Erkältungen: Antibiotika oft unnötig verschrieben

Mutter mit kranker Tochter
Besonders bei Kindern werden zu oft Antibiotika verschrieben. Eltern können ihren Kinderarzt bitten, einen Bakterien-Schnelltest zu machen, um zu wissen, ob sie angebracht sind © Fotolia

Der leichtfertige Einsatz von Antibiotika macht diese wirkungslos. Besonders bei Erkältungen sind sie oft die falsche Wahl.

Die steigende Zahl multiresistenter Bakterien bereitet Experten Kopfzerbrechen. Die Ursache ist klar: Antibiotika werden zu häufig eingesetzt – oft sogar auch dann, wenn sie wirkungslos sind. Ganz neu ist die Erkenntnis nicht. Das Schlimme: Obwohl das Problem seit Jahren bekannt ist, ändert sich wenig am Umgang mit dem wichtigen Medikament. Das zeigen Daten aus dem Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK), den diese heute in Berlin vorstellt.

Bereits bei kurzen Krankschreibungen, bis zu drei Tagen, bekam jeder vierte TK-Versicherte im vergangenen Jahr ein Antibiotikum verordnet. Die hohe Zahl der Verordnungen bei kurzer Krankheitsdauer lässt vermuten, dass Antibiotika häufig nur auf Verdacht verschrieben werden. Wirklich angebracht sind sie jedoch nur dann, wenn eine bakterielle Infektion die Erkrankung auslöst. Bei kurzzeitigen Erkältungskrankheiten sind aber in mehr als 80 Prozent Viren die Ursache. Antibiotika sind dann wirkungslos.

 

Erkältungen einfach aushalten

„Einige Erkältungen müssen einfach durchgestanden werden“, sagt Tim Steimle, Leiter des Fachbereiches Arzneimittel der TK. Das Problem: „Vor allem bei erkälteten Kindern ist der Druck in der Arztpraxis jedoch groß, dass ein Medikament verschrieben werden soll. Hier fordern wir mehr Verständnis von allen Parteien. Ein medizinisch unbegründeter Einsatz von Antibiotika fördert die Ausbreitung multiresistenter Keime und setzt die Patienten unnötigerweise dem Risiko von Nebenwirkungen aus“, so Steimle.

„Ausschließlich bei nachgewiesenen bakteriellen Infektionen dürfen Sie Antibiotika einnehmen", sagt auch Hygiene-Experte Prof. Dr. Franz Daschner. Mittels Urintest kann bei einer Blasenentzündung untersucht werden, ob die Infektion bakteriell bedingt ist. Auch bei einer Mandelentzündung kann ein Abstrich Sicherheit geben. Aber: Es dauert etwa vier bis fünf Tage, bis ein Laborergebnis vorliegt.

„Verschreibt der Arzt ein Antibiotikum, hat sich als Erfahrungswert eine Einnahme von drei Tagen bewährt", erklärt Prof. Daschner. Bei Lungenentzündung, Nasen-Nebenhöhlenentzündung und bakterieller Bronchitis (mit eitrigem Auswurf) gilt: Nehmen Sie das Antibiotikum noch mindestens drei Tage, nachdem Sie fieberfrei sind, ein.

Dass Antibiotika nicht nur dann verschrieben werden, wenn sie wirklich notwendig sind, zeigt sich auch an den deutlichen regionalen Unterschieden. Im Saarland und in NRW sind die Verordnungsraten besonders hoch. Hier werden pro Jahr im Schnitt 5,8 Tagesdosen pro Einwohner verschrieben. In Sachsen sind es nur 3,7. 

 

Multiresistente Keime

Etwa 800 000 Menschen infizieren sich jedes Jahr in deutschen Kliniken mit multiresistenten Erregern. Davon sterben etwa 30 000 Betroffene. Wir erklären zwei der häufigsten multiresistenten Erreger.

Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA): Dieser Erreger greift vor allem den Nasen-Rachen-Raum und die Haut an. Symptome können Entzündungen, eine eitrige Infektion der Haut, Durchfall und Erbrechen sein. Bei einer Infektion helfen gängige Antibiotika nicht. Dann kommen sogenannte Reserve-Antibiotika zum Einsatz. Der große Nachteil: Diese Medikamente haben starke Nebenwirkungen. Auch gesunde Menschen können MRSA in sich tragen, merken dies möglicherweise aber nicht, da keine Krankheit ausbricht und deshalb Symptome ausbleiben. Sie müssen nicht behandelt werden, übertragen die Bakterien aber möglicherweise an immungeschwächte Mitmenschen.

Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE): Eine Infektion mit diesem Keim kann zu Infekten etwa im Bereich der Harnwege und im Mundraum führen. Bei einem schweren Verlauf kann es sogar zu einer gefährlichen Lungenentzündung kommen. Wie lange die Behandlung mit speziellen Reserve-Antibiotika dauert, hängt dann zum Beispiel von der Lokalisation und der Schwere der Infektion ab.

Hamburg, 1. Juli 2015

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