Forscher entschlüsseln den Bakterien–Atlas unserer Haut

Redaktion PraxisVITA
Mann reibt sich die Haut am Arm
Unsere Haut gehört uns nicht allein, Millionen von Mikroben sind hier ebenso zu Hause. © Fotalia

Wir sind nicht allein. Für uns unsichtbare Mitbewohner bevölkern unseren Körper: Mehr als 100 Billionen von Bakterien. Manche von ihnen plagen uns, die meisten sind aber die besten Mitbewohner, die man sich vorstellen kann. Sie helfen bei der Verdauung und unterstützen das Immunsystem.

Ein Drittel der Stoffwechselprodukte in unserem Blut stammen nicht etwa von unseren Zellen, sondern von Bakterien. Einige Forscher gehen sogar davon aus, dass der Mensch gar keine eigenständige Kreatur ist, sondern ein Mischwesen verschiedenster Organismen, ein sogenannter Holobiont. "Wir sind nichts weiter als eine Bakterienkolonie auf zwei Beinen", sagt Jeroen Raes vom Flemish Institute for Biotechnology in Belgien. Allein in einem Milliliter Darminhalt leben bis zu einer Billion Bakterien. Neben den Schleimhäuten in Darm und Mundhöhle, ist vor allem die Haut ein dichtbevölkerter Lebensraum für Bakterien. Jeder Mensch hat dabei ein einzigartiges Mosaik von verschiedenen Mikroben. Bakterien auf unserer Haut bilden eine Schutzhülle, um schädliche Mikroorganismen abzuwehren. Hier finden sich besonders viele Staphylokokken, die unter anderem sogenannte Lipoteichonsäure abgeben, die die Hautzellen daran hindern kann, sich zu entzünden.

 

Bakterien als Superhelden

Je nach Hautstelle bevölkern uns zwischen hundert und mehreren hunderttausend Bakterien pro Quadratzentimeter. Ihre Anzahl und Varianz ist abhängig von der Umgebung: An warmen feuchten Stellen wie unter den Achseln oder im Mittelohr gibt es wenig Varianz unter den Bakterienarten, im Gegensatz zu trockenen Stellen, wie der Stirn. Hier tummeln sich nicht nur viele, sondern auch viele verschiedene Mikroben. Unsere Hände beispielsweise werden von 150 verschiedenen Bakterienarten bewohnt. Ein Viertel davon sind Mikroben (sog. Proteobakterien), die zusammen mit bestimmten anderen Bakterien (Corynebakterien und Bacteroides) die Talgproduktion der Haut überwachen. Es gibt sogar ein paar richtige Superhelden unter den Bakterien: Wissenschaftler, die das Mikrobiom des Menschen erforschten, also die Gesamtheit aller Bakterien in und auf unserem Körper, staunten nicht schlecht, als sie ausgerechnet Cyanobakterien auf manchen Bereichen der Haut entdeckten. Die gibt es seit Jahrmilliarden, sie haben irgendwann die ersten Pflanzen besiedelt. Lange rätselte man, wie die Keime Menschen nützen könnten. Tatsächlich produzieren Cyanobakterien ein Eiweiß, das eine HIV-Infektion durch Geschlechtsverkehr verhindern kann und sogar das gefährliche Ebola-Virus unschädlich macht.

 

Mitbewohner auf Lebenszeit

Nicht nur die Körperregion entscheidet darüber, welche Art von Mitbewohnern sich dauerhaft niederlässt. Auch die Lebensweise und Ernährung des Menschen haben einen großen Einfluss. Eines bleibt jedoch konstant: Ist der Gast einmal eingezogen, entwickelt er sich meist zum Mitbewohner auf Lebenszeit. US-Forscher haben in einer zweijährigen Studie gezeigt, dass die bakterielle Besiedelung der menschlichen Haut weitestgehend stabil bleibt, unabhängig von Waschen oder Kontakt zu anderen Bakterienquellen, Pilzen, Viren oder Kleidung. Das ist einerseits gut, da die meisten Bakterienstämme nützlich oder zumindest unschädlich für uns sind. Andererseits zeigt die stabile Besiedlung aber auch, warum es so schwer ist, bestimmte Hautkrankheiten wie Akne oder Exzeme in den Griff zu kriegen. So finden sich zum Beispiel auf der Haut des Rückens und des Gesichts besonders viele Propionibakterien. Sie sind an der Talgregulierung beteiligt, können jedoch auch zu Akne führen.

 

Händewaschen bleibt Pflicht

Regelmäßiges Händewaschen bleibt übrigens trotzdem Pflicht. Denn auch, wenn sich die Hautbakterien durch das Waschen nicht abschütteln lassen, ist es wichtig, andere Bakterienstämme, die zum Beispiel aus dem Darm oder den Nasenschleimhäuten an die Hände gelangt sind, durch Waschen zu entfernen. Ansonsten können Krankheiten übertragen werden. Aber auch hier gilt es, Maß zu halten. Wer sich zu häufig die Hände desinfiziert, zerstört den natürlichen Säureschutz der Haut und riskiert neben trockenen, rissigen Händen auch den Hausfrieden mit den Mikro-Mitbewohnern.

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Hamburg, 09. Mai 2016

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