Finasterid: Kann ein Prostatamedikament Haarausfall bekämpfen?

Redaktion PraxisVITA

Finasterid, eigentlich ein Medikament gegen Prostatabeschwerden, hilft auch bei Haarausfall. Doch Experten warnen vor den heftigen Nebenwirkungen.

Jeder dritte Mann über 30 Jahre und jeder zweite über 50 leidet unter Haarausfall. Die häufigste Form: die androgenetische Alopezie. Dabei sind die Haarwurzeln überempfindlich gegenüber einem Randprodukt des Testosteronstoffwechsels, dem sogenannten DHT (Dihydrotestosteron), das die Haarwurzel angreift. Es verkleinert die Wurzeln, der Haarwuchs wird spärlicher und es bildet sich eine Glatze. Lange Zeit schien es, als müssten sich Betroffene damit abfinden. Kein Medikament oder Hausmittel konnte ihnen helfen.

 

Finasterid: Wirkung auf Haare und Prostata

Bis der Konzern Merck 1992 das Medikament Proscar mit dem Wirkstoff Finasterid einführte – eigentlich um Männern mit gutartigen Prostatavergrößerungen zu helfen. Doch Ärzte und Patienten beobachteten eine erstaunliche Nebenwirkung: Viele der Anwender hatten neben Prostataproblemen mit einem beginnenden Haarausfall zu kämpfen – doch nach einigen Monaten mit Proscar stoppte dieser, die Haare wirkten kräftiger und in einigen Fällen verschwand die Glatze sogar komplett. Die Erklärung: Finasterid verhindert die Umwandlung von Testosteron in DHT - was zum einen das Wachstum der Prostata beeinflusst, zum anderen aber auch den androgenetischen Haarausfall verhindert.

Diese Wirkung blieb auch Merck nicht verborgen: Nur fünf Jahre nach Proscar brachten sie Propecia auf den US-Markt. Ein Haarwuchsmittel auf Finasteridbasis. Laut Experten das Einzige, was die Bezeichnung wirklich verdient.

So sieht es auch der Hamburger Dermatologe Dr. Frank-Matthias Schaart: „Viele probieren viel zu lange irgendwelche Mittelchen aus. Dadurch geht wertvolle Zeit verloren, was die Chance auf eine erfolgreiche Therapie stark mindert.“ In der sogenannten Haarsprechstunde macht der Arzt nach einer eingehenden Befragung eine Blutanalyse. Dabei kontrolliert er, ob ein gravierender Mineralstoff oder Vitaminmangel vorliegt oder der Hormonspiegel aus dem Gleichgewicht geraten ist – weitere Gründe für einen Haarausfall. Eine weitere wichtige Untersuchung ist das sogenannte Tricho-Scan-Verfahren, bei der Haare unter dem Lichtmikroskop untersucht werden.

Kann Finasterid Haarausfall verhindern?
Finasterid kann Haarausfall verhindern – doch welche Nebenwirkungen müssen Männer dafür ertragen? © Fotolia
 

Finasterid: Verursacht das Medikament Potenzprobleme?

Lautet die Diagnose androgenetische Alopezie, dann kann Finasterid helfen – doch Schaart warnt auch vor den Nebenwirkungen: „Man sollte wissen, dass es manchmal zu einer verminderten Libido und zu Potenzstörungen führt.“ Das trifft zwischen einem und zehn von tausend Männern, die Finasterid gegen Haarausfall einnehmen – je nach Studie. Hinzu kommen in seltenen Fällen weitere Nebenwirkungen wie eine wachsende Brust (Gynäkomastie), Schwindel oder Gewichtsveränderungen.

Für viele Arzneimittelexperten sind so heftige Nebenwirkungen für ein Medikament, das allein aus optischen Gründen eingenommen wird, nicht haltbar: „Solche Nebenwirkungen können vielleicht bei der Therapie von Prostatabeschwerden älterer Männer in Kauf genommen werden, nicht jedoch bei der Anwendung eines Haarwuchsmittels“, urteilt ein Autor der Fachzeitschrift Gute Pillen – Schlechte Pillen. Auch im Arzneimittelbrief wird verlangt, dass Finasterid nicht mehr als Haarwuchsmittel verschrieben werden darf. Besonders eines stört die Experten: In einigen Fällen bleiben die negativen Folgen – besonders die eingeschränkte Libido – auch nach Absetzen von Finasterid bestehen.

In Internet-Foren sammeln sich Berichte enttäuschter Anwender. Ein Betroffener schreibt: „Ich würde Finasterid nie wieder nehmen. Mein Ego sinkt durch Haarverlust, aber der Verlust der Liebe macht einen kaputt.“

 

Finasterid wirkt nur so lange, wie es eingenommen wird

Hinzu kommt: Das Medikament wirkt nur, solange es eingenommen wird – setzt man es ab, dann fallen die Haare wie im Zeitraffer aus. Wer also volles Haar behalten will, der muss über Jahrzehnte täglich eine Pille schlucken – und dafür tief in die Tasche greifen. Die Tabletten gegen den Haarausfall sind, bezogen auf den Wirkstoffgehalt, etwa zehnmal so teuer wie die gegen eine gutartige Prostatavergrößerung. Knapp 40 Euro kostet eine Monatspackung. Zum Vergleich: eine Haartransplantation kostet zwischen 4000 und 8000 Euro.

Als Fazit lässt sich sagen: Finasterid wirkt gegen Haarausfall. Allerdings zu dem Preis, dass man den Rest des Lebens ein teures Mittel einnehmen muss, das stark in den männlichen Hormonhaushalt eingreift – und dessen Nebenwirkungen möglicherweise nie wieder verschwinden. Ob einem die Haarpracht das wert ist, muss jeder für sich entscheiden.

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