Emetophobie: Die Angst vor dem Erbrechen erkennen und besiegen

Übelkeit und Erbrechen sorgen wohl bei kaum jemandem für angenehme Gefühle. Doch es gibt Menschen, bei denen diese Themen regelrechte Panikattacken auslösen: Diese Menschen leiden an einer sogenannten Emetophobie. Betroffene haben eine krankhafte Angst, sich zu übergeben oder anderen dabei zuzusehen.

Frau mit Emetophobie
Menschen mit Emetophobie leiden an der krankhaften Angst, sich übergeben zu müssen Foto: iStock/FollowTheFlow

Sich zu erbrechen zählt wohl kaum jemand zu seinen Lieblingsbeschäftigungen – doch bei einer Emetophobie kann die Angst vor Übelkeit und Erbrechen den gesamten Alltag bestimmen. Wie genau sich die Angststörung zeigt und was können Betroffene dagegen tun können.

Angst vor Erbrechen: Phobie oder normal?

Wer Augen- oder Ohrenzeuge wird, wenn sich eine andere Person übergibt, ekelt sich – das ist ganz normal. Doch die Emetophobie übersteigt den normalen Ekel in deutlichem Maße. Es handelt sich dabei um eine spezifische Phobie, bei der die Betroffenen eine irrationale Angst vor dem Erbrechen haben, die mit von heftigen körperlichen Symptomen begleiteten Panikattacken einhergeht.

Alles, was mit Übelkeit und Erbrechen zu tun hat, stellt für sie ein angstbehaftetes Thema dar. Mediziner:innen vermuten, dass vor allem die Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit von Übelkeit und Erbrechen Betroffenen Angst macht. Menschen, die unter Emetophobie leiden, haben:

  • Angst vor dem eigenen Erbrechen

  • Angst vor dem Erbrechen anderer

  • Angst, etwas über Übelkeit und/oder Erbrechen zu lesen oder zu hören

Wie entsteht die Angst vor Übelkeit und Erbrechen?

„Die Emetophobie ist eine Variante der spezifischen Phobien. Die Ursachen können allerdings recht unterschiedlich sein”, sagt Marjenka Schuster, Chefärztin der Psychosomatik in Essen und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. „Beispielsweise kann ein Auslöser sein, dass die Betroffenen als Kind oder Jugendliche vor anderen erbrochen haben und negative Erfahrungen gemacht haben, weil die Anwesenden sie ausgelacht, mit Ekel reagiert oder sie bestraft haben”, erklärt sie weiter.

Ein Beispiel dafür: eine Strafe, die einen als Kind erwartete, wenn man sich im Auto übergeben musste. Durch solche Erfahrungen entstand in der Vergangenheit eventuell das Gefühl, bei Übelkeit und Erbrechen weniger geliebt und akzeptiert zu werden. Doch nicht bei allen Betroffenen liegt dem Problem eine negativ behaftete Erfahrung zugrunde; häufig sind die Ursachen unklar.

Emetophobie: Symptome der Phobie vorm Erbrechen

Eine Emetophobie kann von körperlichen und/oder psychischen Symptomen begleitet werden. Ein häufiges Symptom ist die Angst, sich übergeben zu müssen, egal ob allein oder in Anwesenheit anderer. „Auch mitzuerleben, dass andere oder Tiere sich übergeben, sowie auch jegliche Konfrontation mit diesem Thema über Medien, in Gesprächen usw. erzeugt Angst”, sagt Schuster.

Zu den typischen Symptomen von Emetophobie-Panikattacken gehören unter anderem:

  • Schwindel

  • Übelkeit

  • Herzrasen

  • Atem- oder Schluckbeschwerden

  • Beklemmungsgefühle

  • Kribbeln an verschiedenen Stellen des Körpers

  • Schweißausbrüche

Das Verreisen oder das Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln ist vielen Betroffenen zu riskant; die Angst vor Reiseübelkeit oder möglichen Erkrankungen in fremden Ländern ist zu groß. Auch das Essen außerhalb des gewohnten Umfeldes wird von Emetophobiker:innen häufig vermieden. Im Arbeitsumfeld lassen sie sich mitunter vorsorglich krankschreiben, sobald im Kollegenkreis eine Magen-Darm-Grippe vorkommt. Viele Betroffene vermeiden es, Krankenhäuser zu betreten, weil die Angst vor Keimen und erbrechenden Menschen zu groß ist.

Auch mit der Emetophobie einhergehende Essstörungen kommen nicht selten vor. Viele Emetophobiker:innen essen bewusst sehr wenig oder nur unregelmäßig, weil sie Angst davor haben, sich ansonsten übergeben zu müssen.

