Entwicklungsphasen beim Baby: Meilensteine im ersten Lebensjahr

Verena Elson Medizinredakteurin

In kaum einem Lebensabschnitt verändert sich so viel wie im ersten Lebensjahr: Beinahe wöchentlich macht das Baby große Entwicklungsschritte. Wann die Meilensteine in der Baby-Entwicklung auftreten, ist von Kind zu Kind unterschiedlich – während einige Babys mit neun Monaten bereits ihre ersten Schritte machen, üben andere in diesem Alter noch, sich vom Rücken auf den Bauch zu drehen.

Ein Baby krabbelt auf einem Bett
Das Krabbeln eröffnet dem Baby ganz neue Möglichkeiten, die Welt zu erkunden Foto:  iStock/sandsun
 

Neugeborenes: die ersten Wochen zu Hause

Ein großer Augenblick für alle Eltern: Endlich können sie ihr Kind in den Armen halten und in den meisten Fällen auch bald mit nach Hause nehmen. An Babys ersten Tagen zu Hause geht es vor allem darum, sich gegenseitig kennen zu lernen und zu üben, die Bedürfnisse des Babys aus seinem Verhalten „abzulesen“. Das Neugeborene schläft in den ersten Tagen noch hauptsächlich – 20 Stunden pro Tag sind nicht ungewöhnlich.

 

Die Entwicklung der Sinne

Das Baby erkundet seine Umgebung in den ersten Tagen vorrangig über den Tastsinn. Wichtig ist darum: kuscheln, kuscheln, kuscheln. Neugeborene sollten so viel Körperkontakt mit ihren Eltern haben wie möglich. Dieser vermittelt ihnen Sicherheit und Geborgenheit und fördert so eine gesunde Entwicklung.

Auch hören kann das Baby schon gut – und am liebsten lauscht es den Stimmen seiner Eltern oder anderer enger Bezugspersonen. Das Neugeborene kann aus einem Geräuschgewirr aus Geschirrklappern, Waschmaschine und Verkehrsrauschen die Laute (aller) menschlicher Sprachen zuverlässig herausfiltern und widmet ihnen besondere Aufmerksamkeit. Sprechen Sie darum viel mit Ihrem Baby: Erzählen Sie ihm eine Geschichte, geben Sie ihm Feedback zu seinem Verhalten (etwa „du hast Hunger“ oder „Bist du müde?“) wenn es weint oder singen Sie ihm etwas vor. So stärken Sie nicht nur die Bindung zu Ihrem Kind, Sie legen bereits in den ersten Tagen den Grundstein für eine gute spätere Sprachentwicklung.

Der Sehsinn des Neugeborenen ist noch nicht vollständig entwickelt – seine Welt ist noch schwarz-grau-weiß und unscharf. Bis auf eine Entfernung von etwa 20 cm kann es allerdings schon Dinge fixieren. Sein Lieblingsmotiv sind Gesichter: Im „Augenspiel“ mit Mutter oder Vater hält das Baby Blickkontakt, studiert dabei ganz genau die Mimik seines Gegenübers und trainiert nebenbei seine Augenmuskulatur. Nach einigen Augenblicken kann das Training dem Neugeborenen zu anstrengend werden – dann fängt es an, zu schielen, wendet den Blick ab oder weint.

Foto: iStock
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Neugeborenes: Von Reflexen gesteuert

Die Bewegungen des Neugeborenen werden in den ersten Wochen über Reflexe gesteuert. Dazu gehört der Suchreflex: Berührt man das Baby an der Wange, dreht es den Kopf automatisch in die Richtung, aus der die Berührung kam – dieser Reflex hilft ihm dabei, die mütterlichen Brustwarzen zu finden. Der Saugreflex unterstützt ebenfalls die problemlose Nahrungsaufnahme: Spürt das Neugeborene eine Berührung an den Lippen, beginnt es zu saugen. 

