Emotionale Erpressung: Manipulation erkennen und beenden

Annika Hansen Medizinredakteurin

Liebesentzug, Schuldgefühle und Ängste – emotionale Erpressung kann grausam sein. Welche Formen emotionale Erpressung annehmen kann, welche Anzeichen es gibt und wie Sie sich gegen die Manipulation wehren können.

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Inhalt
  1. Was ist emotionale Erpressung?
  2. Emotionale Erpressung: Wie Narzissmus und Manipulation zusammenhängen
  3. Emotionale Epressung: Beispiele von Manipulation
  4. Emotionale Manipulation erkennen: 6 Anzeichen
  5. Emotionale Manipulation beenden: Diese 6 Tipps helfen
  6. Emotionale Erpressung kann krank machen

Egal ob in der Partnerschaft, unter Freunden, in der Familie oder am Arbeitsplatz – in jeglichen Beziehungen kann emotionale Erpressung vorkommen. Gerade wenn Gefühle in Konflikten mit nahestehenden Menschen überkochen, werden vorschnell Vorwürfe geäußert, die im Gegenüber Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen auslösen können. Doch auf Dauer kann dieses manipulative Verhalten nicht nur toxisch für die Beziehung sein, sondern auch krank machen. Welche Warnsignale auf eine emotionale Erpressung hindeuten und welche Auswege es gibt.

 

Was ist emotionale Erpressung?

„Emotionale Erpressung ist eine schwerwiegende Form von Manipulation“, erklärt die US-amerikanische Psychologin Susan Forward in ihrem gleichnamigen Buch. Macht der eine nicht, was der andere will, droht Liebesentzug und der:die Erpresste wird mit negativen Gefühlen abgestraft. Die Folge: Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen, die in der Regel zu dem gewünschten Verhalten des:der Erpresser:in führen. Oftmals läuft die psychische Manipulation für beide Seiten unterbewusst ab, sodass die emotionale Erpressung auf Anhieb schwer zu erkennen ist.

Typische Sätze im Zusammenhang mit emotionaler Erpressung sind zum Beispiel:

  • „Wenn du mich wirklich liebst, würdest du dich nicht so verhalten.“
  • „Wenn du jetzt gehst, ist es aus mit uns.“
  • „Wegen dir geht es mir so schlecht.“
  • „Das kannst du mir doch nicht antun.“
  • „Wenn du dich trennst, siehst du die Kinder nie wieder.“
  • „Was habe ich alles für Dich getan und was tust Du?"

Diese Sätze haben eins gemeinsam: Der:die Erpresser:in versucht mithilfe von Gefühlen, den anderen zu manipulieren und unter Druck zu setzen. Denn er oder sie weiß, dass sich der andere nach Harmonie, Anerkennung und Liebe sehnt.

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Emotionale Erpressung: Wie Narzissmus und Manipulation zusammenhängen

Wer andere emotional erpresst, hat dieses Verhalten oftmals als Kind so gelernt. Häufig fühlt sich der:die Erpresser:in selbst in der Opferrolle und leidet unter einem geringen Selbstwertgefühl. Er oder sie sehnt sich nach Liebe, Anerkennung oder Aufmerksamkeit und will das mangelnde Selbstwertgefühl kompensieren – und erreicht diese Ziele im Zweifel mithilfe psychischer Manipulation.

Dieses Verhalten ist besonders bei narzisstischen Menschen zu beobachten: Sie nutzen andere aus und manipulieren sie, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Narzissten sind getrieben von ständigen Neidgefühlen und der Angst, den eigenen Ansprüchen und die der anderen nicht zu genügen. Sie wollen bewundert und angebetet werden - der:die Partner:in soll dabei möglichst keine eigenen Bedürfnisse äußern.

Augrund fehlender Empathie nehmen narzisstische Menschen in Beziehungen keine Rücksicht auf die Gefühle des Gegenübers. Sie merken, dass der andere mit Schuldgefühlen manipulierbar ist und nutzen die emotionale Erpressung als Methode, um den:die Partner:in nach den eigenen Vorstellungen zu "erziehen". Dafür braucht es jedoch auch immer jemanden, der auf die Manipulation anspringt. Besonders anfällig für emotionale Erpressung sind daher konfliktscheue und harmoniebedürftige Personen, die mit Schulgefühlen aufgewachsen sind.

