Erste Hilfe bei Vergiftung

Dr. med. Nadine Heß

Ihr Kind hat vom Haushaltsreiniger getrunken oder sich eine Tablette in den Mund gesteckt? Dann ist schnelles, aber ruhiges Handeln gefragt! Kinderärztin Dr. Nadine Hess erklärt, was Eltern im Fall einer Vergiftung tun sollten.

Expertin Dr. Nadine Hess
„Bei einer Vergiftung sollte unbedingt verhindert werden, dass der Patient bricht. Dadurch kann die Speiseröhre geschädigt werden.“ © Privat
 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess

Besonders in einem Alter zwischen zwei und drei Jahren treten bei Kindern häufiger Vergiftungen auf, da die Kleinen dann besonders aufmerksam ihre Umgebung erkunden. Wenn sie dann an Gefahrenquellen wie beispielsweise Haushaltsreiniger herankommen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie den Inhalt aus Neugierde auch trinken. Schuld ist dabei manchmal auch die Nachlässigkeit der Eltern: Oft merken sie erst im akuten Fall, dass das Kind plötzlich groß genug ist, um an das Regal mit den Reinigern oder den Schrank mit den Tabletten heranzureichen. Tritt dann eine Vergiftung auf, geraten manche Eltern aus Selbstvorwürfen auch in Panik. Dabei gilt wie in allen Notfällen: Versuchen Sie unbedingt ruhig zu bleiben, damit das Kind nicht auch noch Angst bekommt oder in Panik gerät.

 

Woran erkenne ich eine Vergiftung?

Leidet ihr Kind unter einer Vergiftung, macht sich das in erster Linie durch merkwürdiges Verhalten bemerkbar. Zu den Symptomen zählen ein unsicherer Gang, wobei häufig die Arme als Hilfe für die Balance benutzt werden und der Versuch, nach Gegenständen zu greifen, die gar nicht existieren. Vorsicht ist auch geboten, wenn der Nachwuchs unter Übelkeit oder Erbrechen leidet. Kontrollieren Sie in diesem Fall, ob alle Reiniger, Tabletten, Zigaretten und Ähnliches noch da sind, wo sie hingehören. Hat plötzlich ein Gegenstand den Platz gewechselt oder fehlt ganz, sollten Sie davon ausgehen, dass Ihr Kind etwas davon verschluckt haben könnte und jetzt unter einer Vergiftung leidet. War Ihr Kind draussen und hat Pflanzenreste im Mund, lassen Sie diese ausspucken und schauen Sie, ob sie von der Pflanze möglicherweise noch einen kompletten Zweig mitnehmen können, dann fällt die Bestimmung leichter.

 

Was macht die Vergiftung mit Haushaltsreinigern so gefährlich?

Um zu entscheiden, wie bei einer Vergiftung vorzugehen ist, muss als erstes herausgefunden werden, was das Kind geschluckt hat. Falls Sie sich nicht sicher sind, öffnen Sie seinen Mund und sehen Sie nach, ob sich darin noch Reste der verschluckten Substanz befinden. Das Kind sollte diese dann ausspucken. Wichtig: Brechreiz und tatsächliches Brechen sollten unbedingt vermieden werden! Haushaltsreiniger enthalten oft stark ätzende Substanzen, die noch mehr schaden können, wenn sie erneut die Speiseröhre passieren. Wenn Ihr Kind Durst hat, geben Sie ihm vorsichtig kleine Schlucke Wasser ohne Kohlensäure zu trinken. Fahren Sie in die Notaufnahme und nehmen Sie unbedingt den Reiniger mit, damit die Ärzte gezielt helfen können.

Junge trinkt Milch
Anders als oft angenommen hilft Milch bei einer Vergiftung nicht –im Gegenteil. Sie sorgt dafür, dass das Gift im Körper schneller verteilt wird© Fotolia
 

Warum Tabletten niemals Bonbons heißen dürfen

Müssen Eltern oder Großeltern bestimmte Medikamente einnehmen und das Kind fragt danach, sollte unbedingt vermieden werden, die Tabletten als Bonbons zu „verniedlichen“. Bei vielen Kleinen steigt so nur die Neugierde auf die Pillen und das Risiko, dass sie irgendwann eine davon schlucken, steigt stark an. Wenn es dann doch irgendwann passiert ist: Achten Sie darauf, ob das Kind typische Anzeichen einer Vergiftung zeigt. Ist das nicht der Fall, kann ein kurzer Anruf bei einem der Giftnotrufe Deutschlands weiterhelfen. So können Sie beispielsweise rund um die Uhr unter der Telefonnummer 030/19240 die Gifthotline der Charité Berlin erreichen. Die dortigen Berater können eine erste Risikoeinschätzung in Vergiftungsfällen geben.

Wenn Sie nicht sicher sind, was und wie viel das Kind geschluckt hat, sollten Sie vorsichtshalber trotzdem immer in die Notaufnahme fahren. Wenn Sie Reste der Substanz im Mund gefunden haben, nehmen Sie diese in einem sauberen Taschentuch zur Untersuchung mit.

 

Milch im Vergiftungsfall?

Viele Menschen nehmen immer noch an, dass ein Glas Milch helfen kann, wenn eine Vergiftung vorliegt. Doch diese Annahme ist nicht nur falsch, sondern sogar sehr gefährlich: Milch fördert bei vielen Substanzen die Aufnahme des Giftes im Körper. Typische Vergiftungssymptome können dadurch noch schneller auftreten.

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.