Fruchtzucker: Killer oder Lebensretter?

Rasmus Cloes
Smoothies
Fruchtzuckerreiche Smoothies – gesund oder schädlich? © Fotolia

Fructose, also Fruchtzucker, ist umstritten. Die einen halten ihn für eine gesunde, pflanzliche Zuckeralternative. Die anderen sehen in ihm einen Stoff der Millionen erkranken lässt. Lesen Sie hier, wer recht hat.

Es ist eine scheinbar kleine Änderung, die Millionen Leben kosten könnte: Im Jahr 1984 änderte Coca-Cola die Rezeptur seines beliebten Softdrinks. Seitdem verwendet der drittgrößte Lebensmittelkonzern der Welt für seine Limonaden statt herkömmlichem Haushaltszucker nur noch einen speziellen Glucose-Fructose-Sirup. Gewonnen wird dieser aus Mais. Der Glucose- Fructose-Sirup enthält zwischen 60 und 90 Prozent Fructose - und je höher der Fructoseanteil ist, desto süßer ist auch der Sirup, der inzwischen zahlreichen Fertigprodukten und Getränken beigefügt wird.

Denn: Der Sirup kostet ein Drittel weniger als Zucker und ist wegen seiner Süße ein idealer Geschmacksträger. So wurde die Entscheidung des Marktführers Coca-Cola zum Signal für seine Mitbewerber: Sie tauschten Zucker gegen den Sirup ein. Die jährlich konsumierte Menge pro US-Bürger stieg von einem viertel Kilo bis 1997 auf über 28 Kilo an.

 

Programmiert Fruchtzucker uns auf Fettleibigkeit?

Viele Konzerne propagieren bis heute, dass Fructose gesünder sei als Zucker: Schließlich kommt Fructose in seiner natürlichen Form in Obst und Honig vor. Fakt ist aber: Die industriell hergestellte Fructose ist so konzentriert, dass sie mit der natürlich vorkommenden fast nichts mehr gemein hat.

Die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlene Maximalmenge von zugesetzten Süßstoffen pro Mahlzeit – egal ob Frucht- oder gewöhnlicher Haushaltszucker – liegt bei 25 Gramm. Doch schon ein Glas Cola enthält etwa das Doppelte. Am Tag, so empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), sollten wir nicht mehr als 10 Prozent der Kalorien durch solche zugesetzten Süßungsmittel aufnehmen. Bei einer durchschnittlichen Frau mit einem Kalorienbedarf von 2300 kcal entsprächen das etwa 50 Gramm. Rund 95 Gramm Zucker nimmt jeder Deutsche jedoch täglich zu sich. Im Jahr sind das etwas mehr als 30 Kilo. Das zeigen Daten des Statistischen Bundesamts. Vieles davon in Form von Maissirup. Denn dieser versteckt sich schon lange nicht mehr nur in Softdrinks, sondern auch in Fertiggerichten, Ketchup oder Eis.

 

Fruchtzucker macht dick

Fructose und Glucose

Fructose (Fruchtzucker) ist ein sogenannter Einfachzucker. Er kommt in der Natur vor allem in Früchten wie Äpfeln oder in Honig vor. Er setzt sich mit der Glucose (Traubenzucker) zum herkömmlichen Haushaltszucker (Saccharose) zusammen.

"Studien haben gezeigt, dass überdurchschnittlicher Fruchtzuckerkonsum in Verbindung mit zunehmender Fettleibigkeit steht", erklärt Alexandra Shapiro, Wissenschaftlerin an der University of Florida, die zum Thema Fructose forscht. Besonders in den USA zeigt sich ein klarer Zusammenhang zwischen dem verstärkten Gebrauch von Maissirup und einem starken Anstieg von übergewichtigen und adipösen Personen in der Bevölkerung.

Dort hat sich die Zahl schwer übergewichtiger Kinder seit Mitte der 1970er Jahre mehr als verdreifacht. Der gleiche Zeitraum indem auch der Maissirup auf den Speiseplan von US-Bürgern rückte. Alleine in den USA führt die Übergewichts-Epidemie zu geschätzten 300 000 bis 400 000 Toten – jedes Jahr. Die Regierung entwirft Notfallpläne. Längst ist Übergewicht zum größten Feind der Supernation geworden. Ein ähnlicher  – wenn auch abgeschwächter – Trend ist in Deutschland zu beobachten.

Dünn oder dick – welche Rolle spielt zugesetzter Maissirup?
Dünn oder dick – welche Rolle spielt zugesetzter Maissirup?© Fotolia

Shapiro macht den Maissirup zwar nicht alleine für die weltweit steigende Zahl Übergewichtiger verantwortlich, sie sieht darin aber einen wichtigen Faktor. Gestützt wird ihre These durch Grundlagenforschung von Wissenschaftlern der Universität Princeton. Diese konnten an Ratten zeigen, dass die Tiere bei gleichbleibender Kalorienzufuhr zunahmen, wenn Maissirup auf ihrem Speiseplan rückte.