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Emotionale Epressung: Beispiele von Manipulation

Psychische Manipulation in Beziehungen kann auf unterschiedlichen Wegen erfolgen. Die Psychologin Susan Forward unterscheidet vier sogenannte Erpresser-Typen.

Bestrafender Erpresser-Typ

In dieser Kategorie ist die emotionale Erpressung am offensichtlichsten. Der bestrafende Typ spricht aus, was er:sie will und mit welchen Folgen das Opfer zu rechnen hat. Das Perfide: Das Gegenüber weiß nicht, wann und in welchem Umfang die Drohung auch umgesetzt wird – eine ständige Unsicherheit und Angst sind vordergründige Gefühle. Beispielsatz: „Wenn du jetzt aus der Tür gehst, siehst du mich nie wieder.“

Selbstbestrafender Erpresser-Typ

Menschen aus dieser Kategorie drohen damit, sich selbst zu schaden, wenn das Gegenüber nicht das tut, was der:die andere will. Eltern kennen dieses Verhalten vielleicht von ihren Kindern: Wenn diese damit drohen, die Luft anzuhalten oder nicht mehr zu essen, weil sie zum Beispiell länger aufbleiben wollen. Der selbstbestrafende Typ macht andere für das eigene Wohlergehen verantwortlich. Beispielsatz: „Wenn du mich verlässt, tue ich mir etwas an.“

Leidender Erpresser-Typ

„Du bist schuld an meinem Leid“ – diese Gedanken sind typisch für Menschen dieser Kategorie. Leidende Typen geben dem anderen zu verstehen, dass sie weiterhin unglücklich bleiben, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen. Das Paradoxe: Oftmals sprechen sie nicht aus, was sie wollen, sondern erzeugen in ihrem Gegenüber auf subtile Weise Schuldgefühle. Beispielsatz: „Ach, meldest du dich auch mal bei mir.“

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Verführender Erpresser-Typ

Die emotionale Erpressung des:der Verführer:in läuft in der Regel so ab: Er oder sie erfüllt die Bitte des anderen nur in Gegenleistung und stellt Belohnungen in Aussicht, wenn der:die andere etwas dafür tut. Menschen dieser Kategorie testen somit den anderen. Beispielsatz: „Ich mache gerne deine Steuererklärung – aber nur, wenn ich ab jetzt den Haushalt nicht mehr machen muss.“

 

Emotionale Manipulation erkennen: 6 Anzeichen

Bei einer emotionalen Erpressung entstehen beim Opfer Angst, Pflicht- und Schuldgefühle. Diese Gefühle nutzt der:die emotionale Erpresser:in, um seine:ihre Ziele zu erreichen.

Nach Susan Forward gibt es eindeutige Symptome für eine emotionale Erpressung. Demnach läuft eine psychische Manipulation in sechs Stufen ab: Forderung – Widerstand – Druck – Drohung – Unterwerfung – Wiederholung.

1. Stufe: Forderung
In der ersten Phase wird eine Forderung gestellt – entweder klar und deutlich oder unterschwellig, sodass der andere nur ahnen kann, was der:die Erpresser:in will.

2. Stufe: Widerstand
Der:die andere weist diese Forderung zurück und leistet Widerstand – entweder mit einem deutlichen „Nein“ oder subtiler.

3. Stufe: Druck
Der:die Erpresser:in akzeptiert den Widerstand nicht, erhöht den Druck durch charmante Äußerungen oder drängende Fragen. Gefühle und Bedürfnisse des Gegenübers werden nicht berücksichtigt.

4. Stufe: Drohung
Bekommt der:die Erpresser:in immer noch nicht das, was er oder sie will, wird mit Liebesentzug gedroht, direkt oder indirekt.

5. Stufe: Unterwerfung
Je größer die Furcht vor dem angedrohten Liebesentzug ist, desto eher gibt das Opfer der Forderung des:der Erpresser:in nach. Die erpresste Person kapituliert aus einem Pflicht- und Schuldgefühl heraus – sie will, dass es dem anderen gut geht und der Liebesentzug aufhört.

6. Stufe: Wiederholung
Die emotionale Erpressung ist für den Moment vorbei – sowohl Opfer als auch Erpresser:in gewöhnen sich an die psychische Manipulation: Der:in Erpresser:in merkt, dass er:sie damit durchkommt. Und das Opfer weiß nun, dass der Druck und die Drohung von Liebesentzug erst nachlassen, wenn es kapituliert.