Legt man einen Finger in die Hand oder den Fuß des Babys, umschließen die kleinen Finger und Zehen den Finger sofort. Der Grund ist ein Relikt aus der Steinzeit: der Greifreflex, der dem Baby dabei helfen soll, sich im Notfall an seiner Mutter festzuhalten. Den gleichen Hintergrund hat auch der sogenannte Moro-Reflex: Wird das Baby schnell oder unsanft abgelegt oder erschrickt es sich durch einen äußeren Reiz, wirft es plötzlich mit geöffnetem Mund Arme und Beine von sich, die Finger sind gespreizt. Im nächsten Moment atmet es aus, legt die Arme wieder an den Körper und ballt die Hände zu Fäusten. Auch Affenkinder zeigen den Moro-Reflex und an ihnen kann man auch sehen, welchen Sinn er macht: Trägt die Affenmutter ihr Junges am Bauch und fällt dabei sein Kopf nach hinten, verstärkt sich seine Umklammerung durch den Moro-Reflex – der Reflex schützt das Junge so vor dem Absturz.

 

Gewichtsentwicklung beim Neugeborenen

Die Gewichtsentwicklung des Babys im ersten Lebensmonat beschäftigt viele Eltern: In den ersten Tagen nimmt das Neugeborene in der Regel etwas ab. Das ist völlig normal – nach sieben Tagen haben die meisten Babys ihr Geburtsgewicht wieder erreicht. Dann nehmen sie schrittweise zu, bis sie nach circa fünf Monaten ihr Geburtsgewicht verdoppelt haben. Hebamme und Kinderarzt beobachten die Gewichtsentwicklung des Neugeborenen ganz genau und wissen, in welchem Fall gegebenenfalls eine Maßnahme wie Zufüttern angemessen ist.

 

Babys 2. Monat: das erste Lächeln

Mit einem Monat kann sich das Baby schon gezielter bewegen – und zeigt, was es kann: Es rudert wild mit Armen und Beinen und übt unermüdlich zu greifen. Bei Letzterem macht ihm vor allem noch das Loslassen Probleme: So lange der Greifreflex noch aktiv ist, ist das Öffnen der Hände schwierig. Mit einem Monat ist das Baby schon in der Lage, einem Spielzeug mit den Augen zu folgen. Auch Farben kann es jetzt langsam besser erkennen. An bunten Mobiles, die sich langsam bewegen, hat es viel Freude.

Über das erste „soziale“ Lächeln können sich Eltern in der Regel zwischen der sechsten und achten Lebenswoche freuen. „Sozial“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das Lächeln Teil einer sozialen Interaktion ist. Schon bei Neugeborenen kann man ein Lächeln beobachten, und zwar, wenn sie schlafen. Im Schlaf sorgen reflexartige Muskelkontraktionen hin und wieder dafür, dass der Säugling beide Mundwinkel hochzieht – Fachleute sprechen von einem „Vorlächeln“ oder „Engelslächeln“. Mit zwei bis vier Wochen können Babys auch im wachen Zustand lächeln – allerdings tun sie dies scheinbar ohne konkreten Anlass, sie fühlen sich einfach wohl oder freuen sich über eine erfolgreiche Verdauung. Im Unterschied dazu wird das soziale Lächeln durch den Anblick eines menschlichen Gesichts ausgelöst – egal, ob dies den Eltern oder einer fremden Person gehört. Sogar ein Luftballon kann durch seine gesichtsähnliche Form ein Lächeln auf das Babygesicht zaubern.

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Babys 3. Monat: Greifen und Staunen

Im dritten Lebensmonat kann das Baby schon gezielter greifen. Es hat Freude an Spielen wie „Fahrradfahren“: Der Säugling liegt auf dem Rücken und Mutter oder Vater bewegen seine Beine wie beim Fahrradfahren. Das trainiert die Beinmuskulatur, wirkt entspannend und verdauungsfördernd.

Das Baby liebt Abwechslung beim Hören, Fühlen und Sehen: Unterschiedliche Materialien, leuchtende Farben und das Knistern von Papier können es ablenken und in Erstaunen versetzen.

Der Schlaf-Wach-Rhythmus hat sich bei dem zwei Monate alten Baby bereits deutlich besser an den seiner Eltern angepasst: Es ist jetzt tagsüber immer länger wach und schläft nachts mehr. Einige Säuglinge schlafen jetzt bereits durch, das heißt, dass sie nachts fünf bis sechs Stunden am Stück schlafen. Die meisten wecken ihre Eltern allerdings auch jetzt noch alle zwei bis vier Stunden auf.

