Elektrokappe gegen Hirntumoren

Aufnahmen Hirntumor
Die kappen-ähnliche Vorrichtung soll täglich mindestens 18 Stunden getragen werden © iStock

Glioblastome gehören zu den häufigsten primär bösartigen Hirntumoren bei Erwachsenen. Neue Ergebnisse zu einer Behandlungsmethode namens Optune versprechen jetzt erhöhte Wahrscheinlichkeiten für eine längere Lebenserwartung.

Patienten mit einer Glioblastom-Diagnose bleibt im Durchschnitt nur etwas mehr als ein Jahr. Bislang sieht die Behandlung eine Operation vor, gefolgt von Strahlentherapie sowie sechs bis 12 Monaten Chemotherapie. Dieses Vorgehen ermöglicht den Patienten eine etwa 27-prozentige Chance, die nächsten zwei Jahre zu überleben. Die Ergebnisse einer Langzeitstudie mit rund 700 Glioblastom-Patienten zu  der neuen Vorrichtung namens Optune lassen auf eine Vergrößerung dieser Chance hoffen.

 

Wie funktioniert Optune?

Die kappen-ähnliche Vorrichtung soll, zusätzlich zum bisherigen Vorgehen, zeitgleich mit der Chemotherapie eingesetzt werden. Die Patienten müssen dafür vier Haftpflaster-Bahnen mit integrierten Elektroden auf ihrer vorher rasierten Kopfhaut befestigen. Diese sind durch Kabel mit einem kleinen Generator verbunden, der in einer dafür vorgesehen Tasche getragen wird.

Dieser Generator erzeugt dann leichte und ständig die Richtung wechselnde elektrische Felder, die die Zellteilung stören. Das soll wiederum zum Tod der Zellen führen. Da sich Krebszellen sehr viel häufiger teilen als normale Hirnzellen eines erwachsenen Menschen, soll dieser Vorgang – der Theorie nach – in erster Linie dem Tumor und nicht dem Patienten schaden.

Optune soll täglich mindestens 18 Stunden getragen werden. Um optimalen Kontakt zur Haut zu gewährleisten, muss die Kopfhaut regelmäßig rasiert und dieDas Gerät erzeugt weder elektrischen Strom, noch Strahlung – lediglich eine leichte Hitze ist zu spüren. Offen getragen oder mittels Mütze oder Hut verhüllt, kann so dem Alltag ganz normal nachgegangen werden.

 

Ergebnisse der Langzeitstudie

Glioblastom-Patienten, die zusätzlich zu dem normalen Vorgehen Optune nutzten, hatten eine mittlere Überlebenszeit von 21 Monaten. Die der Patienten mit der Standard-Behandlung betrug nur 16 Monate. Nach zwei Jahren betrug die Überlebensrate der Optune-Nutzer 43 Prozent (im Vergleich zu 31 bei nicht-Nutzern), nach drei Jahren 26 (im Vergleich zu 16), nach vier Jahren 20 (im Vergleich zu 8) und nach fünf Jahren immerhin noch 13 Prozent (im Vergleich zu 5).  Zwar sterben die meisten Patienten immer noch innerhalb von fünf Jahren, doch waren die Chancen auf eine etwas längere Lebenserwartung durch die Nutzung der Kappe erhöht. Alle Daten zusammengenommen, verringerte sich für die Optune-Patienten die Wahrscheinlichkeit zu sterben um 37 Prozent, im Vergleich zu den Patienten mit dem Standard-Vorgehen. Die Nebenwirkungen dabei waren minimal, die Probanden hatten aber im Blutbild Probleme, litten unter Schwäche und Erschöpfung, sowie an Hautreizungen durch die Elektroden.

 

Große Hürde

Optune, das von der englischen Firma Novocure entwickelt wurde, ist für Glioblastome außer in Deutschland auch EU-weit, in den USA und in der Schweiz zugelassen. Ein großes Problem stellen – mit etwa 700 Dollar pro Tag – allerdings die Kosten dar. In Deutschland ist die Behandlung noch nicht kassenpflichtig, also muss immer ein Einzelfallantrag gestellt werden. Auf ihrer Website verspricht die Hersteller-Firma bei dem Antrag unterstützend mit einem Expertenteam zur Seite zu stehen. Auch während der Nutzung werden die Patienten von einem persönlichen Geräte-Support-Mitarbeiter sowie einem Arzt betreut, der die Behandlung überwacht.

 

Geschichte der Optune-Methode

In einer Studie von 2011 konnte die Überlebensrate der Glioblastom-Patienten durch die zusätzliche Optune-Behandlung nicht verbessert werden. Allerdings führte sie bei Patienten, deren Tumoren sich nach der Standard-Behandlung verschlimmerten oder wiederkehrten, zu weniger Symptomen im Vergleich zur alleinigen Chemotherapie. Für solche Fälle ließ die FDA (US. Food and Drug Administration) die Kappe deshalb in den USA zu.

Ersten Ergebnissen der daraufhin begonnenen Langzeitstudie zufolge, lebten die Nutzer der Kappe allerdings im Schnitt mehrere Monate länger als die Nicht-Nutzer. Daraufhin erweiterte die FDA die Zulassung auch für mehr Patienten. Viele Ärzte blieben jedoch skeptisch, da die Studie keine Placebo-Gruppe hatte. Um auszuschließen, dass die Ergebnisse durch andere Gründe zustande kommen, sollten die Teilnehmer zufällig in die Optune- oder eine Placebo-Kappen-Gruppe eingeteilt werden. Im besten Fall wüsste weder der behandelnde Arzt, noch der Patient, wer die echte Behandlung erhielt. So können unter anderem Manipulationen oder Placebo-Effekte kontrolliert werden. Zu dieser Kritik erklärte die Herstellerfirma, dass Patienten die gesamte Prozedur nicht für eine potenzielle Placebo-Kappe über sich ergehen lassen hätten. Viele Ärzte wollten deshalb mit dem Einsatz der Methode warten, bis Langzeit-Ergebnisse dieser zweiten Studie da sind.

Die Richtlinien des National Comprehensive Cancer Network (NCCN) haben Optune inzwischen als eine angemessene Behandlungsmethode für neu diagnostizierte Glioblastome aufgenommen. Auch für Pankreas-, Eierstock- und Lungenkrebs wird die Methode derzeit getestet (hier Elektroden an Bauch oder Brust getragen).

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