Erste Erfahrungen in der Praxis - 100 Tage Pflegereform

Redaktion PraxisVITA
Was die Pflegereform den Bedürftigen bringt
Ein Einblick in den Alltag von Pflegebedürftigen und Angehörigen zeigt, was die Pflegereform bewirkt © iStock

Umfassender als bisher sollen Beeinträchtigungen berücksichtigt und Bedarfe ermittelt werden. Ein Einblick in den Alltag von Pflegebedürftigen und Angehörigen zeigt, was die Pflegereform bewirkt.

 

Leichte Demenz - Höherer Anspruch, höhere Lebens-Qualität

Meine Mutter war immer eine ganz feine Dame“, sagt Annelie Müller über ihre Mutter Hilde, die im nächsten Jahr ihren 75. Geburtstag feiert. Auch wenn in manchen Jahren die Haushaltskasse alles andere als üppig gefüllt war, legte die Berlinerin stets Wert darauf, dass ihre Tochter, ihr Mann und auch sie selbst gut angezogen und gepflegt waren. „Es hat sie stolz gemacht und sie hat selbst viel Stärke und Kraft daraus gezogen, ‚ordentlich‘ auszusehen, selbst wenn sie gar nicht aus dem Haus gegangen ist“, berichtet die Tochter.

 

Die Zeit reicht nie aus

Stärke und Kraft waren bei manchen Schicksalsschlägen oft nötig, doch niemals beklagte sie sich. Die Nachbarn waren beeindruckt, wie sie das alles schaffte. „Die Nachbarn, ja“, seufzt die Tochter, „denen bin ich sehr dankbar! Denn ohne deren Aufmerksamkeit wäre mir vielleicht am Anfang gar nicht aufgefallen, dass Mutti ein bisschen tüdelig geworden ist.“ Annelie Müller wohnt zwar ebenfalls in Berlin, aber trotz des innigen Verhältnisses reichte die Zeit an vielen Tagen nicht, um die Mutter neben Job und Familie regelmäßig und auch mal ein wenig länger zu besuchen. Die Nachbarn nahmen die Veränderungen bei der Seniorin wahr: Plötzlich waren die Haare nicht mehr so adrett oder sie ging bei eisiger Kälte ohne Jacke an die Luft. Immer erst wenn man Hilde darauf ansprach, bemerkte sie ihre Vergesslichkeit – und war am Boden zerstört, wie ihr das hatte passieren können.

                                                                                                                                             

 

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© curablu

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Annelie Müller wandte sich an den Hausarzt ihrer Mutter, der eine leichte Demenz feststellen konnte. „Ich bin häufiger zu ihr gefahren und habe nach ihr geschaut. Ich habe mit ihr zusammen die Tage geplant, die Kleidung rausgelegt, und auch Zeit mit ihr verbracht. Letztendlich aber war es zu wenig, was ich tun konnte. Sie vergaß immer häufiger etwas und wenn sie darauf angesprochen wurde oder es selbst merkte, dann machte ihr das erst richtig zu schaffen.“ Schließlich stand Hilde an manchen Tagen erst gar nicht mehr auf, „und da war mir klar, dass wir etwas tun mussten, damit meine Mutter nicht komplett ihren Lebensmut verlieren würde“.

 

Struktur für den Tag

Die Pflegestufe 0, die daraufhin festgestellt wurde, brachte jedoch nur wenig Entlastung. Mit der jetzigen Einstufung in den Pflegegrad 2 erhöht sich die Leistung und praktische Lösungen waren möglich: Jeden Morgen kommt ein Pflegedienst und macht mit Hilde zusammen nicht nur eine kleine Morgentoilette und kümmert sich um ihr Aussehen, sondern spricht mit ihr auch den Tag durch. Eckpunkte des Tages, beispielsweise Einkaufen oder Kirchgang, werden aufgeschrieben und gut sichtbar auf den Küchentisch gelegt. Zusammen wurden Checklisten entwickelt, die unübersehbar an der Wohnungstür hängen. „Für uns scheinbar normale Dinge, wie Jacke, Geldbeutel, Schlüssel, die vergisst Mutti manchmal. Lesen kann sie aber noch gut und die Listen machen es für sie einfach, vor jedem Rausgehen zu prüfen, ob alles in Ordnung ist.“ Den täglichen Besuch einer Pflegerin hat Hilde inzwischen akzeptiert: „Es ist ihr anfangs sehr schwergefallen, aber mittlerweile freut sie sich schon immer darauf. Ihr Lebensmut ist zurückgekommen – und alle Nachbarn freuen sich, dass meine Mutter fast wieder ‚die Alte‘ ist.“

   

Das rät Expertin Ulrike Mascher

Der Begriff der Pflegebedürftigkeit wird durch die Pflegereform nicht mehr nur rein körperlich gesehen, sondern umfasst jetzt auch das seelische Befinden. Das Schwanken zwischen Vergesslichkeit und Erkennen der Missgeschicke schlägt auf das Gemüt, den Lebensmut, die Lebensqualität. Ein nicht zu unterschätzender Faktor, der das Fortschreiten gerade einer leichten Demenz beschleunigen kann, und der jetzt adäquat in der Einstufung berücksichtigt werden kann.

