Forscher „transplantieren“ Erinnerungen

Verena Elson Medizinredakteurin
Die Meeresschnecke Aplysia californica wird in den Neurowissenschaften häufig als Forschungsobjekt verwendet. Der Grund: Sie kann bis zu 75 cm lang werden und hat extrem große Neuronen, die man sogar ohne Mikroskop untersuchen kann
Die Meeresschnecke Aplysia californica wird in den Neurowissenschaften häufig als Forschungsobjekt verwendet. Der Grund: Sie kann bis zu 75 cm lang werden und hat extrem große Neuronen, die man sogar ohne Mikroskop untersuchen kann © Jeff Rotman/Alamy Stock Foto

Sich an etwas erinnern, das man nie erlebt hat: US-Forschern ist es gelungen, Erinnerungen von Meereschnecken auf andere Artgenossen zu übertragen. Dabei machten sie außerdem eine überraschende Entdeckung über den „Speicherort“ unserer Erinnerungen.

Das Team um Professor David Glanzman an der University of California verabreichte einer Gruppe von Meeresschnecken (Aplysia californica oder Kalifornischer Seehase) einen Stromschlag – eine Kontrollgruppe der gleichen Art blieb verschont.

Wurden die Schnecken anschließend nur leicht berührt, reagierten die Tiere, die den Stromschlag erhalten hatten, deutlich länger als die anderen mit einer reflexartigen Kontraktion, einer für die Schnecken üblichen Abwehrreaktion: Anstatt nur eine Sekunde dauerte sie bei diesen Tieren 50 Sekunden lang an.

 

Erinnerung „transplantiert“

Die US-Forscher führten ein weiteres Experiment durch mit dem Ziel, die Erinnerung an den Stromschlag auf ein anderes Tier zu übertragen. Dazu extrahierten sie RNA von den „geschockten“ Tieren und übertrugen sie auf Artgenossen, die keinen Stromschlag erhalten hatten. Die RNA (Ribonukleinsäure) hat in den Körperzellen die Aufgabe, die in der DNA verschlüsselten Informationen in Proteine umzusetzen.

Glanzmann und seine Kollegen konnten beobachten, dass Schnecken, denen die neue Erinnerung „eingepflanzt“ worden war, nach leichten Berührungen eine etwa 40 Sekunden andauernde Abwehrreaktion zeigten – sie verhielten sich, als hätten sie selbst einen Stromschlag erhalten.

 

Wo sind unsere Erinnerungen gespeichert?

Die Studie wirft ein neues Licht auf eine Frage, die Neurowissenschaftler seit Jahren umtreibt: Wo genau werden unsere Erinnerungen eigentlich gespeichert? Eine verbreitete Theorie besagt, dass beim Abspeichern der Erinnerungen die Synapsen, also die Verbindungen zwischen den Nervenzellen, eine wichtige Rolle spielen – denn Studien zeigen, dass diese sich verändern, wenn neue Informationen verarbeitet werden.

Studienleiter Glanzman sagte gegenüber BBC: „Wenn Erinnerungen in Synapsen gespeichert würden, hätte unser Experiment auf keinen Fall funktionieren können.“ Stattdessen sprechen die Ergebnisse der Studie laut den Autoren dafür, dass Erinnerungen im genetischen Code hinterlegt werden.

Für Wissenschaftler eröffnet das die Möglichkeit, die RNA als Werkzeug zu benutzen, um Erinnerungen zu modifizieren – was etwa in der Traumatherapie sinnvoll sein könnte. Ob die Technik aber auch funktioniert, um gezielt traumatische Ereignisse zu vergessen und ob sie beim Menschen auch angewendet werden kann, muss in weiteren Studien untersucht werden.

Quelle:
Glanzman, David L. et al. (2018): RNA from Trained Aplysia Can Induce an Epigenetic Engram for Long-Term Sensitization in Untrained Aplysia, in: eNeuro.
DOI: 10.1523/ENEURO.0038-18.2018

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