Doch das ist noch das geringste Problem. Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung weisen Forschungsergebnisse darauf hin, dass es einen engen Zusammenhang zwischen dem gesteigerten Konsum von Fructose und dem Auftreten von Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, erhöhten Harnsäurewerten und einer diabetischen Stoffwechsellage gibt. "Die daraus resultierenden Folgeerkrankungen heißen Diabetes, Schlaganfall oder Herzinfarkt", erklärt Dr. Birgit Hildebrandt, medizinische Leiterin des HELIOS Prevention Centers (HPC).

 

Fructose so schädlich wie Alkohol?

Studien lassen vermuten: Fruchtzucker schädigt die Leber ähnlich stark wie Alkohol
Studien lassen vermuten: Fruchtzucker schädigt die Leber ähnlich stark wie Alkohol© Fotolia

Damit nicht genug: Eine Studie aus dem Jahr 2013 legt nahe, dass ein hoher Fruchtzuckerkonsum der Leber etwa so sehr schadet, wie Alkoholmissbrauch. Die Forscher sehen den Schaden von Cola & Co. als so groß an, dass sie der Studie den Titel „Fructose – Alkohol ohne den Rausch“ gaben. Andere Untersuchungen konnten beweisen, dass Fruchtzucker den Herzmuskel krankhaft vergrößert. Letztlich droht Herzversagen.

Heißt das jetzt, wir sollten uns möglichst von jeder Form Fruchtzucker fernhalten? Also nicht nur Cola, sondern auch Äpfel, Weintrauben und Erdbeeren meiden, die ebenfalls viel Fructose enthalten? Die Antwort ist ein klares Nein! Denn Studien zeigen: Nicht immer ist Fruchtzucker schädlich. Vielmehr scheint es darauf anzukommen, in welcher Kombination wir den Fruchtzucker aufnehmen.

 

Obst hilft beim Abnehmen

Das zeigt zum Beispiel eine Studie, bei der zwei Gruppen von Probanden die gleich kalorienreduzierte Diät aßen – mit dem einzigen Unterschied: Die eine Hälfte der Probanden bekam zusätzlich noch eine Portion Obst. Die Teilnehmer nahmen also mehr Kalorien zu sich. Das Spannende: Trotzdem verloren die Personen in dieser Gruppe schneller und mehr Gewicht. 

Doch wie erklärt sich dieser Unterschied? Die Autoren der Studie vermuten, dass die anderen Inhaltsstoffe der Früchte wie Pflanzenfasern, Flavonoide und Antioxidantien dabei eine Rolle spielen. Sie helfen anscheinend dem Körper, den Fruchtzucker in einem für ihn gesundem Tempo aufzunehmen.

 

Beeren helfen bei der Zuckeraufnahme

Der positive Effekt der Pflanzenstoffe geht sogar so weit, dass Beeren dabei helfen können, Zucker besser aufzunehmen. Das wiesen Forscher mit einem Experiment nach, bei dem sie Probanden zuerst einfach nur ein Glas Wasser mit drei Esslöffeln Zucker trinken ließen. Wie zu erwarten stieg innerhalb der ersten halben Stunde der Blutzuckerspiegel stark an. Der Körper reagierte darauf, in dem er eine große Menge Insulin freisetzte. Der Blutzuckerspiegel fiel – so stark, dass er nach 90 Minuten sogar deutlich unter seinem Ausgangswert lag. Der Körper antwortet auf einen solchen hypoglykämischen Zustand mit Schwindel, Schwitzen und Heißhunger. Er verlangt nach weiterem Zucker.  

An einem anderen Tag servierten sie den Probanden noch 150 Gramm Beeren zu ihrem Getränk. Diese nahmen so insgesamt deutlich mehr Zucker zu sich. Das zeigte sich auch in ihrem Blutzuckerspiegel. Der stieg schnell an – bliebt dann aber länger auf einem hohen Niveau und sank nur langsam. Zu einer Unterzuckerung kam es nicht.

Das heißt: Ja, Fructose kann extrem schädlich für die Gesundheit sein – in seiner isolierten Form oder gemischt mit Glucose. Wer im Sommer jedoch Erdbeeren schlemmt und Smoothies trinkt, muss sich nicht sorgen – nicht einmal dann, wenn ein paar Teelöffel Haushaltszucker als extra Süße drin sind.

 

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Dr. med. Jens Kröger ist Internist und Diabetologe DDG, ÄK Hamburg im Zentrum für Diabetologie Hamburg Bergedorf und Vorstandsmitglied von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe.

Hamburg, 23. Juni 2015

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