Emetophobie und Schwangerschaft: Ein Problem?

Für die meisten Emetophobikerinnen ist eine Schwangerschaft fast undenkbar aus Angst vor Schwangerschaftsübelkeit. In einigen Fällen brechen Betroffene sogar den Kontakt zu schwangeren Bekannten ab. Viele Frauen, die unter einer Emetophobie leiden, holen sich in der Schwangerschaft therapeutische Hilfe, um mit ihrem Problem besser zurechtzukommen.

Die Angst kann im Laufe der Schwangerschaft weiter zunehmen. Neben der Furcht vor dem Erbrechen kommt noch die Angst davor, dass das eigene Kind sich übergeben muss.

Emetophobie-Therapie: Wie lässt sich die Angst vor dem Erbrechen besiegen?

Wer seine Emetophobie überwinden möchte, sollte sich professionelle Hilfe suchen. „In unserer MediClin Fachklinik Rhein/Ruhr in Essen starten wir zunächst verhaltenstherapeutisch, indem wir mit den Betroffenen das persönliche Krankheitsmodell (Suche nach den individuellen Ursachen der Erkrankung und den besten Behandlungsmethoden) entwickeln“, so die Fachärztin.

„Diese Annäherung findet tiefenpsychologisch fundiert in den Kreativtherapien statt.“ Als Kreativtherapie wird beispielsweise Kunst- oder Musiktherapie bezeichnet, bei der die kreative Beschäftigung zum Ausdruck von Wünschen und Emotionen eingesetzt wird. Anschließend bestehe die Emetophobie-Behandlung in einer Kombination aus Bewegungstherapie, Ernährungstherapie und Kommunikationsübungen.

Emetophobie: Selbsthilfe-Tipps für Emetophobiker

Neben einer Psychotherapie kann es Emetophobiker:innen helfen, sich bewusst zu machen, was bei einer Panikattacke passiert: Durch „falsche Verknüpfungen“ im Gehirn hat der Körper gelernt, jeden Gedanken an das Erbrechen mit Lebensgefahr zu assoziieren und reagiert mit entsprechend heftigen Symptomen. Auf der reinen Verstandesebene wissen Betroffene, dass diese Gefahr nicht real ist – doch der gesamte Organismus scheint sich in den entsprechenden Situationen schlicht selbstständig zu machen. Diese Atemübungen können dazu beitragen, den Körper im Akutfall bestmöglich zu beruhigen:

  • 4-6-8-Atmung: Durch die Nase tief in den Bauch atmen und dabei langsam bis vier zählen, dann die Luft anhalten und dabei langsam bis sechs zählen; anschließend durch den Mund in den Bauch hinein ausatmen und dabei langsam bis acht zählen.

  • Bewusst ausatmen: So lange wie möglich ausatmen, dann die Luft anhalten, bis neue Atemluft wie von selbst zurück in die Lunge strömt.

Zudem gibt es weitere Selbsthilfe-Strategien, um Panikattacken in den Griff zu bekommen.

Emetophobie überwinden: Die Erfolgschancen

Grundsätzlich gilt: „Je früher Sie mit einer psychotherapeutischen Behandlung beginnen, desto besser. Wenn das Problem nicht erkannt wird oder die Behandlung aufgeschoben wird, können sich die Symptome verschlimmern”, so die Expertin.

Allgemein kann man sagen, dass Angststörungen und Phobien zu den heilbaren Erkrankungen zählen. Leider ist die Emetophobie heute noch wenig bekannt, weshalb die Diagnose für Mediziner:innen häufig nicht einfach ist. Außerdem suchen sich Betroffene meist erst recht spät Hilfe – oftmals erst, wenn die Symptome schon sehr stark ausgeprägt sind. Eine plötzliche Heilung bleibt jedoch nicht ausgeschlossen. Einige Betroffene berichten von Ereignissen oder kognitiven Prozessen, die zu einer spontanen Heilung führen.

Wichtig zu wissen für alle Angehörigen von Emetophobiker:innen: Die Angst vor dem Erbrechen ist keinesfalls eingebildet und auch kein „übertriebenes“ Verhalten. Es handelt sich um eine ernstzunehmende Erkrankung mit echten Symptomen, die einen extremen Leidensdruck erzeugt und die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränken kann. Doch zum Glück kann die Emetophobie gut behandelt werden und niemand muss dauerhaft damit leben.

Unsere Expertin

Marjenka Schuster ist Chefärztin der ambulanten Psychosomatik in Essen in der MEDICLIN Fachklinik Rhein-Ruhr, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Fachärztin für Physikalische und Rehabilitative Medizin.

Quellen: