Essstörungen – das sind die Warnzeichen

Dr. Nadine Hess
Expertin Dr. Hess: „Die Betroffenen empfinden sich als viel zu dick, obwohl sie viel zu dünn sind. Definitionsgemäß spricht man von einer Magersucht unterhalb eines Body-Mass-Index von 17,5.“ © privat

Was sind Magersucht und Bulimie? Wie erkenne ich frühzeitig, dass etwas nicht stimmt? Wie häufig sind Essstörungen überhaupt und erkranken auch Jungen daran? Wie sollten Eltern damit umgehen, wenn man den Verdacht hat, dass das Kind eine Essstörung entwickelt?

 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess

Die Zahl der an Essstörungen wie Magersucht und Bulimie Erkrankten steigt weiter an. Beinahe alle Eltern kommen spätestens zu Beginn der Pubertät mit dem Thema in Berührung – wenn glücklicherweise nicht das eigene Kind betroffen ist, so gibt es mittlerweile beinahe in jeder Jahrgangsstufe oder im Freundeskreis ein Kind, das an einer der beiden Essstörungen erkrankt ist.

 

Die Essstörungen Magersucht und Bulimie im Überblick

Grundsätzlich sind Essstörungen ein sehr weites Feld, das noch mal detaillierter und für die einzelnen Störungsbilder getrennt besprochen werden muss. Dieser Artikel soll für das Thema sensibilisieren und einen groben Überblick liefern. Es gibt natürlich noch mehr Essstörungen als die beiden im Folgenden genannten.

 

Magersucht  - Anorexia nervosa

Bei Magersucht kommt es durch eine willentlich stark herabgesetzte Nahrungsaufnahme zu einem teilweise dramatischen Gewichtsverlust. Oft entspringt sie zunächst dem Wunsch, etwas abzunehmen und gerät dann völlig aus der Kontrolle.

Meistens liegt im Laufe der Zeit auch eine verzerrte Körperwahrnehmung vor – die Betroffenen empfinden sich immer noch als viel zu dick, obwohl sie schon längst viel zu dünn sind. Definitionsgemäß spricht man von einer Magersucht unterhalb eines Body-Mass-Index von 17,5.

 

Ess-Brechsucht - Bulimia nervosa

Bei der Bulimie kommt es zu absichtlich herbeigeführtem Erbrechen nach der Mahlzeit, auch meist aus dem Wunsch heraus, abzunehmen. Oft wird zudem Abführmittelmissbrauch betrieben oder übermäßiger Sport, was beides auch bei der Magersucht vorkommen kann.

 

Essstörungen – wie viele Kinder sind betroffen?

In einer dänischen Studie aus dem letzten Monat konnte gezeigt werden, dass die Zahlen für Magersucht in den letzten 16 Jahren weiter gestiegen sind. Die Zahlen für Bulimie blieben ungefähr gleich, bei einer Geschlechterverteilung Mädchen zu Jungs von eins zu acht für Magersucht und eins zu zwanzig für Bulimie[1]. Es sind also immer noch deutlich mehr Mädchen von Essstörungen betroffen als Jungen, aber auch sie können darunter leiden.

 

Was sind Warnzeichen für beginnende Essstörungen?

Warnzeichen sind unter anderem, wenn das Kind plötzlich sonst gemeinsam eingenommene Mahlzeiten meidet, ständig angibt, keinen Hunger zu haben oder bereits auswärts gegessen zu haben, sich auffällig viel mit der Figur beschäftigt, plötzlich deutlich mehr Sport macht und kalorienhaltige Speisen meidet oder in den Nahrungsmitteln auf einmal sehr selektiv wird.

Mädchen will nicht essen
Mögliche Warnzeichen für beginnende Essstörungen: Wenn Kinder plötzlich sehr selektiv mit Nahrungsmitteln werden und oft behaupten, bereits gegessen oder keinen Hunger zu haben© Fotolia
 

Deutet es auf Essstörungen hin, wenn Kinder Vegetarier werden wollen?

Beispielsweise wollen viele kein Fleisch mehr verzehren und geben an, Vegetarier geworden zu sein, damit sie zumindest auf dieses Nahrungsmittel ohne weitere Diskussionen verzichten können. Selbstverständlich MUSS das kein Hinweis auf eine beginnende oder bestehende Essstörung sein, es gibt auch sehr viele Jugendliche, die aus ethisch-moralischen Gründen auf Fleisch verzichten möchten, aber es kann eben ein Warnzeichen sein. Auch können die Jugendlichen sehr viel kalorienarme Flüssigkeiten trinken, damit das Hungergefühl minimiert wird oder unmittelbar nach der Mahlzeit auf der Toilette verschwinden.

 

Was tun, wenn der Verdacht auf Essstörungen immer stärker wird?

Wenn Sie sich Sorgen machen, dass Ihr Kind an einer Essstörung leidet, wenden Sie sich vertrauensvoll an Ihren Kinder- oder Hausarzt – am besten an den, der das Kind am besten kennt und zu dem es Vertrauen hat – oder fragen Sie nach Beratungsstellen in Ihrer Nähe. Sprechen Sie Ihr Kind vorsichtig und in einer ruhigen Situation auf Ihre Beobachtungen an und teilen Sie mit, dass Sie sich Sorgen machen.

 

[1] Steinhausen HC1, Jensen CM. 2015: Time trends in lifetime incidence rates of first-time diagnosed anorexia nervosa and bulimia nervosa across 16 years in a danish nationwide psychiatric registry study. Int J Eat Disord. 2015 Mar 23. doi: 10.1002/eat.22402.

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