Esssucht: Ursachen, Symptome und Therapie bei Binge Eating

Bei einer Esssucht leiden Betroffene unter wiederkehrenden Essanfällen. Das Essen ist kein Genuss mehr, sondern wird zur Sucht. Sie ist sogar die häufigste Essstörung bei Erwachsenen und auch unter dem Begriff Binge Eating bekannt. Esssüchtige leiden unter wiederkehrenden Essanfällen und Kontrollverlust. Was hinter dieser Essstörung steckt, an welchen Symptomen Sie erkennen, ob Sie von der „Fresssucht“ betroffen sind und wie sie behandelt wird.

Frau sitzt vor Tisch mit viel Essen und beißt in ein Brötchen.
Bei einer Esssucht verlieren die Betroffenen die Kontrolle über ihr Essverhalten, sie stopfen alles in sich rein. Foto: IStock

Was ist eine Esssucht?

Die Esssucht ist eine psychische Störung, bei der Betroffene unter wiederkehrenden Essattacken leiden. Meistens finden diese Attacken isoliert von Menschen statt. Im Vergleich zur Bulimie folgt auf den Essanfall kein Erbrechen oder eine andere Maßnahme, um der Gewichtszunahme entgegenzuwirken. Während des Essanfalls erleiden die Patienten einen Kontrollverlust. In dem Moment ist es für sie unmöglich mit dem Essen aufzuhören, selbst wenn sie von Bauchschmerzen oder Unwohlsein geplagt werden.

Zwischen den Essanfällen liegen häufig Perioden, in denen die Menschen mit dieser Essstörung unregelmäßig essen oder strenge Diäten befolgen. Betroffene der Krankheit beschäftigen sich viel mit ihrem Äußeren, wollen meistens abnehmen und sind nicht selbstsicher. Eine Esssucht ist also nicht nur eine Krankheit, die sich um das Essen dreht, sondern um den Menschen als gesamtes.

Ursachen einer Esssucht und ihr Teufelskreis

Die Ursachen für eine Esssucht sind divers. Häufig aber entsteht eine Esssucht durch (Selbst-) Verbote und starke Diäten. Hier beginnt ein Teufelskreis. Patient:innen verbieten sich beispielsweise Süßigkeiten, da sie abnehmen wollen. Durch das Verbot wird das Verlangen jedoch immer größer und am Ende gibt der Betroffene nach. Anstatt jedoch nur eine „normale“ Portion zu sich zu nehmen, essen Betroffene sehr große Mengen und zusätzlich andere Lebensmittel, die sie ursprünglich nicht essen wollten. Nach einem solchen „Fressanfall“ ist das schlechte Gewissen noch extremer. Die Betroffenen fühlen sich schlecht und schuldig. Sie bestrafen sich selbst mit weiteren Verboten. Dann geht der Teufelskreis von vorne los.

Verstärkende Faktoren, die einen Essanfall auslösen können, sind häufig:

  • Stress

  • Trauer

  • Unterdrückter Hunger

Andere mögliche Ursachen und Verstärker der Krankheit sind depressive Verstimmungen oder Traumata. Auch Angst- oder Persönlichkeitsstörungen können ausschlaggebende Faktoren sein.

Esssucht: Welche Rolle spielt Zucker?

Bei einer Esssucht wird im Gehirn wie bei einer herkömmlichen Sucht das Belohnungszentrum aktiviert. Besonders stark ist diese Aktivierung bei Fast Food oder Zucker. Zuckerhaltige Lebensmittel sorgen für eine verstärkte Dopamin Ausschüttung und in der Folge auch zu stärkeren Entzugserscheinungen. Oftmals essen die Betroffenen während der Anfälle viele zuckerhaltige Lebensmittel. Von Anfall zu Anfall wird das ausgeschüttete Dopamin weniger und weniger. Wie bei einer Kokain-Sucht müssen Betroffene von Mal zu Mal mehr essen, um auf das gleiche Dopamin-Level zu kommen.

Die Entzugserscheinungen sind ebenfalls vergleichbar mit einer herkömmlichen Sucht. Betroffene leiden nach langen Phasen ohne Essanfall an Konzentrationsschwächen, Gereiztheit, Schlafproblemen, und das Aggressionspotential steigt.

