Ersetzt ein Pflaster bald die Spritze?

Phyllis Kuhn Medizinredakteurin
Mikro-Nadel-Pflaster
Das Mikro-Nadel-Pflaster kann nicht nur Medikamente unter die Haut spritzen. © KTH The Royal Institute of Technology

Die klassische Spritze könnte in vielen Fällen bald ausgedient haben. Ein schwedisches Forscherteam hat eine neue Methode der Injektion entwickelt. Und die ist völlig schmerzfrei.

Ungefähr jeder fünfte Deutsche leidet unter einer sogenannten Trypanophobie (Angst vor Spritzen). Aber auch bei den meisten anderen Menschen dürfte die Aussicht auf eine bevorstehende Injektion zumindest Unbehagen auslösen. Medizinisch gesehen ist das Injizieren von Medikamenten durch eine Spritze zwar effizient aber auch angesichts moderner medizinischer Entwicklungen wenig fortschrittlich. Immerhin hat sich an der ursprünglichen Methode seit dem frühen 18. Jahrhundert nicht viel geändert. Dass das Verabreichen von Medikamenten auch einfacher gehen muss, dachte sich auch ein schwedisches Forscherteam. Die Gruppe um Mina Rajabi und Frank Niklaus vom KTH Royal Institute of Technology in Stockholm entwickelte daher ein biegsames Pflaster, das mit 50 100-1000 μm langen Mikronadeln ausgestattet ist. Diese verteilen die Medikamente beim Eindringen in die Haut über mehrere mikroskopisch kleine Einstichstellen. Da dabei nur die obere Hautschicht durchbohrt wird und die Nadeln keine Nerven erreichen, entsteht kein Schmerz durch das Pflaster. Es besteht aus einer biegsamen Polymer-Platte, auf welcher die Nadeln aus rostfreiem Stahl platziert sind. Allerdings kann das Pflaster nur Injektionen verabreichen, bei denen die Wirkstoffe nicht den Blutkreislauf erreichen müssen.

 

Herausforderungen in der Entwicklung

Ähnliche Test-Pflaster waren zuvor bereits von anderen Wissenschaftlern entwickelt worden. Bei vorhergehenden Prototypen bestand bisher jedoch immer das Problem, dass Pflaster und Nadeln aus demselben Material bestanden. Handelte es sich dabei um Metall, drangen die Nadeln zwar planmäßig in die Haut ein, das Pflaster war jedoch nicht biegsam und deshalb unkomfortabel in der längerfristigen Anwendung. Bestanden Nadel und Pflaster aus weicherem Material, drangen die Nadeln nicht mehr zuverlässig in die Haut ein.

 

Vielseitige Anwendungsmöglichkeiten

Das neu entwickelte Pflaster der Wissenschaftler aus Stockholm kann nicht nur Medikamente verabreichen. Da es auch über längere Zeiträume hinweg tragbar ist, kann es auch ähnlich wie ein Fitness-Tracker für die Messung physiologischer Signale genutzt werden. Andere Einsatzmöglichkeiten umfassen die Entnahme von Körperflüssigkeiten zur Echtzeit-Kontrolle von Glucose-Werten (nützlich für Diabetiker), pH-Werten und anderen diagnostischen Markern. Neben der Messung von medizinischen Daten kann das Pflaster auch für kosmetische Hautbehandlungen und biolelektrische Verfahren genutzt werden.

„Chronisch Kranke müssten sich keinen täglichen Spritzen mehr aussetzen“, erklärt Niclas Roxhed, Ko-Autor der Studie und Leiter der Forschungsabteilung am Institut für Mikro- und Nanotechnologie an der KTH. Auch für Menschen mit chronischer Angst vor Spritzen, könnte das Mikro-Nadel-Pflaster endlich eine schmerzfreie Alternative darstellen.

Dazu kommt der hygienische Vorteil: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jährlich etwa 1,3 Millionen Menschen an den Folgen von unsachgemäßer Anwendung von Spritzen stirbt. „Da das Pflaster nicht mit dem Blutkreislauf in Kontrakt kommt, besteht ein geringeres Risiko, Infektionen zu verbreiten“, erklärt Roxhed.

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