Eine Kältetherapie rettete meine Haare

Redaktion PraxisVITA

Als sie Krebs bekommt, rechnet Sigrun Oehlke, 49, fest mit einer Chemo-Glatze. Doch ein Arzt eröffnet ihr einen Ausweg.

Sigrun Oehlke wusste sofort Bescheid, als der Anruf aus der Praxis kam. Sie solle am nächsten Tag vorbeischauen, bat die Gynäkologin. „Da war mir klar, dass ich Krebs habe“, sagt Sigrun Oehlke. „Eine Entwarnung hätte sie mir doch gleich am Telefon gegeben.“

 

Diagnose Brustkrebs

Und tatsächlich: Die Gewebeprobe hatte ergeben, dass die zwei Knoten in ihrer Brust bösartig seien, sagte die Ärztin am folgenden Tag. Schlimmer noch: Es handele sich um eine aggressive, schnell wachsende Tumorart. Deshalb müsse es nun rasch gehen. Operation, Chemotherapie, Bestrahlung – „das volle Programm“.

Nicht jeder sollte von ihrer Krankheit erfahren. Für Sigrun Oehlke ist die Nachricht ein Schock. Doch sie ist immer schon Optimistin gewesen und fasst auch dieses Mal schnell neuen Mut. Schließlich zeigen die weitergehenden Untersuchungen, dass sich noch keine Tochtergeschwulste gebildet haben. Und glücklicherweise ist sie in guter körperlicher Verfassung. Überleben – das ist für die 49-Jährige jetzt die Hauptsache.

Haarausfall durch Chemotherapie

Deshalb kann auch die Ankündigung der Ärzte, dass eine brusterhaltende Operation nicht möglich sei, sie nicht aus der Bahn werfen. „Komischerweise fand ich das gar nicht so schlimm“, erinnert sie sich. „Ich definiere mich und meine Weiblichkeit nicht über meinen Körper.“ Schlimmer war für sie der Gedanke an die anschließende Chemotherapie und den damit verbundenen kahlen Kopf. „Ich wollte selbst entscheiden, wem ich von der Krankheit erzähle und wem nicht. Aber wenn man alle Haare verliert, steht es einem ja auf die Stirn geschrieben.“ Umso erleichterter ist sie, als eine Bekannte ihr von einer neuen Behandlungsmethode erzählte, die den Haarverlust verhindern kann: die sogenannte Digni-Cap-Therapie. Sie wird mittlerweile von rund 20 Krankenhäusern in Deutschland angeboten. Unter anderem von einer Klinik in Sigruns Nähe – dem Agaplesion Markus Krankenhaus in Frankfurt.

Haarausfall durch Chemotherapie
Bei einer Chemotherapie kann bereits nach kurzer Zeit Haarausfall einsetzen© iStock

Die Wirkstoffe gelangen nicht mehr zur Kopfhaut! Und Sigrun Oehlke hat Glück: Sie bekommt schnell einen Termin beim dortigen Chefarzt der gynäkologischen Onkologie. Dr. Marc Thill bestätigt ihr, dass Kälte tatsächlich helfen kann, die Haare vor den Wirkstoffen der Chemotherapie zu schützen. „Die Kopfhaut wird mithilfe einer speziellen Silikonkappe während der Infusionen stark gekühlt“, erklärt ihr der Experte. „Dadurch verengen sich die Blutgefäße, und der Blutfluss zur Kopfhaut verringert sich. Die wachstumshemmenden Wirkstoffe gelangen dann nicht mehr bis zu den Haarwurzeln.“ Eine erprobte Therapie ohne Nebenwirkungen – Sigrun Oehlke muss nicht lange überlegen, um sich für die DigniCap zu entscheiden. Sie nimmt auch gern in Kauf, dass die Chemotherapie dadurch deutlich zeitaufwendiger wird. Denn um die Kältebarriere aufzubauen, muss die Kopfhaut schon eine halbe Stunde vor der Infusion und auch noch zwei Stunden danach gekühlt werden.

Behandlung ohne Nebenwirkungen

Die Behandlung ist nur am Anfang unangenehm. „Vor jeder Sitzung wurde die Kappe angepasst und dann aufs nasse Haar aufgesetzt“, erzählt Sigrun Oehlke. Die Temperatur wird langsam gesenkt. „Zwischendurch fühlt es sich schon etwas unangenehm an. Doch man gewöhnt sich schnell an die Kälte.“

Vier Monate lang unterzog sie sich einmal wöchentlich der mehrstündigen Prozedur. „Ich war bis zuletzt skeptisch, ob meine Haare auch wirklich nicht ausfallen würden“, sagt sie. Ein wenig dünner seien sie in der Zeit schon geworden. „Aber niemand hätte vermutet, dass ich eine Chemotherapie mache.“

Der bevorstehenden Bestrahlung sieht sie nun optimistisch entgegen. „Ich fühle mich wohl in meiner Haut“, sagt sie. „Und das ist doch schon mal die halbe Miete.“

Haarausfall durch Chemotherapie
Eine Kältetherapie zeigt Erfolge beim Schutz vor Haarausfall durch Chemotherapien© iStock

4 Fragen an den Experten

Was ist das Besondere an der DigniCap-Therapie?

Dass Kälte den Haarausfall verringern kann, ist schon länger bekannt, konnte aber bisher nicht erfolgreich umgesetzt werden. Die DigniCap bietet nun die Möglichkeit einer praktischen Anwendung. Die Computersteuerung garantiert, dass die Temperatur der Kopfhaut konstant bei 3 bis 5 Grad gehalten werden kann. Nur so wird sichergestellt, dass die Haarwurzeln durchgehend geschützt sind.

Funktioniert die Kopfhautkühlung bei allen Patientinnen?

Fast 90 Prozent der von uns behandelten Frauen sind sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Bisher wenden wir die DigniCap allerdings nicht bei allen Frauen, sondern nur bei ausgesuchten Standard-Chemotherapien für Frauen mit Brust- und Eierstockkrebs an.

Wie viel kostet die Therapie?

Das hängt davon ab, wie viele Wochen die Chemotherapie einer Patientin umfasst. Eine Sitzung kostet 93 Euro. Für eine durchschnittliche Chemotherapie von 18 Wochen entstehen also Kosten von rund 1800 Euro.

Zahlt die Krankenkasse die Behandlung mit der DigniCap?

Bisher werden die Kosten leider nur von einigen privaten Krankenkassen getragen. Aber ich hoffe, dass auch die gesetzlichen Kassen bald nachziehen werden. Denn für die seelische Verfassung der Patientinnen ist die Therapie ganz entscheidend.

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