Forscher entdecken Sauerkraut-Rezeptor

Verena Elson

Fermentierte Lebensmittel wie frisches Sauerkraut, Kefir oder Miso stärken die Gesundheit und speziell das Immunsystem, das haben bereits zahlreiche Studien gezeigt. Warum das so ist, war bisher nicht bekannt. Jetzt haben Forscher aus Leipzig eine Erklärung gefunden: Unsere Zellen sind mit einem speziellen Rezeptor ausgestattet. 

Sauerkraut
Sauerkraut ist gesund – doch warum eigentlich? Forscher sind dem Gesundgeheimnis des Krauts in einer Studie auf die Spur gekommen Foto:  Ockra/iStock

Der Rezeptor mit dem Namen HCA3 war Medizinern schon länger bekannt – das Besondere an HCA3: Nur Menschen und Menschenaffen besitzen ihn, bei anderen Säugetieren kommt er nicht vor. Als unklar galt bisher, welche Funktion der Rezeptor erfüllt. Ein Rezeptor ist eine Art Andockstelle auf der Zelloberfläche. Kommt er mit zu ihm passenden Botenstoffen, Hormonen oder Proteinen in Kontakt, wird in der Zelle ein bestimmtes Signal ausgelöst.

 

Milchsäurebakterien docken an Sauerkraut-Rezeptor an

Dem Team um Dr. Claudia Stäubert vom Rudolf-Schönheimer-Institut für Biochemie an der Universität Leipzig ist es nun gelungen, das Rätsel zu lösen: An HCA3 docken spezielle Stoffwechselprodukte von Milchsäurebakterien an. Milchsäurebakterien sind die Mikroorganismen, die Kohl in Sauerkraut und Milch in Joghurt umwandeln. 

Konkret handelt es sich bei dem Stoffwechselprodukt um eine Substanz namens D-Phenylmilchsäure. Stäubert und ihr Team fanden heraus, dass die Konzentration dieses Stoffes im Blut nach dem Verzehr von Sauerkraut ansteigt – woraufhin HCA3 aktiviert wird. Die D-Phenylmilchsäure nutzt den Rezeptor, um dem Immunsystem mitzuteilen, dass Milchsäurebakterien in den Körper gelangt sind.

Sauerkraut
Service Sauerkraut gegen Schüchternheit

 

Rezeptor macht Sauerkraut so gesund

Doch warum ist dieser Rezeptor wichtig für uns? Die Leipziger Wissenschaftler haben dafür eine evolutionsbiologische Erklärung: Unsere menschlichen Vorfahren lebten zu einer Zeit großer Veränderungen auf der Erde, die auch ihren Lebensraum und damit das Nahrungsangebot beeinflussten. Diese führten dazu, dass weniger frisches Obst verfügbar war und mehr herabgefallene fermentierte Früchte aufgenommen werden mussten. In diesem Szenario stellte der Rezeptor HCA3 aus Sicht der Forscher einen entscheidenden Vorteil dar. Wurde er durch die Milchsäurebakterien in den fermentierten Früchten aktiviert, veranlasste er das Immunsystem, verstärkt zu arbeiten – ein Schutzmechanismus vor möglichen negativen Auswirkungen der gegorenen Früchte.

Das könnte der Grund sein, warum Sauerkraut so gesund ist: „Unzählige Studien zeigen positive Effekte auf, die durch Milchsäurebakterien und fermentierte Nahrungsmittel vermittelt werden. Wir sind überzeugt davon, dass der HCA3 für einige dieser Effekte verantwortlich sein muss“, so Stäubert.

 

Gesunde Darmflora, starkes Immunsystem

Fermentierte Lebensmittel sind seit Langem dafür bekannt, bei Aufbau und Erhaltung einer gesunden Darmflora zu helfen und damit die Darmgesundheit, das Immunsystem und sogar Gehirn und Psyche zu schützen. Neben frischem Sauerkraut, Miso und Joghurt gehören dazu etwa Apfelessig, Brottrunk und Kefir sowie viele weitere sogenannte probiotische Lebensmittel.

Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für Laboratoriumsmedizin, Klinische Chemie und Molekulare Diagnostik des Universitätsklinikums Leipzig, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) durchgeführt.

Quelle:
Stäubert, C. et al. (2019): Metabolites of lactic acid bacteria present in fermented foods are highly potent agonists of human hydroxycarboxylic acid receptor 3, in: Plos Genetics.

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