Eine Esssucht ist also nicht bloß eine Frage der Selbstkontrolle, sondern eine Sucht mit ähnlichem Charakter wie eine Drogensucht.

Bin ich esssüchtig? Testen Sie Ihre Symptome!

Ist es nur verstärkter Appetit oder schon eine Sucht? Diese 6 Fragen helfen herauszufinden, ob sie an einer Esssucht leiden: 

  1. Leiden Sie häufig an wiederkehrenden Essanfällen?

  2. Fällt es Ihnen schwer, mit dem Essen aufzuhören, selbst wenn sie satt sind?

  3. Essen Sie vor allem, wenn sie allein sind, große Mengen?

  4. Denken Sie ständig daran, wie Sie am besten und schnellsten Ihr Gewicht reduzieren können?

  5. Verspüren Sie nach dem Essen starke Schuldgefühle oder ekeln sich vor sich selbst?

  6. Essen Sie häufig große Mengen an Lebensmitteln, auf die Sie keinen Appetit haben?

Haben Sie mehrere Fragen mit „ja“ beantwortet? Nehmen Sie professionelle Hilfe in Anspruch, eine Esssucht ist nicht für die Selbstbehandlung geeignet. Die Fragen können nur eine Tendenz zeigen und dienen nicht zur Selbstdiagnose.

Folgen einer Esssucht: Depressionen, Übergewicht und Krankheiten.

Eine Esssucht ist, ähnlich wie eine Alkohol- oder Drogensucht, eine Krankheit, die deutliche Folgen für Körper und Seele haben kann. Deswegen sollte diese Essstörung nicht leichtfertig als vorübergehend starker Appetit abgetan werden.

Physische Folgen des Binge Eating:

Dadurch, dass die Betroffen große Mengen von häufig sehr ungesunder Nahrung verschlingen, nehmen die Patienten meistens während ihrer Erkrankung zu. Viele leiden deswegen an Übergewicht, welches Knochen, Organe und die Gelenke belastet. Zudem kann eine Esssucht zu Diabetes Typ 2, Bluthochdruck und diversen Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

Psychische Folgen der Esssucht:

Die psychischen Folgen einer Esssucht sind ebenfalls schwerwiegend. Durch das steigende Gewicht verstärken sich die Selbstzweifel und die Unzufriedenheit der „Binge Eater“. Hinzu kommt, dass sich viele Betroffene isolieren, da sie sich vor sich selbst schämen und in Isolation ungestörter ihren Attacken folgen können. Häufig erkranken Personen mit einer Esssucht zusätzlich an Depressionen und/oder Angststörungen. Manche Betroffene sind ehemalige Magersüchtige.

 

Esssucht bekämpfen: Die sieben besten Tipps gegen die Fressanfälle

Wenn sie spüren, dass ein Fressanfall bevorsteht oder sie weiteren Fressanfällen vorbeugen wollen, können diese Tipps helfen:

  • Essen Sie in regelmäßigen Abständen, um extremen Hunger zu vermeiden

  • Nehmen Sie sich bewusst Zeit fürs Essen

  • Vermeiden Sie Stress, nutzen Sie Entspannungsmethoden wie Meditationen oder Yoga

  • Analysieren Sie die Ursachen für den Fressanfall und machen Sie sich klar, wie Sie sich danach fühlen

  • Hören Sie auf, Essen zu verteufeln. Es ist in Ordnung, einen Keks zu essen. Das wird nicht zu einer Gewichtszunahme führen

  • Treiben Sie Sport, denn Sport steigert das Selbstwertgefühl und reduziert Stress

  • Verbringen Sie Zeit mit Freunden, die Ihnen guttun  

Diagnose ermittelt, ab wann es eine Esssucht ist

Ärzt:innen diagnostizieren eine Esssucht, indem sie eine ausführliche Anamnese machen und die Patient:innen zu ihrem Umgang mit Essen befragen. Um die Diagnose der Esssucht stellen zu können, müssen die Essanfälle über einen Zeitraum von sechs Monaten mindestens zweimal wöchentlich auftreten. Auch wenn Sie keine offizielle Diagnose haben, da sie die Kriterien nicht alle erfüllen, können Sie sich Hilfe holen. Ihre Erkrankung ist ebenfalls valide und muss behandelt werden.