 

Babys 4. Monat: Umgebung erkunden

In der Bauchlage kann das drei Monate alte Baby den Kopf so weit anheben, dass es nach vorne schauen und seine Familienmitglieder mit den Augen verfolgen kann, wenn diese sich durch den Raum bewegen. Dabei stützt es sich meist auf den Unterarmen ab. Wird das Baby an den Armen zum Sitzen hochgezogen, kann es jetzt den Kopf „mitnehmen“.

Der Säugling kann jetzt seine Finger gezielt zum Mund führen, um an ihnen zu saugen. Sein Interesse gilt jetzt nicht mehr nahezu ausschließlich der Nahrungsaufnahme, sondern richtet sich immer öfter auf die spannende Umgebung, in der es so viel zu entdecken gibt. Beim Füttern lässt er sich darum leichter ablenken und die Abstände zwischen den Mahlzeiten werden langsam größer.

 

Babys 5. Monat: Die orale Phase beginnt

In der Bauchlage können sich viele Babys im fünften Monat schon auf den Händen abstützen. Dem Säugling gelingt es jetzt immer besser, Gegenstände zum Mund zu führen, um darauf zu kauen oder daran zu nuckeln. Damit beginnt die sogenannte orale Phase: Bis das Kind etwa 18 Monate alt ist, erkundet es seine Umgebung bevorzugt über den Mund. Mit Zunge und Lippen prüft es Form, Konsistenz und Beschaffenheit des Gegenstands.

Das Baby kommuniziert jetzt nicht mehr nur über Schreien, sondern auch durch einzelne Laute. Dieses Lallen und Quietschen ist sein erster „Sprechversuch“. Es kennt jetzt auch seinen Namen und reagiert darauf.

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Babys 6. Monat: endlich selbstständig drehen

Im sechsten Lebensmonat beginnen sich einige Babys vom Bauch auf den Rücken zu drehen (bei anderen lässt dieser Entwicklungsschritt noch bis zu vier Monate auf sich warten). Das verschafft ihnen eine neue Mobilität und ist mit Unfallgefahren verbunden: Dreht der Säugling sich plötzlich auf dem Wickeltisch, kann er herunterfallen. Die Eltern und andere Betreuungspersonen müssen sich auf die neue Beweglichkeit des Kindes einstellen und für die nötige Sicherheit sorgen.

Das Baby brabbelt jetzt und bildet die ersten Silben. Es freut sich, wenn sein Gegenüber sein Brabbeln nachahmt und antwortet – so entstehen die ersten Zwiegespräche zwischen Baby und Eltern.

Im sechsten Lebensmonat beginnt bei vielen Kindern die Fremdelphase – das Baby akzeptiert jetzt nur noch seine engsten Vertrauenspersonen und reagiert auf Fremde mit Ablehnung und Angst.

 

Babys 7. Monat: Wann krabbeln Babys?

Bei vielen Babys brechen jetzt die ersten Zähne durch, bei einigen hat das Zahnen bereits vor ein bis zwei Monaten begonnen. Das Durchbrechen der Zähne ist für viele Kinder mit Schmerzen und für ihre Eltern mit durchwachten Nächten verbunden – manchen Babys macht es aber auch gar keine Probleme.

Das Baby liebt es jetzt, auf dem Wickeltisch oder der Krabbeldecke zu „schwimmen“: In der Bauchlage überstreckt es seinen Körper so stark, dass nur noch der Bauch Bodenkontakt hat. Dabei rudert es mit Armen und Beinen in der Luft. In der Rückenlage untersucht es seine Füße mit den Händen oder steckt seine Zehen in den Mund.

Das Baby wird im siebten Monat immer mobiler: Es kann seine Position ändern, indem es sich in der Bauchlage überstreckt und durch Rudern der Arme und Beine im Kreis dreht. Einige Babys robben bereits, andere gehen schon in den Vierfüßlerstand und bereiten sich durch Hin- und Herwippen auf das Krabbeln vor. Das Tempo, mit dem Kinder neue Fortbewegungsarten lernen, ist extrem unterschiedlich – einige Kinder krabbeln bereits mit sechs Monaten, andere erst mit zwölf. Wieder andere lassen diese Fortbewegungsphase ganz aus.