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Emotionale Manipulation beenden: Diese 6 Tipps helfen

Für beide Seiten gibt es immer die Möglichkeit, aus der Situation der emotionalen Erpressung auszusteigen und das Verhalten zu ändern. Diese Auswege gibt es, die Manipulation zu beenden:

1. Beobachten

Emotionale Erpressung auf Anhieb zu erkennen, ist nicht immer leicht. Bemerken Sie immer wieder Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen in bestimmten Situationen? Dann handelt es sich vermutlich um eine emotionale Manipulation. Beobachten und analysieren Sie Situationen, in denen Sie sich emotional unter Druck gesetzt gefühlt haben: Was wollte der:die andere wirklich von Ihnen? Aus welchen Gründen könnte er oder sie so gehandelt haben? Wie haben Sie reagiert? Wichtig ist, zunächst die verschiedenen Situationen zu erkennen, um künftig darauf anders reagieren zu können.

2. Offen miteinander reden

Wenn Sie sich emotional erpresst fühlen, immer wieder ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle in der Beziehung aufkommen, hilft vor allem eins: Das Gespräch suchen und Feedback geben. Sprechen Sie an, dass Sie sich unter Druck gesetzt fühlen – oftmals ist dem anderen das Verhalten nicht bewusst. 

3. Grenzen setzen

Seien Sie sich bewusst, wo Ihre Grenzen liegen und was Ihnen wichtig ist. Droht er oder sie mit Trennung, wenn sie lieber alleine in den Urlaub fahren möchten? Machen Sie sich klar, was Sie wollen und lernen Sie, diese Grenzen offen zu kommunizieren. Sagen Sie „Nein“, wenn Sie etwas nicht machen wollen – nur so kann Ihr Gegenüber lernen, dass die emotionale Erpressung nicht mehr funktioniert.

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4. Selbstbewusstsein stärken

Beide Seiten haben oftmals ein geringes Selbstbewusstsein und damit einhergehend ein schlechtes Selbstwertgefühl. Vor allem das Opfer von Manipulation kennt seine eigenen Grenzen nicht, hat wenig Durchhaltevermögen und gibt schnell nach, wenn es emotional erpresst wird. Das Selbstbewusstsein langfristig zu stärken ist zwar harte Arbeit, lohnt sich aber, um sich gegen die emotionale Erpressung wehren zu können.

5. Sich Zeit geben

Erwarten Sie nicht, dass die emotionale Erpressung von heute auf morgen aufhört. Denn dieses Verhalten ist oftmals tief verankert und es braucht viel Durchhaltevermögen, das manipulative Verhalten wieder abzulegen. Auch das Opfer muss erst lernen, auf die emotionale Erpressung nicht mehr einzugehen.

6. Sich Hilfe holen

Wenn es schwierig ist, über die emotionale Erpressung zu sprechen, suchen Sie sich professionelle Hilfe. Insbesondere auch dann, wenn depressive Symptome, anhaltende Ängste und permanente Schuldgefühle im Spiel sind. Ein (Paar-)Therapeut kann mit Ihnen zusammen Ihre Verhaltensmuster analysieren und Lösungen entwickeln.

Verweigert ein Partner das Gespräch und ist kein Ende der emotionalen Erpressung in Sicht, sollte über eine Trennung nachgedacht werden.

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Emotionale Erpressung kann krank machen

Bei anhaltender emotionaler Manipulation können sich Gefühle der Unzufriedenheit, Verlustängste und Einsamkeitsgefühle einstellen. Im schlimmsten Fall entwickeln sich bei Betroffenen Depressionen, Essstörungen oder Suizidgedanken. Deshalb: Bei den ersten Anzeichen einer psychischen Erkrankung suchen Sie sich professionelle Hilfe. Denn auf Dauer kann emotionale Erpressung krank machen.

Quellen:

Forward, S., & Glynn, D. F. (2014). Emotionale Erpressung: wenn andere mit Gefühlen drohen. Goldmann Verlag.
Wolf, D. (2010). Wenn Schuldgefühle zur Qual werden. PAL-Verlag.
Narzisstische Persönlichkeitsstörung, in: therapie.de

 

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