Etanercept gegen Entzündungen: Was ist zu beachten?

Dr. med. Dierk Heimann Facharzt für Allgemeinmedizin

Das Medikament Etanercept wird bei rheumatischen Erkrankungen und Schuppenflechte eingesetzt. Experte Dr. med. Dierk Heimann erklärt anhand eines Beispiels aus seinem Praxisalltag, wie das Arzneimittel angewendet wird und was dabei zu beachten ist.

Eine Hand mit einer Spritze
Etanercept wird unter die Haut gespritzt Foto:  iStock/Pornpak Khunatorn

Meine 36-jährige Patientin leidet bereits seit ihrer Kindheit unter einer milden Form der Schuppenflechte, einer so genannten Psoriasis. Man sieht raue Stellen an ihren Knien und Ellenbogen, auch schuppt ihre Kopfhaut massiv. Bislang hat sie das gut in den Griff bekommen. Nun aber sind auch ihre Gelenke entzündet und tun höllisch weh. Aus der Schuppenflechte ist eine Psoriasis-Arthritis geworden.

 

Autoimmunerkrankung Schuppenflechte

Die Schuppenflechte zählt zu den Autoimmunerkrankungen. Das bedeutet, dass sich das Abwehrsystem gegen den eigenen Körper richtet. Eine Art ‚Verwechslung‘. Das Fatale: Wer dazu neigt, kann auch an anderer Organen Probleme bekommen. Bei meiner Patientin werden nun die Gelenke angegriffen. Neben den Schmerzen können die Gelenke zerstört werden.

 

Dermatologe und Rheumatologe arbeiten Hand in Hand

Eine Gelenkentzündung aufgrund einer Schuppenflechte zu behandeln, ist Sache von Rheumatologe und Dermatologe. Ich als Allgemeinmediziner muss das Ganze koordinieren und darauf achten, dass nichts übersehen wird und die Therapie in das Leben meiner Patientin passt.

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Bitte nur kurz Cortison!

Ich weiß gar nicht, wie häufig ich während der Corona-Pandemie darüber geredet habe: Jetzt nur kurz und hochdosiert Cortison. Denn genau das ist der Standard, um Entzündungen erstmal abzumildern. Doch das Cortison und seine Verwandten schwächen auch das Immunsystem. Genau hier bin ich gefordert, meine Kollegen zu bitten, nur den Entzündungsschub so anzugehen und dann schnell auf andere Medikamente umzustellen.   

 

TNFalpha-Blocker

Der Körper lenkt seine Abwehrzellen durch Botenstoffe zu den Entzündungsbereichen und steuert so auch die Intensität der Immunantwort. Einer davon ist der ‚Tumornekrosefaktor alpha‘, kurz TNFα – was für ein komplizierter Begriff. Doch ‚Tumor‘ hat hier nichts mit Krebs zu tun. Wenn man diesen Botenstoff blockiert, nimmt das Entzündungsgeschehen ab. Das ist jetzt der Weg.

 

Etanercept: ein „Botenstoff-Fischer“

Der Dermatologe schlägt meiner Patientin das ‚Etanercept“ vor. Das Eiweiß wird zweimal pro Woche unter die Haut gespritzt und verteilt sich im Körper. Dort fischt es den Tumornekrose-Faktor alpha aus dem Blut. Die Rheumatologen konnten im letzten Hebst zeigen, dass diese Medikamente das Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf nicht erhöhen.

 

Wirkung nach drei Monaten

Häufig dauert es einige Wochen, bis die Therapie wirkt – gemeinsam mit dem Dermatologen und dem Rheumatologen erarbeiten wir einen Weg, wie meine Patientin – fast ohne Cortison – diese Übergangszeit übersteht. Es gelingt.

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Achtung: schlummernde Infektionen

Im Organismus können Infektionen teils lange überdauern und dann durch das Etanercept wieder aufflammen – zum Beispiel Leberentzündungen (Hepatitis) oder auch die Tuberkulose. Beides schließe ich über einen Bluttest vor der ersten Bauchspritze aus.

 

Keine Lebend-Impfungen während der Therapie!

Es gibt Impfstoffe, die enthalten noch aktive, wenn auch stark abgeschwächte Erreger – zum Beispiel gegen Masern, Mumps oder Röteln. Hat die Therapie erstmal begonnen, heißt es, darauf zu verzichten. Ich kontrolliere daher ihren Impfpass – alles okay.

 

Corona-Impfung ist während der Etanercept-Therapie möglich

Eine Impfung gegen Corona ist dennoch möglich – am besten mit den Impfstoffen von BIONTECH oder MODERNA. Der AstraZeneca-Impfstoff setzt ein abgeschwächtes Adeno-Virus als so genannte Plattform ein. Das ist zwar kein ‚Lebendimpfstoff‘, doch er liegt irgendwo dazwischen.

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