Essstörungen bei Kindern – ist Mamas Diät Schuld?

Dr. Nadine Hess
Expertin Dr. Hess: „Eine problembesetzte Einstellung der Eltern zum Essen oder eine verzerrte Körperwahrnehmung wird vom Kind sehr wohl registriert und oft unbewusst übernommen“ © privat

Wieviel vom elterlichen Essverhalten übernehmen Kinder, ohne dass wir es wollen? Steigt das Risiko für eine Essstörung des Kindes, wenn ein Elternteil darunter leidet oder zumindest ein auffälliges Essverhalten zeigt?

 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess

Fast jede Frau hat mindestens einmal, eher mehrmals im Leben eine Diät gemacht. Nicht wenige haben ein dauerhaft gestörtes Verhältnis zum Essen – nicht unbedingt in der Ausprägung, dass es unter die Diagnose „Essstörung“ fällt, aber doch so, dass Essen unregelmäßig, manchmal unkontrolliert oder sehr streng reglementiert passiert. Das mag nicht gut für die Mutter sein, für das Kind ist es aber doch egal – für den Nachwuchs wird ja extra gekocht. Oder?

 

Jedes vierte Mädchen unter zehn Jahren war schon einmal auf Diät

Die Zahlen für Essstörungen wie Anorexie und Bulimie sind eindeutig – sie nehmen weiter zu. Selbst von den unter zehnjährigen Mädchen hat schon ein Viertel eine Diät hinter sich. In den Medien werden nicht nur wir Erwachsenen, sondern auch schon Kinder mit Körperbildern konfrontiert, die das Ideal darstellen sollen und gleichzeitig unrealistisch und auch ungesund sind. Man kann sich kaum dagegen wehren.

 

Kinder schauen sich das Essverhalten ihrer Eltern ab

Kinder übernehmen mehr von unseren Rollen, als uns lieb ist. Eine problembesetzte Einstellung der Eltern zum Essen oder eine verzerrte Körperwahrnehmung wird vom Kind sehr wohl registriert und oft unbewusst übernommen. Nicht umsonst ist das Risiko der Kinder von essgestörten Müttern für die Entwicklung dergleichen Krankheit erhöht – und das hat nur in den wenigsten Fällen etwas mit Vererbung zu tun, sondern eher mit einer frühen Prägung für eine problematische Beziehung zum Essen. Natürlich darf man als Mutter oder Vater mal ein paar Kilo abnehmen, wenn man sich nicht mehr wohl fühlt. Auch das Gegenteil, die Fettleibigkeit, ist ja nicht erstrebenswert und auch dort „lernen“ die Kinder von den Eltern – meist ist ja nicht nur eine Person in der Familie übergewichtig, sondern alle.

 

Ein gutes Vorbild sein – auch beim Essen

Man sollte sich als Eltern immer bewusst sein, dass man für die Kinder eine Vorbildfunktion hat. Gutes, ausgewogenes Essen und eine vernünftige  Einstellung dazu sind wichtig, um Körper und Seele gesund zu erhalten. Nicht nur für Kinder, auch für Erwachsene.

Dr. Nadine Hess
Um Essstörungen bei Kindern vorzubeugen, lassen Sie Ihr Kind an der Ernährung teilhaben – von der Überlegung, was es geben soll, über das Einkaufen bis zum gemeinsamen Kochen© Fotolia

Was ist also wichtig? Leben Sie eine gesunde Ernährungsweise vor. Alles darf erlaubt sein, selbstverständlich auch mal Pommes frites mit Mayonnaise, wenn es dafür am nächsten Tag wieder nahrhaftere, weniger kalorienhaltige Lebensmittel gibt – es kommt auf die Mischung an. Von grundsätzlichen Verboten (etwa „kein Zucker“) halte ich nichts.

Strenge Ernährungsregeln führen oft dazu, dass das Lebensmittel erst recht interessant wird und dann heimlich in Unmengen verzehrt wird. Kochen Sie frisch und abwechslungsreich. Lassen Sie Ihr Kind an der Ernährung teilhaben – von der Überlegung, was es geben soll, über das Einkaufen bis zum gemeinsamen Kochen. Sich mit Lebensmitteln zu beschäftigen, macht Spaß! Essen ist etwas Schönes und Genussvolles – nichts, was Sorgen bereiten sollte.

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