Evolutionsbiologie – Gähnen und andere Kuriositäten des Körpers

Evolution des Gähnens
Forscher haben nun herausgefunden, dass der Mensch gähnt, um sein Gehirn zu kühlen © Fotolia

Der Mensch gähnt in den unterschiedlichsten Situationen und aus den verschiedensten Gründen. Denkt man. Ein internationales Forscher-Team hat nun in einer Studie den evolutionsbiologischen Hintergrund der Körperfunktion Gähnen erkannt. Praxisvita fasst für Sie die Ergebnisse zusammen und erklärt Ihnen den Sinn kurioser Überbleibsel aus der Evolution des menschlichen Körpers.

Die Studien eines internationalen Forscherteams zeigten nun, dass Menschen gähnen, um ihr Gehirn zu kühlen. Die Ergebnisse wurden kürzlich in dem Fachmagazin "Physiology & Behaviour" veröffentlicht und erklären umfangreich die Körperfunktion Gähnen als wichtige Thermoregulierung des menschlichen Organismus.

 

Gähnen ist kein Turbo-Atmen

In der Vergangenheit hatte man das Gähnen stets mit einer – sich durch das tiefe Einatmen ergebenden – Steigerung der Sauerstoffzufuhr für das Gehirn verbunden. Diese Annahme war bereits in früheren Tests widerlegt worden, da sich durch das Gähnen der Sauerstoffgehalt im Blut nachweislich nicht erhöhte.

 

Menschen gähnen aus verschiedenen Gründen

Das Gähnen tritt als Körperreaktion nicht nur im Zusammenhang mit Müdigkeit auf. Weitere Gähn-Momente treten auf mit Langeweile, Stress oder einfach die Ansteckung durch einen anderen gähnenden Menschen. Die Forscher mussten deswegen mit Blick auf ihre Untersuchungen eine Antwort finden, wieso der Mensch in so verschiedenen Situationen gähnt. Das scheint nun mit den aktuellen Studien gelungen.

 

Einen kühlen Kopf behalten

Im Zuge der Untersuchungen stellte sich heraus, dass sich das Gähnen als optimale Thermoregulierung eignet. Verschiedene Gemüts- oder Körperzustände sorgen dafür, dass die Temperatur im Gehirn steigen kann. Durch den weit aufgerissenen Mund, das Einströmen kalter Luft und das verstärkte Anpumpen von Blut in den Kopf, kühlt das Gehirn herunter. Ein ‚kühler Kopf’ wiederum sorgt beim Menschen für ein verbessertes Denkvermögen. Zudem erklärt diese Theorie auch, wieso Menschen sehr selten bei einer kühlen Umgebungsluft gähnen.

 

Wieso ist Gähnen dann ansteckend?

Die Annahme, dass Gähnen ansteckend ist, ließ sich in der Vergangenheit durch zahlreiche Studien rein technisch bestätigen. Der Grund für das gemeinsame Gähnen ist aber nach wie vor sehr umstritten in der Wissenschaft. Eine heute oft zitierte Theorie besagt, dass dieser Kühl-Mechanismus des Gehirns von der Evolution im Laufe der Zeit auch soziale Komponente erhalten hat.

Wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Handlung, die in einer Gruppe dazu führen soll, die allgemeine Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten. Das Gähnen ist insofern ansteckend, dass damit ein Gruppenmitglied anzeigt: Seht her, meine Denkleistung – und mit den kognitiven Fähigkeiten auch die Wachsamkeit – lässt nach. Das kann beispielsweise an einer Umgebungstemperatur liegen, die alle Gruppenmitglieder betrifft. Das Gähnen veranlasst nun die anderen Gruppenmitglieder ebenfalls die eigene Aufmerksamkeit zu überprüfen und gegebenenfalls durch Gähnen wieder anzukurbeln – oder – entsprechend als Gruppe wachsamer zu sein, um den angezeigten Aufmerksamkeitsverlust auszugleichen.

Gähnen ist eine Funktion, die vor allem in seiner sozialen Funktion ein Überbleibsel menschlicher Ureigenschaften ist, die sich unsere Vorfahren einst zum Überleben angeeignet hatten. Es gibt viele solcher rudimentärer Veranlagungen im und am Menschen, die auch heute noch aktiv sind, ohne dass der Mensch noch genau wüsste, wozu. Fest steht, dass alle menschlichen Körpereigenschaften einen existentiellen Grund haben oder hatten, sonst wären diese Eigenschaften evolutionär wegrationalisiert worden. Praxisvita hat für Sie einige kuriose Überbleibsel aus der Vergangenheit gesammelt und erklärt Ihnen, was es damit auf sich hat.

 

Schwitzen: Klimaanlage des menschlichen Körpers

Kurz gesagt: Der Mensch schwitzt, um seine Körpertemperatur auf ungefähr 37 Grad zu halten. Dafür sorgen zwischen zwei und drei Millionen kleiner Schweißdrüsen in unserer Haut. Da die Körpertemperatur immer ausgeglichen werden muss, schwitzen wir auch durchgehend den ganzen Tag – auch nachts. Dabei verliert der Körper Unmengen an Wasser. Zwei bis drei Liter sind es in etwa bei einem erwachsenen Menschen.

