Frühtest auf Chromosomen-Störung: Fluch oder Segen?

Regelmäßige Ultraschall-Untersuchungen gehören zur Vorsorge während der Schwangerschaft
Regelmäßige Ultraschall-Untersuchungen gehören zur Vorsorge während der Schwangerschaft. Sein ungeborenes Kind auf eine Chromosomen-Störung untersuchen zu lassen, ist nun gefahrlos für Mutter und Kind mit einem Bluttest möglich © Fotolia

Eine Chromosomen-Störung beim ungeborenen Kind kann jetzt viel gefahrloser festgestellt werden. Doch welche Folgen hat dieser medizinische Fortschritt?

Lange Zeit war die Untersuchung des ungeborenen Kindes auf eine Chromosomen-Störung wie das Down-Syndrom mit einem großen Risiko verbunden: Sowohl bei der Punktion von Fruchtwasser als auch bei der Entnahme von Zellgewebe kann es zu einer Frühgeburt kommen. Viele Frauen schrecken deshalb davor zurück und vertrauen auf die regelmäßigen Ultraschall-Untersuchungen während der Schwangerschaft. Doch seit Kurzem gibt es einen Test, für den man lediglich ein paar Tropfen Blut der Mutter benötigt. Ein enormer medizinischer Fortschritt, möchte man zunächst meinen. Aber Experten warnen vor dem vermeintlichen Segen: Kein Test liefert eine 100-prozentige Sicherheit, die Garantie für ein gesundes Kind gibt es nicht. Zudem stellt ein positives Ergebnis die werdenden Eltern vor eine schwere Entscheidung: Abbruch oder Fortsetzung der Schwangerschaft? "Diese möglichen Konsequenzen der Tests sind längst nicht allen werdenden Eltern vorab klar", sagt Prof. Dr. Annegret Geipel, Leiterin des größten deutschen Pränatalzentrums an der Uniklinik Bonn.

 

Je älter die Mutter, desto höher ist das Risiko eines Gendefekts

Noch haben sich erst wenige Paare für die neue Untersuchung entschieden, denn sie kostet mehr als 800 Euro und ist selbst bei einem Vorverdacht auf Down-Syndrom keine Kassenleistung. Doch die Nachfrage steigt, denn viele Frauen werden erst spät schwanger, und die Gefahr für eine Chromosomen-Störung beim Kind steigt mit dem Alter der Mutter. Schon jetzt werden hierzulande 90 Prozent aller ungeborenen Babys mit Down-Syndrom abgetrieben. "Wenn dieser Bluttest Standard bei der Schwangerenvorsorge wird, haben wir in der Gesellschaft ein großes Problem. Wo wollen wir künftig die Grenze ziehen, welches Leben lebenswert ist und welches nicht?", fragt die Baden-Badener Hebamme Jasmin Quentel. Sie steht nicht allein mit der Befürchtung, dass es in naher Zukunft kaum noch Menschen geben wird, die andersartig sind, dass wir uns auf dem Weg zum "perfekten" Menschen befinden. Schon heute berichten Mütter von behinderten Kindern immer wieder, dass sie sich von taktlosen Zeitgenossen fragen lassen müssen, wie "das" denn passieren konnte.

 

Eltern können festlegen, dass der Arzt sie nur über bestimmte Diagnosen informieren soll

Ein schweres Dilemma, für das es keine schnellen Antworten gibt. Prof. Dr. Geipel rät Paaren, sich unbedingt zwei Fragen zu stellen, bevor sie sich für einen pränatalen Test entscheiden: "Wie viel will ich wirklich wissen? Und: Was würde ich tun, wenn sich herausstellt, dass das Baby behindert oder schwer krank ist?" Eltern können festlegen, dass der Arzt sie nur über bestimmte Diagnosen informieren soll – nämlich die, bei denen man Vorsorge treffen kann, damit die Überlebenschancen steigen. "Stellen wir etwa vorab bestimmte Herzfehler fest, kann zur Geburt eine Spezialklinik gewählt werden, bei der das Kind unmittelbar entsprechend versorgt wird", sagt die Expertin.

Kein Paar muss die Entscheidungen für oder gegen mögliche Untersuchungen allein treffen. Schon vor einer Schwangerschaft hat man einen Anspruch auf eine kostenlose Beratung, etwa beim Frauenarzt oder in einem Pränatalzentrum.

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