Falsch behandelt – und jetzt?

Bei Behandlungsfehlern Rechtsbeistand
Bei Behandlungsfehlern sollten Sie sich so früh wie möglich an einen Rechtsbeistand wenden, um Schmerzensgeld zu erhalten © Fotolia

Vor knapp zwei Jahr änderte sich das Leben von Erika Hartwig jäh. Die 66-jährige Rentnerin stürzte mit dem Rad und musste mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden. Sie hatte schlimme Schmerzen an der Hüfte, doch der Arzt konnte auf den Röntgenaufnahmen keinen Oberschenkelhalsbruch erkennen und schickte die Patientin mit ein paar Schmerztabletten nach Hause: Experten gehen von mindestens 40 000 Behandlungsfehlern im Jahr aus.

Als die Beschwerden auch nach Tagen nicht nachließen, suchte Erika Hartwig eine andere Klinik auf. Dort wurde die richtige Diagnose gestellt: Oberschenkelhalsbruch.

Gut zu Wissen

Wo finde ich Unterstützung?

Wer Zweifel an einer ärztlichen Behandlung hat, sollte sich an seine Krankenkasse wenden. Sie bietet meist eine Rechtsberatung an und kann Gutachten einholen. Auch die Unabhängige Patientenberatung Deutschland ist eine wichtige Adresse für Betroffene: Unter der Rufnummer 0800 0117722 hat sie ein kostenloses Beratungstelefon eingerichtet. Bevor ein Anwalt eingeschaltet wird, sollte in einem Erstgespräch abgeklärt werden, wie gut die Erfolgsaussichten sind. Ohne Rechtsschutz-Versicherung kann ein Verfahren ziemlich teuer werden. Weitere Informationen:

Der späte Befund hatte katastrophale Folgen: Wird der Bruch nicht innerhalb von 24 Stunden versorgt, stirbt der Hüftschenkelkopf ab, weil er nicht mehr mit Blut versorgt wird.

 

Im orthopädischen Bereich gibt es die meisten Fehler

Erika Hartwig ist nur eine von vielen Patienten, bei denen Ärzte gepfuscht haben. Experten gehen von jährlich mindestens 40 000 Behandlungsfehlern aus, der Großteil wird allerdings nicht offiziell. Das belegen die neuesten Zahlen, die vor wenigen Tagen vorgelegt wurden: Im vergangenen Jahr kamen ärztliche Gutachterstellen zu dem Ergebnis, dass in 2287 Fällen Aufklärung, Diagnose oder Behandlung nicht korrekt waren. Das waren 88 Fälle mehr als 2010. Für 99 Patienten endete der Irrtum sogar tödlich. 721 Patienten erlitten Dauerschäden. Am häufigsten wurde im orthopädischen Bereich gepfuscht.

„Ich rate jedem, so früh wie möglich einen Anwalt aufzusuchen, der auf solche Fälle spezialisiert ist", sagt Joachim Laux, Fachanwalt für Medizinrecht und Arzthaftungsrecht in Berlin. Er hat Erika Hartwig vor Gericht vertreten – und tatsächlich Schmerzensgeld für sie erstritten.

Aufgrund der verspäteten Diagnose musste der Rentnerin ein künstliches Hüftgelenk implantiert werden. Zu allem Unglück verlief diese Operation nicht optimal. Die bisher sportliche Frau ist jetzt in ihrer Beweglichkeit um 25 Prozent eingeschränkt. Rechtsanwalt Laux forderte zunächst den Notfallbericht und die Röntgenbilder aus dem Krankenhaus an, in dem Erika Hartwig zuerst behandelt worden war. Sie wurden einem Gutachterarzt vorgelegt, mit dem die Kanzlei zusammenarbeitet, und auch der zuständigen Krankenkasse. „Sehr schnell war klar, dass die erste Diagnose falsch war", sagt Laux. „Selbst wenn das Röntgenbild nicht eindeutig ist, hätte man bei diesen Beschwerden eine Computertomografie oder Kernspintomografie machen müssen." Im nächsten Schritt wurde die erste Klinik angeschrieben, die den Schaden an ihre Haftpflichtversicherung weiterleitete. Alle angestellten Ärzte sind dort versichert. „Das Angebot einer außergerichtlichen Einigung lehnte die Gegenseite direkt ab. Also kam die Sache automatisch vor Gericht."

Für Erika Hartwig lief alles bestens, auch die Richter kamen zu dem Schluss, dass sie falsch behandelt worden war. „Ich konnte 50 000 Euro Schmerzensgeld aushandeln", sagt Laux. Und das war noch nicht alles. „Da die Klientin durch ihre Behinderung im Alltag eingeschränkt ist, habe ich noch einen Haushaltsführungsschaden geltend gemacht. Sie bekommt monatlich 300 Euro, um sich Hilfe zu holen." Bald soll es für Betroffene leichter werden: Das Bundeskabinett hat ein neues Patientenrechtegesetz verabschiedet. In gravierenden Fällen soll künftig der Arzt beweisen müssen, dass ein Schaden nicht von einem Fehler herrührt.

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