Emetophobie – die Angst vor dem Erbrechen

Michelle Kröger

Übelkeit und Erbrechen sorgen wohl bei kaum jemanden für angenehme Gefühle. Doch es gibt Menschen, bei denen diese Themen zusätzlich mit einer spezifischen Phobie im Zusammenhang stehen: der sogenannten Emetophobie. Betroffene leiden unter einer krankhaften Angst, sich zu übergeben oder anderen dabei zuzusehen. Was steckt genau dahinter? Und lässt sich Emetophobie heilen?

Frau mit Emetophobie
Betroffene mit Emetophobie leiden unter der krankhaften Angst, sich übergeben zu müssen Foto:  iStock/FollowTheFlow
Inhalt
  1. Emetophobie: Was ist das genau?
  2. Ursachen: Wodurch kann die Emetophobie entstehen?
  3. Emetophobie: Was sind die Symptome?
  4. Emetophobie und Schwangerschaft – ein Problem?
  5. Therapie: Wie lässt sich die Angst vor dem Erbrechen behandeln?
  6. Verhaltenstipps, die Betroffenen in schwierigen Situationen helfen können
  7. Emetophobie loswerden – die Erfolgschancen
 

Emetophobie: Was ist das genau?

Die Angst vor dem Erbrechen übersteigt den normalen Ekel in deutlichem Maße. Bei der Emetophobie handelt es sich um eine spezifische Phobie, bei der die Betroffenen eine oft unerklärliche, irrationale Angst vor dem Erbrechen haben. Alles, was mit Erbrechen zu tun hat, stellt für sie ein angstbehaftetes Thema dar. Nicht das Erbrechen an sich ist das Problem, sondern die Übelkeit - mit ihrer Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit. Emetophobiker leiden nicht alle an denselben Ängsten und Problemen. Menschen, die unter Emetophobie leiden, haben zum Beispiel

  • Angst, dass ihnen selbst übel wird,
  • Angst, andere zu sehen, die sich übergeben müssen,
  • Angst, etwas über Übelkeit und/oder Erbrechen zu lesen oder zu hören.
 

Ursachen: Wodurch kann die Emetophobie entstehen?

“Die Emetophobie ist eine Variante der spezifischen Phobien. Die Ursachen können allerdings recht unterschiedlich sein”, sagt Marjenka Schuster, Chefärztin der Psychosomatik in Essen und Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. “Beispielsweise kann ein Auslöser sein, dass die Betroffenen als Kind oder Jugendliche vor anderen erbrochen haben und negative Erfahrungen gemacht haben, weil die Anwesenden sie ausgelacht, mit Ekel reagiert oder sie bestraft haben”, erklärt sie weiter. Ein Beispiel dafür: Eine Strafe, die einen als Kind erwartete, wenn man sich im Auto übergeben musste. Durch solche Erfahrungen entstand in der Vergangenheit eventuell das Gefühl, bei Übelkeit und Erbrechen weniger geliebt sowie akzeptiert zu werden.

Doch nicht bei allen Betroffenen liegt dem Problem eine negativ behaftete Erfahrung zugrunde. In dem Fall stellt die Emetophobie lediglich das Symptom eines anderen psychischen Problems dar.

Manche Betroffene sind zusätzlich in einem Netz aus Ängsten und Panikattacken gefangen. Auch damit einhergehende Essstörungen kommen nicht selten vor. Viele Emetophobiker essen bewusst sehr wenig oder nur unregelmäßig, weil sie Angst davor haben, sich ansonsten übergeben zu müssen.

 

Emetophobie: Was sind die Symptome?

Eine Emetophobie kann von körperlichen und/oder psychischen Symptomen begleitet werden. Ein häufiges Symptom ist die Angst, sich übergeben zu müssen, egal ob allein oder in Anwesenheit anderer. “Auch mitzuerleben, dass andere oder Tiere sich übergeben, sowie auch jegliche Konfrontation mit diesem Thema über Medien, in Gesprächen usw. erzeugt Angst”, sagt Schuster.

