Endlich keine Schmerzen mehr!

Redaktion PraxisVITA

Die Medizin wird immer besser, und trotzdem gab es noch nie so viele Rückenpatienten wie heute. Woran liegt das? Vor allem daran, dass wir – und viele Mediziner auch – die Ursachen für Rückenschmerzen noch immer meist an der falschen Stelle suchen.

Mit derart starken Nackenschmerzen aufwachen, dass sich der Kopf nicht mehr zur Seite drehen lässt. Beim Bücken nach einer W asserkiste das Gefühl haben, dass der Rücken gleich durchbricht. Nicht mehr wissen, wie man sitzen oder liegen soll, weil es immer wehtut: Es gibt wenig, was so quälend sein kann wie Rückenschmerzen und es gibt nichts, was sich in den letzten Jahrzehnten so rasant ausgebreitet hat. Jede dritte Krankschreibung geht auf Rückenbeschwerden zurück, so die aktuelle Statistik. In den letzten zehn Jahren sind die durch Rückenleiden bedingten Fehlzeiten um fast ein Drittel gestiegen. Es scheint fast so, als hätten wir es mit einer Epidemie zu tun, die durch nichts aufzuhalten ist. Dabei ist es doch eigentlich so, dass die Medizintechnik immer besser wird - wie passt das zusammen?

Haben die Orthopäden versagt?

W er mit Rückenschmerzen zum Arzt geht, wird einer Reihe von Untersuchungen unterzogen und meist auch mit bildgebenen Verfahren durchleuchtet. In einem Großteil der Fälle lautet die Diagnose am Ende "unspezifischer Rückenschmerz". Im Klartext heißt das, dass kein eindeutiger körperlicher Auslöser festgestellt werden kann wie es etwa ein akuter Bandscheibenvorfall wäre. Viele Orthopäden sind hier mit ihrem Latein am Ende. Haben sie versagt? Nein das Problem liegt vielmehr darin, dass Orthopäden sich bei ihren Untersuchungen in der Regel auf Gelenke, W irbel, Bandscheiben und Knochen konzentrieren. Finden sie hier keine Auslöser, stellen sie die Diagnose "unspezifischer Rückenschmerz."

Rückenschmerzen
Es gibt verschiedene Ursachen gegen Rückenschmerzen. Wir erklären, warum auch der Orthopäde nicht immer etwas findet und was gegen welchen Auslöser hilft© iStock

 Dabei wird oft vergessen, dass auch Muskeln Schmerzauslöser sein können. "Die Muskulatur macht 40-50 Prozent der Körpermasse des menschlichen Körpers aus", sagt der Orthopäde Dr. Hannes Müller-Ehrenberg, der sich auf chronische Schmerzen und Funktionsstörungen des Bewegungsapparats spezialisiert hat. "Trotzdem sind sie als spezifische Ursache für Schmerzen in der 'Mainstream-Medizin' bisher nicht anerkannt worden", schreibt er in einer Fachzeitschrift und fordert einen Paradigmenwechsel in der Diagnostik und Therapie von Schmerzen am Bewegungsapparat. Denn wenn für die Diagnose Muskelprobleme zumindest in Erwägung gezogen würden, ließen sich viele Operationen vermeiden.

 Laut Dr. Müller-Ehrenberg berücksichtigen Ärzte diese Möglichkeit aber immer noch viel zu selten ihnen ist nicht klar, was für fatale und schmerzhafte Auswirkungen eine verspannte Muskulatur auf den Rücken und damit den Halteapparat des Menschen haben kann. Ein Patient mit der Diagnose "unspezifischer Rückenschmerz" kann fast sicher sein, dass die Muskulatur für seine Schmerzen verantwortlich ist.

Rückenschmerzen
Die Ursache für Rückenschmerzen zu finden, ist auch für Orthopäden nicht immer leicht© iStock

 Die Kraft eines verspannten Muskels ist enorm

Dass Stress und Rückenschmerzen zusammenhängen, ist nicht neu. Aber wie fundamental die Zusammenhänge tatsächlich sind und welch gravierende Folgen Stress für unseren Rücken hat, das überrascht selbst viele Experten. Denn bei Stress gibt das Gehirn den Befehl, die Muskeln anzuspannen besonders diejenigen am Rücken. Je mehr Stress, desto häufiger gibt das Gehirn diesen Befehl, schlimmstenfalls wird er zum Dauerbefehl. Durch die ständige Kontraktion verringert sich der Blutfluss, was gravierende Folgen für das Muskelgewebe hat. Es wird nicht mehr mit Nährstoffen versorgt und liegt quasi brach. Doch damit nicht genug auch das umliegende Gewebe leidet, insbesondere die sogenannten Faszien, die an jeder Bewegung beteiligt sind. Denn jetzt fließt keine Lymphflüssigkeit mehr, Faszien- und Muskelgewebe können nicht mehr aneinander vorbeigleiten sie verkleben und verhärten bis hin zu tastbaren Verdickungen.

