"Endlich kann ich wieder normal essen"

Linda litt jahrelang an Bulimie
Zwanzig Jahre lang kämpfte die Berlinerin gegen ihre Ess-Brech-Sucht an. Bis sie begann, tief in sich hineinzuhorchen. Und lernte, sich selbst zu lieben © shutterstock

Model-Krankheit, denken viele, wenn sie "Bulimie" hören. Doch auch Linda Mehrolt erkrankte an der gefährlichen Ess-Brecht-Sucht. Heute hilft sie anderen Frauen, die an einer Essstörung leiden.

Ich war 40 Jahre als, als ich mit meiner Essstörung am Tiefpunkt angelangt war. Essen und Erbrechen war für mich zum bestimmenden Thema meines Lebens geworden. Alles drehte sich darum.

Ganz schlimm war es vor rund zwölf Jahren. Ich arbeitete noch als Geschäftsführerin einer Marketingberatung. War beruflich viel unterwegs, aß unregelmäßig und haltlos. Ich kaufte an Kiosken, Tankstellen. Hier einen Riegel, da ein Würstchen. Und wenn ich Feierabend machte, fragte ich meinen damaligen Freund, der auch mein Geschäftspartner war: "Soll ich uns schnell was zu essen holen?" Pizzaschnitten, Pudding ... Oft fing ich schon unterwegs an, etwas in mich hineinzustopfen. Bloß niemanden etwas merken lassen. Nicht ein einziges Mal in den sieben Jahren unseres Zusammenseins bekam Markus auch nur ansatzweise mit, was lief. Ohne es zu wissen, motivierte er mich eher noch: "Toll, wie du deine Figur hältst."

 

Essen tröstet, das Brechen hinterher befreit

Angst, ertappt zu werden, wenn ich mich nach den Fressattacken übergab, hatte ich nicht. Geräuschlos erbrechen, das kann man trainieren. Klar, man schwitzt, das Make-up verläuft, der Atem riecht. Deswegen hat man ja auch stets einen Taschenspiegel, eine Zahnbürste und etwas Puder dabei. Man sagt sich immer wieder, dass man jederzeit aufhören könnte.

Schon beim ersten Mal war es so. Ich sehe mich noch mit Freundinnen beim Italiener sitzen, Anfang 20 muss ich da gewesen sein, arbeitete als Stewardess. Wir futterten Pizza und Pasta – am Ende spannte der Hosenbund. Und dann hatte ich auf einmal diesen Dialog zweier Kolleginnen aus dem Flieger im Ohr. Schlank bleiben? "Einfach ab und zu den Finger in den Hals stecken." Es funktionierte. Als ich zurückkam, fühlte sich alles ganz leicht an. Toll, dachte ich, die perfekte Gewichtskontrolle.

 

Ständiges Essen als Stressbewältigung

Erst später habe ich verstanden, dass meine übersteigerte Fixierung aufs Essen ganz viel mit meinen tief sitzenden Ängsten zu tun hatte. Immerzu war ich beschäftigt, unter Strom. Erst hängte ich den Job als Stewardess an den Nagel, dann machte ich das Abi im Hauruck-Verfahren nach. Ich war auf der Suche nach mir selbst. Und aß und aß dabei. Als Beruhigung, als Stressbewältigung, als Flucht.

Doch trotz des gelegentlichen Finger-in-den-Hals-Steckens nahm ich irgendwann zu. Aus Kleidergröße 36 wurde 42. Also tat ich es öfter. Erst täglich. Dann alle paar Stunden. Der Erfolg kam prompt. Nicht nur in Form purzelnder Pfunde. Auch mit dem Druck kam ich jetzt besser klar. Essen kann ein Tröster sein. Für den Moment. Das Brechen befreit vom schlechten Gewissen hinterher. Das Wechselspiel aus beidem ist wie ein Gerüst, das Halt gibt. Ich schaffte das BWL-Studium, machte einen rasanten Aufstieg in der Firma. Die Sucht half mir, das schnell und gut durchzustehen.