Evolution des Schwitzens
Was viele Menschen nicht wissen: Der Schweiß ist 100 Prozent geruchsneutral. Erst im Kontakt mit Bakterien entwickelt sich ein spezifischer Geruch© Fotolia

Doch auch, wenn das Schwitzen so etwas Alltägliches ist und ganz sicher jeden betrifft, kursieren viele Unwahrheiten über die lebenswichtige Körperfunktion. So stimmt es zum Beispiel nicht, dass Schweiß stinkt. Die Schweißdrüsen sondern eine klare und geruchslose Flüssigkeit ab, die zu 98 Prozent aus reinem Wasser besteht. Der schweißtypische Körpergeruch entsteht erst, wenn dieses Körpersekret auf dem Körper auf bestimmte Bakterien trifft. Wenn diese Bakterien den Schweiß zersetzen, entsteht ein unangenehmer Geruch.

Ein weiterer, weit verbreiteter Irrtum unterstellt dem Schwitzen eine körperreinigende Funktion. Durch Schwitzen – so berichten viele Sportler und Saunafans – entgiftet sich der Körper. Das ist nicht zutreffend. Entgiften kann sich der Körper hauptsächlich über sein Verdauungssystem. Viel trinken und gesund ernähren hilft dabei mehr, als das Schwitzen.

 

Rotznase – die Frontlinie der Körperabwehr

Wenn zum Beispiel Viren versuchen, über die Luft in den Körper einzudringen, treffen sie in der Regel zuerst auf die Nasenschleimhaut. Sie ist der erste Abwehrriegel der körpereigenen Abwehrkräfte. Wollen die Viren an diesem schleimigen Bollwerk vorbei schlüpfen, um sich danach in Ruhe im Körper vermehren und ausbreiten zu können, müssen sie ihre Form verändern. Durch diese Transformation werden sie nun vom Abwehrsystem des Körpers als ‚fremd’ erkannt. Die Konsequenz: Der Körper – und im speziellen Fall die Schleimhaut – ergreift Gegenmaßnahmen und bildet verstärkt das schleimige Nasensekret. Im weiteren Verlauf wird der Schleim dicker und die Gefäße weiten sich. Eine laufende und verstopfte Nase sind die natürliche Folge.

 

Gänsehaut – der Pelz, der keiner mehr ist

Die meisten Menschen kennen sie aus den verschiedensten Situationen. Ist einem kalt, wird man sanft gestreichelt oder ekelt man sich vor etwas, bildet sich schnell und meist nur für ein paar Sekunden die Gänsehaut. Die Haut stellt dabei kleine Höcker auf, die sich an den meisten Stellen der Körperoberfläche finden lassen. Jeder dieser kleinen Höcker gehört zu einem winzigen Muskel und einem zumeist verwaisten Haarbalg.

Der Reflex ist angeboren und geht in seiner Entstehung auf eine Körperreaktion zurück, die weit in die menschliche Vergangenheit zurückreicht – eine Zeit, in der wir Menschen noch einen dichten Pelz trugen. Bei Kälte oder Gefahr stellten die winzigen Muskeln unter den Höckern die einzelnen Haare auf. Das erhöhte zum einen den Wärmeeffekt der Haarpracht, zum anderen machte es einen aber im Angesicht potentieller Angreifer oder Konkurrenten auch optisch größer und damit bedrohlicher. Es stehen dann im wahrsten Sinne des Wortes die Haare zu Berge. Den Pelz haben wir heute verloren, die einzelnen Muskeln unter den Haarbalgen sind uns aber geblieben.

 

Lachen – weil es besser ist als weinen

Um die Entstehung des Lachens ranken sich in der Wissenschaft viele Theorien. Eine weit geteilte Meinung besagt, dass Menschen mit dem Lachen begannen, damit sich der Nachwuchs und übermütige Männchen spielerisch balgen und körperlich messen konnten, ohne dass dabei aufgrund eines Missverständnisses ernsthafte Gewaltausbrüche auftraten.

Evolution des Lachens
Lachen ist gesund – und deeskalierend. Forscher gehen davon aus, dass der Mensch mit dem Lachen begann, um Konflikte mit Artgenossen zu vermeiden© Fotolia

Die Verhaltensweise des Lachens findet sich auch bei anderen Säugetieren. Selbst Ratten geben so etwas wie Lachgeräusche von sich, wenn sie miteinander spielen – übrigens auch, wenn man sie kitzelt. Manche Affenarten lachen ganz offensichtlich – wenn auch meistens ohne das für Menschen typische Geräusch.

Die Theorie vom deeskalierenden Lachen lässt sich auch im Verhalten des modernen Menschen wiederfinden. Fröhliches Lachen wird in allen menschlichen Kulturen als Zeichen von gutem Willen oder Sympathie gewertet. Ein freundliches Lächeln – das hat sicher schon jeder erlebt – kann so manche verzwickte Konfliktsituation in einer Sekunde entspannen.

Außerdem hilft Lachen, eine Gruppe zu definieren. Forscher fanden heraus, dass Menschen besonders häufig lachen, wenn sie mit einer fremden Gruppe Menschen konfrontiert sind. So erkennt man schnell, mit wem man sich gut versteht. Ist dieser gruppendynamische Prozess irgendwann ausgelotet, nimmt das Lachen wieder ab.

 

Niesen – Selbstreinigungsfunktion der Nase

Eine sehr alte Körperfunktion des Menschen – die auch in der modernen Zeit noch plausibel wirkt – ist das Niesen. Dabei reinigt sich die Nase im Grunde selbst von Staub oder anderen unwillkommenen Fremdkörpern. Hintergrund ist ein sehr alter Reflex auf einen Reiz in der Nasenschleimhaut, der sich bei den meisten Säugetieren nachweisen lässt. Durch diesen Reflex stößt der Körper über die Nase und den Mund Luft und Flüssigkeit aus, wodurch ein Reinigungseffekt erzielt werden soll.

Hamburg, 9. Mai 2014

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