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Babys 8. Monat: der Fremdelmonat

Im achten bis zehnten Lebensmonat beginnen die meisten Babys damit, sich vom Rücken auf den Bauch zu drehen. Babys, die noch nicht robben oder krabbeln können, bewegen sich jetzt häufig fort, indem sie sich um die eigene Achse drehen.

Viele Babys finden jetzt Gefallen daran, Laute nachzuahmen – Mädchen meist etwas früher als Jungen. Im achten Lebensmonat fremdeln viele Babys besonders stark, die Phase wird darum auch als Achtmonatsangst bezeichnet.

 

Babys 9. Monat: das erste Wort

„Es hat Mama gesagt“! Dieser sehnlich herbeigewünschte Moment und gleichzeitig Meilenstein in der Sprachentwicklung tritt meist zwischen acht und zehn Monaten ein. Je nach Beziehung zu den Elternteilen und nach Artikulationsvorlieben des Kindes kann das erste Wort auch „Papa“ oder „Baba“ sein. Zu Anfang scheint der Gebrauch dieser Worte eher zufällig, später setzen die Kleinen sie zielgerichtet ein. Mit zwölf Monaten spricht rund die Hälfte der Kinder ihre Eltern mit „Mama“ und „Papa“ an.

Im neunten Monat liebt das Baby Spielzeug, an dem es seine Selbstwirksamkeit erleben kann, etwa ein Gegenstand an einer Schnur, den es zu sich heranziehen kann.

 

Babys 10. Monat: selbstständig sitzen

Mit neun bis zehn Monaten können die meisten Babys sich selbstständig aufsetzen und frei sitzen. Viele Babys können mit neun Monaten schon stehen, wenn sie sich dabei festhalten können; einige laufen bereits um Möbel herum, an denen sie sich festhalten.

Mit neun bis zehn Monaten beginnt das Baby, den sogenannten Pinzettengriff zu verwenden: Es greift kleine Gegenstände mit Daumen und Zeigefinger. Das ist eine beachtliche motorische Leistung und erfordert zu Anfang viel Übung und Konzentration.

Das Baby hat jetzt Freude an Suchspielen – Eltern können etwa Gegenstände vor den Augen des Kindes in der eigenen Hand oder unter einem Becher verschwinden und das Kind suchen lassen. Auch das Kuckuck-Spiel wird jetzt zum Highlight.

 

Babys 11. Monat: Laufen lernen

Während einige Babys bereits mit neun Monaten ihre ersten Schritte machen, tun andere dies erst Mitte bis Ende des zweiten Lebensjahres. Egal, wann er auftritt: Dieser Meilenstein in der motorischen Entwicklung ist aufregend für das Kind und seine Eltern. Zunächst lernt das Kind, sich an Möbeln oder Personen zum Stehen hochzuziehen. Dann hangelt es sich laufend an Möbeln entlang, bis es schließlich frei gehen kann. Bis das Laufen richtig klappt, fügen einige Kinder Zwischenschritte ein: Sie rutschen etwa auf dem Po vorwärts oder „laufen“ auf den Knien.

Mit zehn Monaten können die meisten Kinder klatschen, zum Abschied winken, auf ihren Namen und das Wort „Nein“ reagieren. Sie lieben Spielsachen, die ihnen ermöglichen, Ursache und Wirkung von Vorgängen zu erforschen, etwa Instrumente wie Glockenspiele, Rasseln und Trommeln.

 

Babys 12. Monat: tanzen, klatschen, spielen

Bei vielen Kindern steht im 12. Monat die Eingewöhnung in die Krippe an, weil die Elternzeit von Mutter oder Vater endet. In diesem Zuge ändern viele Kinder ihre Schlafgewohnheiten von zwei oder mehr Schläfchen am Tag auf einen Mittagsschlaf, der dann häufig in der Kita stattfindet.

Zu „Mama“ und „Papa“ können jetzt schon ein oder zwei weitere Worte zum Wortschatz des Kindes hinzukommen – ein beliebter Kandidat ist „Nein“. Bilderbücher, Stapeltürme und Alltagsgegenstände wie Töpfe, Schlüssel oder Bürsten sind beliebte Spielzeuge. Wenn das Kind schon sicher stehen kann, beginnt es auch schon zu tanzen: Es wippt im Takt und klatscht, sobald Musik läuft.

Quellen:

  • Largo, Remo H. (2019): Babyjahre, München: Piper Verlag.
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