Forscher entdecken neue Persönlichkeitstypen

Verena Elson Medizinredakteurin

Persönlichkeitstests sind hochbeliebt – doch unter Psychologen ist ihre Aussagekraft umstritten. Jetzt haben Forscher ein neues Modell entwickelt, das sogar einige Kritiker überzeugt.

Opa und Enkel
Unsere Persönlichkeit wandelt sich im Laufe unseres Lebens – wir werden friedlicher und aufgeschlossener und sind im Alter emotional stabiler Foto:  AleksandarNakic/iStock

Extraversion, Aufgeschlossenheit, Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit und Neurotizismus: Von den „Big Five“ der Persönlichkeit haben die meisten schon gehört. Forscher um Martin Gerlach an der Northwestern University in Illinois stellten jetzt fest, dass sich aus diesen Persönlichkeitszügen vier Typen ableiten lassen, die aus ihrer Sicht mehr Aussagekraft haben als beispielsweise der Myers-Briggs-Test. Dieser beliebte Persönlichkeitstest, bei dem der Teilnehmende einem von 16 Typen zugeordnet wird, steht bei Psychologen in der Kritik. Ein Argument lautet, die Fragen seien nicht gut formuliert, sodass die Ergebnisse inkonsistent und wenig aussagekräftig seien. Zudem ließe sich kein Nutzen daraus ziehen wie etwa Prognosen über die Karrierechancen oder ähnliches. Einige Psychologen zweifeln an, dass es überhaupt spezielle Persönlichkeitstypen gibt.

Anders ist das bei einzelnen Persönlichkeitszügen oder Charaktereigenschaften: Bei den „Big Five“ ist der Konsens unter Wissenschaftlern höher – sie scheinen relativ verlässliche Kategorien darzustellen. Vergleicht man etwa Eigeneinschätzungen und die Beurteilung durch Mitmenschen bei solchen Fragenbögen, sind die Ergebnisse häufig übereinstimmend.

Gerlach und sein Team werteten Daten aus Fragebögen von 1,5 Millionen Menschen aus und verwendeten einen speziellen Algorithmus, um daraus Persönlichkeitstypen abzuleiten, die auf den Big Five beruhen. Tatsächlich konnten sie vier Typen ausmachen, die ihrer Ansicht nach eine weit größere Aussagekraft besitzen als bisherige Kategorisierungen – und sogar schon einige Kritiker von Persönlichkeitstypisierungen überzeugen konnten.

 

Die vier neuen Persönlichkeitstypen

Der erste und häufigste Typ hat den Namen „average“ (Durchschnitt). Er bezeichnet eher extrovertierte Menschen, die hohe Level an Neurotizismus aufweisen, aber wenig aufgeschlossen sind. Frauen gehören besonders häufig in diese Kategorie.

Der zweite Typ mit dem Namen „reserved“ (reserviert, zurückhaltend) beschreibt emotional stabile (also wenig neurotische) Menschen, die aber ebenfalls wenig aufgeschlossen sind. Sie sind eher introvertiert als extrovertiert – zudem sind sie recht verträglich und gewissenhaft.

Zum dritten Typ, definiert als „role model“ (Vorbild), gehören Personen, die in allen Bereichen hohe Punktzahlen erreichen, außer in der Kategorie Neurotizismus – sie sind also eher extrovertiert, aufgeschlossen, verträglich und gewissenhaft. Auch zu dieser Kategorie gehören besonders viele Frauen.

In die vierte Kategorie mit Namen „self-centered“ (ichbezogen, egozentrisch) gehören Menschen, die besonders extrovertiert sind, aber unterdurchschnittlich aufgeschlossen, gewissenhaft und verträglich.

 

Wir wechseln den Persönlichkeitstyp

Wer einmal einen Persönlichkeitstypen hat, behält ihn in der Regel nicht sein Leben lang, wie Gerlach und seine Kollegen herausfanden. In der Regel verändern wir uns mit dem Alter, und zwar in eine bestimmte Richtung: Wir werden emotional stabiler, friedlicher und gewissenhafter. So sind viele Menschen unter 20 ichbezogene Typen (vor allem Männer), im Alter tritt dieser Persönlichkeitstyp dagegen seltener auf – dafür gibt es mehr ältere „Vorbilder“.

Gerlach und sein Team wollen jetzt weiterforschen und beispielsweise herausfinden, ob Menschen der Kategorie „Vorbild“ bessere Karrierechancen haben als andere.

 

Quelle:

Gerlach, M. et al. (2018): A robust data-driven approach identifies four personality types across four large data sets, in: Nature Human Behaviour.

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