnehmung leidet. Folglich leidet dann auch – zumeist vorübergehend – unser Gedächtnis.

 

Helfen bestimmte Nahrungsergänzungsmittel, einer Gedächtnisstörung vorzubeugen?

Bei einem halbwegs gesunden Menschen, der eine durchschnittliche mitteleuropäische Mischkost zu sich nimmt, ist durch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln kein Zugewinn zu erwarten. Auf diese muss nur zurückgegriffen werden, wenn beispielsweise ein Vitamin B12-Mangel vorliegt, der auch Gedächtnisstörungen auslösen kann. Dies sollte aber vorher mit dem Arzt abgeklärt werden.

Eine ältere Frau hat etwas vergessen
Im Alter nimmt die Gedächtnisleistung ab – häufiger etwas zu vergessen ist dann meist unbedenklich© Fotolia
 

Nimmt die Gedächtnisleistung im Alter ab?

Ja, das hängt mit dem ganz normalen Alterungsprozess des Gehirns zusammen. Viel entscheidender ist aber: Wie beansprucht ist mein Geist? Ebenso wie ein völlig überbeanspruchter Mensch kann auch ein unterbeanspruchter Mensch Gedächtnisstörungen entwickeln. Ein Mensch, der mit dem Alter seinen Erlebnisradius immer mehr einschränkt und seine Verantwortungsbereiche zunehmend abgibt, hat im Regelfall irgendwann auch Probleme mit dem Gedächtnis. Prinzipiell lässt sich sagen: Im Alter wird es schwieriger, neue Dinge zu erlernen, sich mit neuen Inhalten auseinanderzusetzen. Die Gedächtnisleistung aber muss nicht zwingend schlechter werden.

 

Stimmt die allgemeine Annahme, dass Menschen mit höherem IQ seltener von Demenz betroffen sind?

Diese Meinung wird immer wieder vertreten, ist so allgemeingültig aber nicht unkritisch zu übernehmen. Derjenige mit einem höheren IQ besitzt natürlich mehr Reserven im Gehirn. Er kann deshalb Verluste länger kompensieren, bevor sich eine Symptomatik einstellt. Die Demenz tritt dann später auf.

 

Ist die Gedächtnisleistung von Männern und Frauen unterschiedlich?

Es lässt sich beobachten und evolutionsbiologisch nachweisen, dass Frauen und Männer verschiedene Inhalte besser erinnern. Frauen erinnern im emotionalen Bereich häufig besser, Männer wiederum behalten häufig technische Themen leichter. Dies gilt natürlich nur für die Masse und nicht für den Einzelfall. Es hängt auch sehr stark mit dem jeweiligen Interessen zusammen: Mit einer Affinität für ein Thema kann das Erlernte im Regelfall besser behalten werden, als wenn es mühsam eingepaukt wurde. Was den geschlechtsspezifischen Gedächtnisverlust angeht, ist mir keine Differenzierung bekannt.

2 Köpfe mit Zahnrädern
Es lässt sich beobachten und evolutionsbiologisch nachweisen, dass Frauen und Männer verschiedene Inhalte besser erinnern: Frauen erinnern im emotionalen Bereich häufig besser, Männer wiederum behalten häufig technische Themen leichter© istock
 

Warum ist es häufig so, dass manche Dinge im Rückblick positiver erinnert werden als sie tatsächlich waren?

Zum einen ist es so, psychoanalytisch gesprochen, dass das Hirn verdrängt. Denn: Es lebt sich einfach besser ohne Sorgen. Zum anderen ist aber auch festzuhalten, dass die Zukunft immer mit einer Ungewissheit einhergeht, sie ist offener und dadurch auch gefahrenvoller. Für die Vergangenheit gilt das nicht, sie kann nicht mehr schlechter werden. Also fällt alles weg, das potenziell Angst und Sorgen machen könnte und so erscheinen vergangene Ereignisse glänzender. Vielleicht noch ein Beispiel zur Verdeutlichung: Bevor ich durch einen dunklen Wald gehe, habe ich eventuell die Befürchtung, dass ich überfallen werde – eine Befürchtung, die auch sehr intensiv ausfallen kann. Habe ich den Wald durchquert und es ist nichts passiert, ist die Befürchtung nicht mehr existent und die Erinnerung an die Walddurchquerung wird eventuell auch freudig nacherlebt.

Im Interview: Dr. med. Hans-Georg Bredow
Experte für neurologische und seelische Erkrankungen mit biologischem oder psychologischem Ursprung. Als niedergelassener Facharzt für Neurologie und Psychiatrie praktiziert Dr. Bredow am Neuen Wall in Hamburg.
Website: www.neurologie-neuer-wall.de.

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