 

Tagespflege statt Pflegedienst - Entspannter durch den Alltag

Die Pflegereform brachte für Marga und Werner Schröter erst auf den zweiten Blick Vorteile. Die bisherige Pflegestufe 2 ermöglichte dem Ehepaar einen ambulanten Pflegedienst. Die regelmäßigen Besuche entlasteten Marga Schröter jedoch nur in Teilen: „Viele Dinge wollte ich ja auch selbst machen, das war mir anfangs wichtig“, berichtet die 57-Jährige, „doch ich habe unterschätzt, wie viel Kraft es kostet.“

Wie die Pflegereform Bedürftigen hilft
Die Pflegereform erleichtert den Alltag vieler Bedürftiger© iStock

Als die Demenz bei Werner Schröter diagnostiziert wurde, fand sich die Bürokauffrau statt im vorzeitigen Ruhestand als Vollzeitpflegerin ihres Mannes wieder. „Werner sollte es so gut wie möglich gehen, das nahm ich als meine Verantwortung. Dass der Pflegedienst auch für mich wichtig ist, um wenigstens ab und zu die Verantwortung abgeben zu können, das habe ich erst spät gesehen.“

Ende letzten Jahres ließ sich Marga zu den Änderungen der anstehenden Pflegereform beraten. Im Gespräch entwickelte sich die Idee, ihren demenzkranken Mann tageweise einer Tagespflege anzuvertrauen. „Finanziell war es mit den zusätzlichen Geldleistungen möglich, aber ich kämpfte mit dem Gedanken, ich würde Werner ‚abschieben‘“, berichtet sie von ihren Bedenken. „Wenn ich gewusst hätte, wie gut uns beiden das tut, dann hätte ich das schon viel eher gemacht.“

Skeptisch erwartete sie den Tag, den ihr Mann zum ersten Mal mit anderen Demenzerkrankten verbringen sollte. Am späten Nachmittag die Überraschung: Werner war müde, aber auch sehr guter Dinge. Die speziellen Angebote für Demenzkranke hatten ihm gefallen, er kam mit anderen Patienten ‚ins Gespräch‘, die Betreuer waren aufmerksam und sorgten dafür, dass er bei Spielen dabei war, dass er mit den anderen sang und malte.

Ihrem Mann gefällt es, da ist sich Marga Schröter mittlerweile sicher. Sie selbst plant jetzt, wieder stundenweise in ihren alten Beruf einzusteigen: „Da freu ich mich richtig drauf!“ Und sie hat mit anderen Ehefrauen von demenzkranken Männern eine „Kaffeeklatsch-Runde“ eingerichtet: „Vorher hatte ich gar nicht die Zeit dazu. Jetzt merke ich erst, wie wichtig dieser Austausch ist. Und Werner geht es gut, wenn er bei ‚seinen Leuten‘ ist, mir geht es gut, weil ich wieder Zeit für mich habe und weil ich andere gefunden habe, denen es genauso geht wie mir. Ohne die Pflegereform, aber vor allem ohne die gute Beratung, hätten wir diesen Schritt mit der Tagespflege vermutlich nicht gewagt.“

   

Das rät Expertin Ulrike Mascher

Durch die Pflegereform haben die meisten Betroffenen einen höheren Leistungsanspruch. Diesen Anspruch sollte man nutzen – Betroffene und Angehörige profitieren! Wir stellen immer wieder fest, dass gerade Demenzpatienten überwiegend von nächsten Angehörigen gepflegt werden, die damit an die Grenzen ihrer Kräfte geraten. Wenn man nicht sicher ist, ob eine Alternative, sei es ambulanter Pflegedienst oder Tagespflege, entlastend wirken kann, so sollte man es zumindest ausprobieren. Welche Pflegehilfsmittel Ihnen gesetzlich zustehen und wie diese eingesetzt werden können, erfahren Sie in unserem Artikel „Pflegehilfsmittel: Was Ihnen gesetzlich zusteht.“

 

Hürden im Alltag – Mit einem Grad überwunden

Heiner Merzens traf es unvorbereitet: Schlaganfall mit Ende 40. Unzufrieden ist er mit seinem Leben trotzdem nicht, nach der Reha geht es ihm wieder gut. Wenn da nur nicht die kleinen Tücken des Alltags wären, die er durch die verbliebene Kraftlosigkeit der linken Körperhälfte nur mit Mühe bewältigen kann: „Versuchen Sie mal, einen Strumpf mit nur einer Hand anzuziehen! Viel Spaß dabei!“, sagt er mit einem wissenden Lachen.