Im zweiten Schritt folgt eine körperliche Untersuchung. Es werden verschiedene Werte wie der Blutzucker gemessen, ein EKG angefertigt und der BMI wird berechnet.

Da die Esssucht eine psychische Erkrankung ist, folgt eine psychologische Untersuchung der Patient:innen. Gemeinsam arbeiten Arzt oder Ärztin und die betroffene Person zwei Fragebögen ab und analysieren die Gefühle rund um die Esssucht.

Fresssucht: Ist die Krankheit heilbar?

Die gute Nachricht für Betroffene: Eine Esssucht kann behandelt werden. Die Schwierigkeit bei der Überwindung ist, dass Essen ein überlebenswichtiger Bestandteil unseres Lebens ist. Anders als bei einer Alkoholsucht kann man das Suchtmittel nicht umgehen.

Medikamente explizit gegen eine Esssucht gibt es keine. Teilweise verschreiben Ärzt:innen Medikamente, die die depressiven Stimmungen reduzieren. Die Esssucht wird meist mithilfe einer Psychotherapie behandelt, wie zum Beispiel einer Verhaltenstherapie. Bei der Therapie wird daran gearbeitet, die Einstellung der Patient:innen gegenüber dem Essen zu ändern. Ziel ist es, ein gesundes Essverhalten bei den Patienten zu etablieren und das Selbstwertgefühl zu steigern. Die Patient:innen sollen lernen, dass sie sich kein Lebensmittel verbieten müssen, um gesund zu sein.

Um diese Ziele zu erreichen, werden die betroffene Personen über ihr Krankheitsbild aufgeklärt. Danach arbeiten Therapeut:in und Patient:in zusammen daran, die Ernährungsgewohnheiten zu ändern. Patienten:innen lernen wieder regelmäßig zu essen und ihr natürliches Hungergefühl zurückzuerlangen. Hilfreich ist es hierbei nicht, die Lebensmittel, die einen Essanfall triggern aus der Ernährung zu streichen. Dadurch wird das Verlangen nur gestärkt und die zu behandelnde Person lernt nicht, die Angst vor bestimmten Lebensmitteln zu überwinden.

Ein weiterer Aspekt ist die Bewegung. Durch Bewegung werden die Patient:innen körperlich gesünder und auch der Psyche hilft ausreichend Bewegung.

Der letzte Schwerpunkt der Therapie bezieht sich auf das Selbstwertgefühl der Patient:innen. Sie lernen daran zu arbeiten, das negative Denken in Bezug auf den eigenen Körper zu überwinden.

Neueste Studie bietet Lösung für Menschen mit Esssucht

Eine Studie des integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums für Adipositas-Erkrankungen der Universitätsmedizin Leipzig hat sich mit der Impulskontrolle des Gehirns befasst. Personen, die an einer Esssucht leiden, haben eine Impulskontrollstörung. Heißt: Sie verlieren die Kontrolle in Anfällen.

Die Forscher: innen haben ein Training entwickelt, um die Aufmerksamkeit der von Esssucht Betroffenen zu regulieren und das kreative Denken zu fördern. Den Studienteilnehmer:innen wurde ihr Lieblingsessen gezeigt. Sie konnten dann eigene Strategien entwickeln, um dem Drang zu essen widerstehen zu können. Durch dieses Training entstehen neue Nervenverbindungen, die neue Gewohnheiten fördern. Trainieren Betroffene dies langfristig, kann das zu einer besseren Selbstkontrolle führen und damit zu weniger Fressanfällen.

Diese neue Methode könnte in Zukunft in die Behandlung einer Esssucht integriert werden - Die Resultate waren positiv und könnten eine Therapie noch effizienter machen.

Die Erforschung der Esssucht hat gerade erst an Fahrt aufgenommen, werden Binge-Eating und die Folgen frühzeitig und professionell behandelt, stehen die Heilungschancen gut.

 

Text: Helen Gräfer

Quelle:

ifb-adipositas Einblick in das eigene Gehirn - das Verlangen nach Essen kontrollieren lernen