 Nun ist das Fasziengewebe eines der am stärksten mit Nervenenden durchsetzten Gewebe unseres Körpers überhaupt kein W under also, dass die Verstrickungen verspannter Muskeln und Faszien so extrem schmerzhaft sind. Solche Verspannungen können das ganze System beeinträchtigen: Sie beschränken die Bewegungsfreiheit aller umliegenden Muskelgruppen und zwingen sie dazu, die Aufgaben der nicht mehr funktionierenden Partien mit zu übernehmen. Neue schmerzhafte Überlastungen sind die Folge. Drückt die verspannte Muskulatur auf Nerven, können sich die Patienten vor Schmerz oft kaum noch bewegen.

 Ebenfalls extrem schmerzhaft ist es, wenn durch die Verspannungen W irbel verschoben werden. Schon minimale Bewegungen reichen, um starke Beschwerden auszulösen, die sich anfühlen, als hätten wir uns etwas verrenkt. Doch rückt ein Orthopäde den W irbel wieder zurecht, hilft das in der Regel nur kurzfristig: Denn die Ursache ist nicht behoben und der verspannte Muskel wird den W irbel bei der nächsten Belastung wieder aus der gesunden Position herausziehen. In den allermeisten Fällen irren wir also, wenn wir annehmen, ein Bandscheibenvorfall sei verantwortlich für unsere Schmerzen, wir hätten uns verrenkt oder ein W irbel sei sogar gänzlich ausgerenkt.

Rückenschmerzen
Auch verspannte Muskeln im Nacken- und Schulterbereich können zu Rückenschmerzen führen© iStock

 Stress treibt noch anderen Raubbau

Stress schadet dem Rücken noch auf einer anderen Ebene. Stichwort: stressbedingter Körperverschleiß. Stressmediziner nennen sie die allostatische Last. Diese tritt auf, wenn das Stresshormon Cortisol stunden-, tage- oder monatelang auf einem erhöhten Niveau bleibt. Im Körper führt das zu unterschiedlichen schwerwiegenden Schädigungen: Der Blutdruck steigt, das Immunsystem wird geschwächt, es werden vermehrt Fettzellen im Bauchraum gespeichert, das Risiko für Stoffwechselerkrankungen steigt. Für unseren Rücken ist folgenschwer, dass ein Zuviel an Cortisol die Skelettmuskulatur, Knochen, Sehnen und Bänder angreift. Das Stresshormon hemmt den Aufbau von Proteinen und verhindert damit eine Zunahme der Muskelmasse. Gleichzeitig entzieht es den Muskeln wertvolle Glukose und Aminosäuren ein Angriff im doppelten Sinne also auf Dauer zerstört Cortisol die Muskeln.

 Auch vor Faszien und Knochen machen die Stressbotenstoffe nicht halt. Der Faszienforscher Dr. Robert Schleip hat herausgefunden, welch massiven Schaden das Bindegewebe davonträgt: Es wird dünn, porös und rissig. Dass die Stresshormone den Knochenabbau fördern und das Knochenwachstum auch bei Kindern empfindlich stören, haben erst vor kurzem  Wissenschaftler der Universität Bonn nachgewiesen. Und wo merken wir all diese Negativfolgen als Erstes? Dort, wo Muskulatur und fasziales Gewebe nicht nur oft schwach und angegriffen sondern auch besonders empfindlich sind: am Rücken. W enn hier, in dem komplizierten und hochsensiblen System der W irbelsäule mit seinen unzähligen Bändern, Knochen, Nerven- und Muskelsträngen, etwas aus dem Gleichgewicht gerät, entstehen sofort Dysbalancen und Schmerzen.

 W as kann ich tun? Selbsthilfe auf allen Ebenen

Zeitdruck und Hektik im Büro, familiäre Verpflichtungen und Sorgen, Arzttermine, Liebeskummer niemand von uns kann dem Stress gänzlich davonlaufen. W as wir aber tun können, ist zu versuchen, die muskuläre Anspannung wieder auszugleichen, damit es gar nicht erst zu Verspannungen kommt oder diese zumindest nicht chronisch werden. Und wir können unsere Muskulatur stärken, sodass sie nicht so anfällig für Verspannungen ist nicht umsonst sehen Rückenexperten heute in der Bewegung ein Schlüsselelement zu einem schmerzfreien Rücken. Auch die Faszien können wir mit speziellen Dehnübungen lockern und die Durchblutung und damit die Versorgung des Gewebes mit Nährstoffen verbessern zum Beispiel durch Akupressur.

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