 

Körperpflege leicht gemacht

Der frühere Verwaltungsfachmann hat sich selbst und auch seine Umgebung weitgehend an seine Einschränkung angepasst – eine bislang selbst finanzierte Anpassung. Der jetzt festgestellte Pflegegrad 1 eröffnet ihm neue Wege und erleichtert sein Leben: „Körperpflege ist seit dem Schlaganfall schwierig geworden: Duschen, Haare waschen, Nägel schneiden – alles mit einer Hand. Durch den monatlichen Entlastungsbeitrag ist jetzt alle zwei Wochen sozusagen mein persönliches Beauty-Programm möglich.“

Die Pflegereform ermöglicht wieder mehr Selbstständigkeit
Die Pflegereform ermöglicht unter anderem Umbauten, sodass Bedürftige wieder mehr Selbstständigkeit erlangen© iStock

Wie sehr es ihm am Herzen liegt, sich selbst pflegen zu können, merkt man an seinen Zukunftsplänen. Ein jährlicher Zuschuss von 4.000 Euro steht ihm nach der Pflegereform für Umbauten zur Verfügung. In diesem Jahr soll die Dusche ebenerdig werden und wenn noch etwas Geld übrig ist, dann gibt es auch passende Wandhalterungen. Weitere Handläufe in der Wohnung sind für nächstes Jahr geplant: „Ich möchte mich zu Hause selbstständig und angstfrei bewegen können.“

 

Beratung macht’s möglich

Was viele Pflegebedürftige nicht wissen: Welche Leistungen stehen einem eigentlich zu und wofür dürfen diese verwendet werden? Als Verwaltungsfachmann, so dachte Heiner Merzens, kann er sich durch die Regelungen, Richtlinien, Gesetze allein durcharbeiten. Weit gefehlt, das musste er nach einer Beratung durch den lokalen Pflegestützpunkt erfahren: „Manche Ansprüche verfallen einfach, wenn sie nicht abgerufen werden. Manche Maßnahmen, an die ich gedacht hatte, sind nicht realisierbar. Und an manche Dinge hatte ich einfach gar nicht gedacht!“

   

Das rät Expertin Ulrike Mascher

Die Pflegereform ist kompliziert, doch einfach war es vorher schon nicht. Wie unterscheiden sich die Leistungen, was muss man selbst beantragen, was darf man nicht selbst beauftragen, wo sind welche Anträge einzureichen? Hinzu kommt, dass nicht nur die Kassen, sondern auch die Bundesländer in vielen Punkten unterschiedliche Regelungen haben. Der VdK hilft dabei, den Überblick über die Ansprüche zu erhalten und diese notfalls auch zu erstreiten.

 

VDK – DIE LOBBY FÜR SOZIALE GERECHTIGKEIT

Der Sozialverband VdK Deutschland e.V. setzt sich seit mehr als 70 Jahren für Menschen ein, die Hilfe brauchen. Rund 1,75 Millionen Mitglieder, Rentner, Menschen mit Behinderung, chronisch Kranke, Pflegebedürftige, Angehörige, Familien, ältere Arbeitnehmer und Arbeitslose, profitieren von kompetenter Beratung und der Vertretung in allen sozialrechtlichen Angelegenheiten.

Präsidentin Ulrike Mascher setzt einen Fokus im Thema Pflege. So sehr die Neuerungen der aktuellen Reform helfen können, so darf darüber nicht vergessen werden, dass die demografische Situation wie ein Damoklesschwert über der Zukunft hängt: „Vor allem der Stärkung von Prävention muss oberste Priorität in der Pflegepolitik eingeräumt werden. Es ist belegt, dass sich dadurch bei vielen älteren Patienten die Pflegebedürftigkeit vermeiden oder hinausschieben lässt.“ Der VdK empfiehlt daher jedem, sich vor dem oftmals plötzlich eintretenden Fall der Pflegebedürftigkeit, sei es bei einem selbst oder bei Angehörigen, beraten zu lassen. Eine frühzeitige Beratung kann Fehlentscheidungen vermeiden.

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