Fetales Alkoholsyndrom – warum Alkohol in der Schwangerschaft so schlimm ist

Kinderärztin Dr. Nadine Hess warnt vor Alkohol in der Schwangerschaft
Expertin Dr. Hess: „Alkohol ist ein starkes Zellgift. Darum ist es insbesondere in der Schwangerschaft, in der sich maximal viele Zellen teilen, besonders schädlich“ © privat

Dass Alkohol während der Schwangerschaft nicht gut ist, weiß wohl jeder. Dennoch konsumieren in Europa 14-30 Prozent aller Schwangeren Alkohol. Und in Deutschland kommen bis zu 8 von 1000 Kindern mit dem Vollbild der intrauterinen Alkoholschädigung – dem fetalen Alkoholsyndrom – zur Welt. Aber was sind eigentlich die Auswirkungen?

 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess:

Alkohol ist ein starkes Zellgift. Darum ist es insbesondere in der Schwangerschaft, in der sich maximal viele Zellen teilen, besonders schädlich. Grundsätzlich ist die Toxizität wie immer dosisabhängig, aber ab welcher Schwelle es für das Ungeborene gefährlich wird, kann niemand sagen. Es hängt zudem auch noch von individuellen Faktoren ab – nur so ist zu erklären, dass einige Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft regelmäßig Alkohol konsumiert haben, am fetalen Alkoholsyndrom (was die Maximalausprägung der kindlichen Schädigung durch Alkohol ist) erkranken und andere nicht.

Alkohol in der Schwangerschaft - Folge: Fetales Alkoholsyndrom beim Baby
Alkohol in der Schwangerschaft führt zu schweren gesundheitlichen und geistigen Entwicklungsstörungen beim Kind. Die schlimmste Ausprägung ist das fetale Alkoholsyndrom © Fotolia

Es gibt auch Fälle, in denen das fetale Alkoholsyndrom auch festgestellt werden konnte, obwohl die Mutter nachweislich zwar regelmäßig, aber nur wenig und keinen „harten“ Alkohol getrunken hat. Darüberhinaus ist auch der Zeitpunkt des Alkoholkonsums für die Stärke der kindlichen Schädigung entscheidend – in den ersten beiden Schwangerschaftsdritteln (also erstes und zweites Trimenon, bzw. bis zur 24. Schwangerschaftswoche) ist mit mehr Schäden zu rechnen, weil sich die Organe und insbesondere das Gehirn noch entwickeln. Das fetale Alkoholsyndrom in seiner Maximalausprägung wird anhand mehrerer Kriterien diagnostiziert.[1]

 

Woran erkennt man, ob Babys unter dem fetalen Alkoholsyndrom leiden?

  1. Mindestens eine Wachstumsauffäligkeit beim Kind (zu kleiner Kopf, zu leicht, zu klein)
  2. Drei definierte Auffälligkeiten des Gesichts (kurze Lidspalten, verstrichenes Philtrum (das ist die Furche zwischen Nase und Lippe), schmale Oberlippe)
  3. Eine funktionelle oder strukturelle Auffälligkeit des zentralen Nervensystems (deutliche Minderung der Intelligenz, Entwicklungsverzögerung in mehreren Bereichen, typisch sind hier Störungen der Sprache, Feinmotorik, räumlich-visuellen Wahrnehmung, Lern- und Merkfähigkeit, Rechenfertigkeiten, Aufmerksamkeit, soziale Fertigkeiten oder Verhalten)
  4. Eine Bestätigung mütterlichen Alkoholkonsums in der Schwangerschaft ist nicht notwendig, da selbiger meist ohnehin nicht zugegeben wird
 

Schwere Entwicklungsstörungen sind die Folge

Die Kinder mit dem Vollbild eines fetalen Alkoholsyndroms sind schwer betroffen. In einer Studie aus dem Jahr 2008[2] konnte gezeigt werden, dass nur 13 Prozent dieser Kinder eine weiterführende Schule besuchen und nur ein Drittel ein eigenständiges Leben führen konnten. Wie sich diese Kinder nach der Geburt entwickeln, hängt zu einem Großteil von der Förderung und Unterstützung ab, die sie danach erfahren.

Um das fetale Alkoholsyndrom oder auch nur Teile dessen komplett zu verhindern, kann nur an alle Schwangeren appelliert werden, auf Alkohol gänzlich zu verzichten. Ist ein gesundes Kind nicht der schönste Grund, Alkohol links liegen zu lassen?


[1] AWMF S3-Leitlinie 2012

[2] Spohr et al Fetale Alkohol-Spektrum-Störungen: Persistierende Folgen im Erwachsenenalter; Dtsch Arztebl 2008; 105(41): 693-8

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