 

"Seien Sie gut zu sich" war der Schlüsselsatz für die Bulimiekranke

Essstörungen sind ein Signal von ÜberforderungMagersucht und Bulimie – wo liegt der Unterschied? Dr. Bärbel Wardetzki, Psychotherapeutin und Autorin aus München: "Stellt man eine klassische Magersüchtige neben eine Bulimikerin, sieht man es sofort: Die Bulimikerin ist schlank oder dünn, aber nicht so auffällig dürr und knochig wie die Magersüchtige. Eine Bulimie bleibt eher unerkannt. Die Sucht ist ein Wechselspiel aus Fress- und Brechattacken, aus einem inneren "Ich will alles" und "Ich nehme nichts", oft begleitet von der Einnahme von Abführmitteln und Appetitzüglern. Der Wunsch zu essen bricht immer wieder durch.Magersüchtige dagegen leben von der totalen Kontrolle. Manche essen fünf klein geschnittene Weintrauben am Tag, mehr nicht. Die Kernfrage bei Essstörungen lautet: An welchem Punkt kommt die Frau mit ihrem Leben nicht zurecht, sodass Essen für sie zu einer "Lösung" wird? In meiner Praxis stelle ich fest, dass Essstörungen bei Frauen zwischen 40 und 50 plus immer mehr zum Thema werden. Das Problem betrifft längst nicht mehr nur junge Mädchen."Mehr Informationen, Adressen von Kliniken und Beratungsstellen unter: www.hungrig-online.de

Doch irgendwann rebellierte etwas in mir. Eines Nachmittags beugte ich mich übers Klo und es klappte nicht mehr. Ich war verzweifelt und wusste, ich musste jetzt was ändern. Und dann passierte etwas, das man nur als Schicksal bezeichnen kann: Ich erhielt eine Einladung zu einem Vortrag über Bewusstwerdung. Zwei Wochen später saß ich in der Praxis des Seminarleiters. Er schlug mir eine Rückführung in die Kindheit vor. Eine Art Meditation, ein Zustand wie zwischen Wachen und Schlafen. Ich dachte, warum nicht? Was hab' ich zu verlieren? In diesem Trance-Zustand stiegen längst vergessene Bilder hoch. Und tief in mir vergrabene Probleme brachen auf, drangen in mein Bewusstsein. Es vergingen keine drei Sitzungen und das Unfassbare geschah: Ich hörte auf, mich zu übergeben. Ein Wunder, so sehen es manche. Dabei ist es das nicht. Es geht um die Auseinandersetzung mit tiefen Verletzungen, die fast jeder Mensch in sich trägt. Ich habe gelernt, wie ich mir Selbstachtung und Selbstwert geben kann. "Seien Sie gut zu sich" – das war ein Schlüsselsatz des Seminarleiters, der mir wirklich weiterhalf.

 

Nach einer Bulimie neu lernen, den eigenen Körper zu lieben

Genau das wollte ich jetzt umsetzen. Ich stieg aus der Marketingfirma aus und begann, selbst als Coach zu arbeiten. Es macht Freude mitzubekommen, wie bei meinen essgestörten Klienten diese Härte gegen sich selbst langsam verschwindet. Die Gesichtszüge weicher werden. Und schließlich eine tiefe Liebe zum Leben entsteht.

Nur einmal, vier Jahre nach meiner "Befreiung", gab es einen Rückfall. Ich sehe mich noch genau zur Toilette laufen. Den Finger in den Hals stecken. Aber ich sehe auch, dass diesmal etwas anders gewesen ist. Es war wie ein Test. Es noch einmal bewusst tun – und dabei frei bleiben. Seitdem ist es nie wieder passiert. Und seitdem habe ich keine Angst mehr, dass es mich noch mal erwischen könnte. Ich bin eine lebenslustige, lebensfrohe Person geworden. Ich esse schon lange wieder mit Genuss. Und in meiner Freizeit tanze ich Tango. Das hilft mir auch dabei, ein positives Verhältnis zu meinem Körper zu behalten. Ich weiß jetzt: Er ist weiblich, gut und wunderbar – auch wenn er ein paar Kilo schwerer ist.

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