Zu den typischen Symptomen gehören unter anderem:

  • Schwindel,
  • Übelkeit,
  • Herzrasen,
  • Atem- oder Schluckbeschwerden,
  • Beklemmungsgefühle,
  • Kribbeln an verschiedenen Stellen des Körpers,
  • Schweißausbrüche.

Auch das Verreisen oder das Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln ist vielen Betroffenen zu riskant. Die Angst vor Reiseübelkeit oder möglichen Erkrankungen in fremden Ländern ist zu groß und kann nicht überwunden werden. Auch das Essen außerhalb des gewohnten Umfeldes wird von Emetophobikern weitestgehend vermieden. Im Arbeitsumfeld lassen sie sich außerdem vorsorglich krankschreiben, sobald im Kollegenkreis eine Magen-Darm-Grippe vorkommt. Auch Krankenhäuser werden nicht betreten, weil die Angst vor Keimen und erbrechenden Menschen zu groß ist.

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Emetophobie und Schwangerschaft – ein Problem?

Für die meisten Emetophobiker ist eine Schwangerschaft fast undenkbar aus Angst vor Schwangerschaftsübelkeit. In einigen Fällen brechen Betroffene sogar den Kontakt zu schwangeren Bekannten ab. Viele Frauen, die unter einer Emetophobie leiden, holen sich in der Schwangerschaft therapeutische Hilfe, um mit ihrem Problem besser zurechtzukommen. Die Angst kann im Laufe der Schwangerschaft weiter zunehmen. Neben der Furcht vor dem Erbrechen kommt noch die Angst, was zu tun ist, wenn das eigene Kind sich übergeben muss. Experten können hier zielgerichtet unterstützen.

 

Therapie: Wie lässt sich die Angst vor dem Erbrechen behandeln?

“In unserer MediClin Fachklinik Rhein/Ruhr in Essen starten wir psychosomatisch zunächst verhaltenstherapeutisch, indem wir mit den Betroffenen das persönliche Krankheitsmodell entwickeln. Dabei gibt es kein falsches Verhalten, sondern wir nähern uns Ihren Körpersignalen”, so die Fachärztin.” Diese Annäherung findet tiefenpsychologisch fundiert in den Kreativtherapien statt. Dabei sei es außerdem wichtig, stetig zwischen Innenerleben und Außenerleben zu wechseln, um die Chance der Balance zu nutzen. Dies erreiche man durch die Konzentration auf Bewegungstherapie, Ernährungstherapie wie auch mittels Kommunikationsübungen zur Nähe-Distanz-Regulierung.

 

Verhaltenstipps, die Betroffenen in schwierigen Situationen helfen können

Chefärztin Marjenka Schuster empfiehlt folgende Sofortmaßnahmen, die Betroffene ohne weitere Vorbereitung durchführen können:

  • Nennen Sie das Symptom beim Namen, damit ein Dialog möglich wird.
  • Erinnern Sie sich an die letzten 3 Minuten vor Symptombeginn.
  • Prüfen Sie Ihre Körperfunktionalität.
 

Emetophobie loswerden – die Erfolgschancen

Grundsätzlich gilt: “Je früher Sie mit einer psychotherapeutischen Behandlung beginnen, desto besser. Wenn das Problem nicht erkannt wird oder die Behandlung aufgeschoben wird, können sich die Symptome verschlimmern”, so die Expertin.

Allgemein kann man sagen, dass Angststörungen und Phobien zu den heilbaren Erkrankungen zählen. Leider ist die Emetophobie heute noch zu wenig bekannt, weshalb die Diagnose für Ärzte nicht gerade einfach ist. Außerdem suchen Betroffene meistens erst recht spät einen Arzt auf – oftmals erst, wenn die Symptome schon sehr stark ausgeprägt sind. Eine plötzliche Heilung bleibt jedoch nicht ausgeschlossen. Einige Betroffene berichten von Ereignissen oder kognitiven Prozessen, die zu einer spontanen Heilung führen.

Unsere Expertin

Marjenka Schuster, Chefärztin der ambulanten Psychosomatik in Essen in der MEDICLIN Fachklinik Rhein-Ruhr, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Fachärztin für Physikalische und Rehabilitative Medizin.

Quellen:

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