Ergotherapie: Besseres Handeln im Alltag

Michelle Kröger

Die Behandlungsform der Ergotherapie unterstützt Menschen mit eingeschränkter Handlungsfähigkeit. Durch sie können kranke oder hilfsbedürftige Menschen ein großes Stück Lebensqualität zurückerlangen. Wie läuft eine Ergotherapie ab? Alles Wichtige rund ums Thema der beliebten Therapieform.

Kind bei der Ergotherapie
Ergotherapie kann schon im Kindesalter, z.B. bei Bewegungsstörungen oder Entwicklungsverzögerungen, angewendet werden Foto:  iStock/FatCamera
Inhalt
  1. Ergotherapie: Was ist das genau?
  2. Wirkungsweisen: Welche Ziele verfolgt die Ergotherapie?
  3. Wem kann durch Ergotherapie geholfen werden?
  4. Welche Krankheitsbilder machen eine Ergotherapie nötig?
  5. Wie sieht eine ergotherapeutische Behandlung aus?
  6. Wo findet eine Ergotherapie statt?
 

Ergotherapie: Was ist das genau?

Eine Ergotherapie ermöglicht Menschen wieder Handlungsfähigkeit im Alltag, gesellschaftliche Teilhabe und eine Verbesserung der Lebensqualität. Speziell ausgebildete Ergotherapeuten verhelfen Menschen zu Gesundheit, indem sie diese dazu befähigen, die alltäglichen Aktivitäten ausführen zu können, die sie tun möchten oder müssen. “Partizipation, Teilhabe und selbstbestimmtes Leben sind die Grundlagen dafür, dass Menschen sich handlungsfähig fühlen, ihren Alltag wieder so bewältigen können, dass sie zufrieden sind, ein gutes Leben nach ihren individuellen Vorstellungen, Wünschen und Bedürfnissen leben können”, sagt Andreas Pfeiffer, Vorsitzender des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten e.V. (DVE). Zur Anwendung kommen hierbei spezifische Aktivitäten, Umweltanpassung und Beratungsangebote.

 

Wirkungsweisen: Welche Ziele verfolgt die Ergotherapie?

Das Ziel dieser besonderen Behandlungsform: die Stärkung in Bezug auf die Durchführung individuell bedeutungsvoller Betätigungen, etwa in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit in der persönlichen Umwelt der Betroffenen. “Ergotherapeuten fokussieren sich auf den Alltag ihrer Patienten und Klienten. Mithilfe sogenannter Assessments – das sind in die Tiefe des Themas gehende Interviews, Beobachtungsverfahren und Tests – klären sie, wie es um die Bewältigung täglicher Handlungen steht”, erklärt Pfeiffer. Außerdem erfahren Teilnehmer, welche Handlungen und Betätigungen sie in den Bereichen Selbstversorgung, Produktivität und Freizeit als bedeutungsvoll ansehen können. “Und vor allem: wofür derjenige morgens aufsteht.” Sind diese persönlichen Ziele und die Motivation der Person geklärt, gehe es darum, sie zu stärken. Und zwar so, dass sie die für sie bedeutungsvollen Aktivitäten wieder ausführen kann und Lebensqualität, Teilhabe und selbstbestimmtes Handeln wieder möglich sind.

 

Wem kann durch Ergotherapie geholfen werden?

“Jedem Menschen, in jedem Alter. Also vom Baby bis zum Sterbenden – beispielsweise vor, während oder nach einer Erkrankung. Nach einem Unfall oder in einer Lebenskrise und in Umbruchsituationen”, zählt Pfeiffer auf. Darüber hinaus profitiere auch das Umfeld von der Therapieform: Angehörige, Familie, wer immer mit dem Betroffenen zu tun hat. Durch dieses Vorgehen gewährleisten Ergotherapeuten, dass ihre Intervention nachhaltig wird und sie den bestmöglichen Erfolg bewirken. “Ist das Umfeld aufgeklärt, weiß es, warum der Betroffene sich so verhält, wie er sich verhält. Und Verständnis und Empathie werden möglich.” Auch der richtige Umgang mit Menschen mit einer bestimmten, beispielsweise psychischen Erkrankung, spiele laut dem Ergotherapie-Experten eine große Rolle. Er habe Einfluss auf den Heilungserfolg. Im weiteren Sinne profitiere sogar die Gesellschaft: “Selbstständige, sozial integrierte Menschen entlasten die überforderten Versorgungssysteme, was Ausgaben und Kosten reduziert”, sagt er.

Der ganzheitliche Ansatz der Ergotherapie kann etwa …

  • körperliche und seelische Zustände verbessern,
  • den Leidensdruck reduzieren,
  • Schmerzlinderung bewirken,
  • Pflegebedürftigkeit hinauszögern.
 

Welche Krankheitsbilder machen eine Ergotherapie nötig?

Ergotherapie ist immer dann nötig, wenn ein Mensch in seiner Handlungsfähigkeit beeinträchtigt ist. “Es geht darum, die Menschen in ihre Handlungsfähigkeit zurückzubringen und sie mental und körperlich zu stärken. Darum Ersatzhandlungen zu finden oder sie dabei zu unterstützen, mit ihrer Lebenssituation zurechtzukommen”, so der DVE-Vorsitzender Andreas Pfeiffer. Das seien beispielsweise neurologische Erkrankungen wie zum Beispiel Parkinson.

Ergotherapeuten befähigen auch Menschen mit seelischen Erkrankungen – Trauma, Depressionen, Burnout, etc. – ihr Leben zum Positiven zu verändern. Sie können auch Verhaltensänderungen herbeiführen, wenn Menschen blockiert sind und/oder unter einer Sucht leiden. “Sie arbeiten mit Kindern, die an Entwicklungsverzögerungen leiden, motorisch oder in ihren sozialen und emotionalen Kompetenzen Förderung brauchen”, führt Pfeiffer fort. Etwa bei ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung), UEMF (Umschriebene Entwicklungsstörung motorischer Funktionen) und anderen Krankheitsbildern oder Störungen. “Ebenso findet man Ergotherapeuten in palliativen Einrichtungen.” Dies seien allerdings nur einige Beispiele. Ergotherapeuten sind in vielen Bereichen zu finden. Das liegt daran, dass die Ausbildung von Ergotherapeuten aus Elementen der Medizin und Sozialwissenschaften besteht und ebenso Wissen zu den Bereichen Pädagogik, Psychologie und Soziologie vermittelt.

Ergotherapie kann in folgenden Bereichen helfen: 

  • psychische Störungen (z.B. Depressionen, Suchterkrankungen, Schizophrenien, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen)
  • Neurologie (z.B. Erkrankungen des zentralen Nervensystems, Schlaganfälle, Multiple Sklerose, Parkinson, Demenzen, Gehirn-Verletzungen, Verletzungen des Rückenmarks)
  • Orthopädie (z.B. nach Unfällen)
  • Ergotherapie mit älteren Menschen (auch: Geriatrie)
  • Pädiatrie (bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten, Bewegungsstörungen, Entwicklungsverzögerungen, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsdefiziten)

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Wie sieht eine ergotherapeutische Behandlung aus?

Aber wie kann man sich das Vorgehen bzw. die Aktivitäten genau vorstellen? Was macht man bei einer Ergotherapie? Es gibt kein wirkliches Schema für eine ergotherapeutische Intervention. Die Behandlung ist auf die Bedürfnisse des jeweiligen Menschen zugeschnitten. “Ergotherapeuten arbeiten klientenzentriert, das heißt, sie betrachten jedes Individuum in seiner ganz persönlichen Lebenssituation. Sie finden heraus, über welche Befähigungen und Begabungen, Ressourcen und sonstigen Fähigkeiten diese Person verfügt”, sagt Pfeiffer. Ergotherapeuten können aus einer unglaublich großen Methodenvielfalt die bestmögliche Heran- und Vorgehensweise für den jeweiligen Patienten oder Klienten auswählen.

Am Anfang einer Behandlung stellt der Ergotherapeut gemeinsam mit dem Patienten einen individuellen Therapieplan auf. Es wird festgehalten, welche Einschränkungen behandelt werden sollen und welche Aktivitäten trainiert werden sollen. Häufig werden in der Ergotherapie künstlerische, handwerkliche, manuelle und geistige Fähigkeiten gezielt gefördert und geübt.

 

Wo findet eine Ergotherapie statt?

Ergotherapeuten gestalten ihre Interventionen praktisch und am Alltag orientiert. Der Ort, an dem die Ergotherapie stattfindet, ist dementsprechend variabel und nicht festgelegt. “So finden viele Interventionen in niedergelassenen Praxen oder im klinischen Setting statt. Doch ebenso gibt es auch Situationen, die ein Arbeiten vor Ort erforderlich machen”, so der Experte. Zum Beispiel in der Schule, in der Kita, im Unternehmen, beim Job-Coaching, im familiären oder generell häuslichen Umfeld. Arbeiten Ergotherapeuten etwa mit Menschen mit Demenz, begleiten sie diese Menschen bei den für sie wichtigen Handlungen, die ihnen Teilhabe und selbstbestimmtes Leben ermöglichen, also beispielsweise auf dem Weg zum und im Supermarkt oder zum Bäcker etc..

Die Ergotherapie kann auch stationär in psychiatrischen und psychotherapeutischen Kliniken sowie teilstationär in Tageskliniken angeboten werden. Sie ist außerdem im ambulanten Bereich zu finden, etwa in freien Praxen oder in sozialpsychiatrischen Ambulanzen. Je nach Belastbarkeit kann eine Ergotherapie als Einzeltherapie, in Kleingruppen oder als Gruppentherapie durchgeführt werden. Eine Gruppentherapie ist besonders geeignet, um kommunikative und soziale Fähigkeiten zu üben.

Unser Experte

Andreas Pfeiffer, Vorsitzender des Deutschen Verbandes der Ergotherapeuten e.V. (DVE)

Quellen:

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