Experiment: Verhungern fettleibige Menschen langsamer?

Fettleibige Frau
Fettleibige Menschen würden in einer Hungersnot nur dann etwas länger überleben, wenn sie genügend B-Vitamine im Körper hätten. Denn diese können das abgespeicherte Fett in Energie umwandeln © istock

Er ist eines der größten Extreme, denen unser Körper ausgesetzt sein kann: Hunger. Dauerhafter Nahrungsentzug stellt den Stoffwechsel auf den Kopf, verändert unsere Wahrnehmung und lässt Organe schrumpfen. Doch sind Menschen mit großen Fettreserven hier tatsächlich im Vorteil und verhungern nicht so schnell? Das Minnesota-Hunger-Experiment liefert die Antwort.

Im November 1944 finden sich 36 Freiwillige an der Universität von Minnesota, USA, ein, die einem Pamphlet mit dem Titel „Bist du bereit, zu hungern, damit andere besser ernährt werden können?" gefolgt waren. Unter Aufsicht und im Auftrag der US-Regierung sollen diese Männer an den Rand des Hungertodes gebracht werden. Der Hintergrund: Zu jenem Zeitpunkt ist das Ende des Zweiten Weltkriegs abzusehen, eine Hauptaufgabe der Alliierten wird darin bestehen, Millionen Menschen aus den befreiten Ländern und Konzentrationslagern, die jahrelang unter extremem Hunger litten, zu versorgen. Doch niemand weiß genau, was im Körper bei drastischem Kalorienentzug passiert. Zuletzt wurde eine derartige Untersuchung etwa 30 Jahre zuvor während des Ersten Weltkrieges gemacht. Im sogenannten Steckrübenwinter 1916/17 erleidet die Bevölkerung des Deutschen Reiches eine extreme Hungersnot – rund 800.000 Menschen sterben während des Ersten Weltkrieges an Unterernährung.

 

Ab 40 Prozent Gewichtsverlust beginnt die Todeszone des Körpers

Während dieser Zeit erlebt die Doktorandin Marie Krieger im Pathologischen Institut der Universität Jena, wie täglich neue Hungeropfer angeliefert werden. Sie forscht über den Gewebeschwund (Atrophie) des Körpers bei Abmagerung. Darunter versteht man die Ausmergelung des Körpers bei Extrem-Hunger. Ergebnis von Kriegers Studie: Alle inneren Organe waren durch die Auszehrung um bis zu 40 Prozent leichter als bei normal genährten Erwachsenen.

Die Hunger-Todeszone des Körpers beginnt also genau hier. Und zwar – um die titelgebende Frage dieses Artikels zu beantworten – egal, ob man zuvor dick oder dünn war: Ab 40, in Extremfällen auch 50, Prozent des Ausgangsgewichts versagt der Organismus. „Dicke Menschen würden nur dann etwas länger überleben, wenn sie genügend B-Vitamine im Körper hätten, mit denen die Fettspeicher in Energie umgewandelt werden könnten", sagt der britische Arzt Jeremy Powell-Tuck. Er hatte den Aktionskünstler David Blaine behandelt, als dieser im Jahr 2003 ganze 44 Tage lang ohne Nahrung in einem Glaskasten verbrachte. Also: Nein, dicke Menschen verhungern nicht langsamer, zehren nicht von ihren Fettpolstern wie von einem körpereigenen Lunchpaket. Die Abbaurate des Organismus ist bei jedem Menschen gleich.

 

Mentale Aussetzer durch Hunger

Doch der Weg dorthin wurde in keinem anderen Experiment so genau – und drastisch – untersucht wie im Minnesota-Hunger-Experiment. „Es hat uns förmlich ausgesogen“, erinnert sich ein Teilnehmer, „jene, von denen wir dachten, sie seien stark, erwiesen sich als schwach. Jene, von denen wir dachten, dass die Sache sie umhaut, blieben standhaft.“ Männer, die vor dem Experiment noch als knallharte Feuerwehrleute Waldbrände bekämpft hatten, forderten nun Extradecken, weil ihnen selbst im schwül-heißen Juli zu kalt war. Ein Proband hackte sich selbst drei Finger ab und konnte später nicht mehr sagen, ob es ein Unfall oder absichtliche Selbstverstümmelung gewesen war. Diese mentalen Aussetzer durch Hunger erklären sich Experten mit der sogenannten Neuroglukopenie. Die führt zu einem nach und nach eintretenden Stand-by-Modus des Körpers. Alles, was nicht unbedingt nötig ist, bekommt keine Energie mehr (Sex, kompliziertes Denken, Wachzustand).

 

Hunger schrumpft die Organe – auch Dicke verhungern schnell

Am Ende des Experiments hatte jeder Teilnehmer ein Viertel seines Ausgangsgewichts verloren. Und zwar nicht nur an Fett, sondern an allen Gewebearten, die fähig sind, Energie zu speichern, wie Muskel- und Knochengewebe. Ausgedehnter Hunger verleiht dem Körper ein Aussehen, das Experten als asthenisch bezeichnen: Das Gesicht wird dünn, die Wangenknochen stehen hervor, Gewebeschwund verwandelt das Gesicht in die typische Hungermaske: ein scheinbar gefühlloses, apathisches Starren. Die Probanden in Minnesota liefen bald nur noch mit Kissen herum – ohne wäre das Sitzen zu schmerzhaft gewesen. Doch auch innerlich schrumpften die Männer: Ihre Organe verkleinerten sich, allein die Herzen büßten 17 Prozent an Gewebe ein. Damit bestätigten sich die Studienergebnisse von Marie Krieger: Bleibt Energie von außen aus, stehen alle Organe auf Sparflamme. Alle Organe? Nein! Das Gehirn bleibt selbst bei Extrem-Hunger gleich groß. Während der restliche Körper nach und nach verfällt, hält das Denkorgan sein Gewicht. Und zwar so lange, bis der Organismus aufhört zu leben.

 

Das Gehirn fordert Energie sofort an!

Pizza essen
Wie schnell wir verhungern, hat nichts mit der eigenen Leibesfülle zu tun. Das ist das Ergebnis der Minnesota-Hunger-Studie© Fotolia

Per Definition ist Hunger eine „unangenehme körperliche Empfindung, die Menschen und Tiere dazu veranlasst, Nahrung aufzunehmen.“ Diese Nahrungsaufnahme ist im Prinzip nichts anderes als ein ständiger Austausch von Signalen und Befehlen im Körper. Und, nein: Der Magen hat überhaupt nichts mit Hunger zu tun. Wenn er leer ist, kontrahieren zwar die Magenwände und verursachen ein kaum überhörbares Hungersignal (Knurren). Auslöser von Hunger ist jedoch das komplexeste Organ, das sich die Natur hat einfallen lassen: unser Gehirn. Und dieses Denkorgan braucht Energie. Viel Energie. Obwohl es gerade einmal durchschnittlich zwei Prozent des Körpergewichts ausmacht, verbraucht es gut die Hälfte der täglich mit der Nahrung aufgenommenen Kohlenhydrate sowie bis zu zwei Drittel der Glukosemenge im Blut. Und das dümpelt nicht etwa, wie Mediziner jahrzehntelang vermutet haben, vor sich hin und wartet, bis die gewünschte Glukose im Blut vorbeischwimmt.

„Die neuere Hirnforschung hat gezeigt, dass das Gehirn zur Deckung seines wechselnden Bedarfs die Energie aus dem Blut aktiv anfordert“, sagt der Lübecker Internist und Hirnforscher Achim Peters, „und zwar indem der Energiefluss vom Blut ins Gehirn durch Angebot und Nachfrage reguliert wird.“ Mit seinem Team hat Peters mehr als 10.000 Studien zum Energiehaushalt des Gehirns ausgewertet. Sein Ergebnis: „Das Gehirn versucht mit allen Mitteln, seinen Willen durchzusetzen, und versorgt sich notfalls auf Kosten aller anderen Organe mit Energie. Wir sprechen deshalb vom Selfish Brain, vom egoistischen Gehirn“, sagt Peters. Sicher, Glukose, die das Gehirn über die Blut-Hirn-Schranke anfordert, ist und bleibt die gefragte Mahlzeit, wenn es um die Grundversorgung der Nervenzellen im Ruhezustand geht.

 

Bei Hunger wird das Stresssystem wird aktiv

Doch sobald die Neuronen arbeiten, sieht die Sache ganz anders aus. Denn unter Arbeiten versteht das Gehirn elektrische Signale, die mit 360 km/h von einem Neuron abgefeuert werden, 300 Informationen, die pro Sekunde die Daten-Highways des Gehirns entlangrasen, und Neuronen, die ständig neue Verbindungen miteinander eingehen – eine Gehirnzelle kann mit 10.000 anderen verlinkt sein. In diesem Arbeitszustand also verlangt das Gehirn nicht irgendetwas, sondern exklusiv aus Glukose hergestelltes Laktat, das vorwiegend im Muskelgewebe gebildet wird. Wenn es also hungrig ist, setzt das Gehirn das Stresssystem zur Beschaffung der Nervennahrung ein.

Die Hormone Adrenalin und Cortisol haben dabei die Funktion, das Benötigte aus den Körperspeichern zu beschaffen – ein Vorgang, den Experten als Brain-Pull bezeichnen. Kein Wunder also, dass ein Mangel an Nahrung einer der größten Stressauslöser für den Menschen ist. Was evolutionär durchaus seinen Nutzen hat: Das Gehirn wird in Notzeiten deshalb so überreich versorgt, damit es das Hungerproblem löst. Man denkt quasi an nichts anderes als ans Essen – und wie man es beschaffen kann.

3D-Gehirn
Wenn es hungrig ist, setzt das Gehirn das Stresssystem zur Beschaffung der Nervennahrung ein© istock
 

Zahlen und Fakten: Das Minnesota-Hunger-Experiment

Extrem nah am Lebensminimum: 36 Freiwillige hungerten 1945 fast ein halbes Jahr. Anstelle der rund 2.480 Kalorien, die ein 80 Kilo schwerer Mensch im Durchschnitt täglich benötigt, erhielten sie 1.560 Kalorien. Ziel des Minnesota-Starvation-Experiments war es, herauszufinden, wie unser Körper auf Nahrungsentzug reagiert – und wie lange er braucht, um sich zu regenerieren.

Ergebnis: Die Probanden verloren etwa 25 Prozent ihres Gewichts, ihre Körpertemperatur war leicht gesunken und Atmung und Herzschlag wurden langsamer. Außerdem litten die Männer an psychischen Störungen wie Depressionen, Hysterie und Angstzuständen und verschlechterten sich drastisch in Denk- und Gedächtnisaufgaben. Sie brauchten länger als vier Monate, um sich völlig zu erholen. Verhungert ist aber keiner.

 

Hunger: Die Phasen der Erschöpfung

Hält der Hunger länger als 72 Stunden an, beginnt der Mensch, den körperlichen Abbau zu spüren. Vor allem das Herz pumpt langsamer. Dadurch fließt das Blut nicht mehr so schnell und transportiert weniger Sauerstoff und Nährstoffe ins Gewebe. Auch die Atemfrequenz verlangsamt sich. Folge: Krämpfe, Schwächeanfälle und Gliederschmerzen.

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