Ein Hirnschrittmacher gibt neue Hoffnung

Hirnschrittmacher helfen gegen Epilepsie, Parkinson und sogar Alzheimer
Wenn Medikamente nicht mehr ausreichen, können elektrische Impulse im Hirn gegen Epilepsie, Parkinson und sogar Alzheimer helfen © Fotolia

Alzheimer ist eine tückische Krankheit: Jahrelang entwickelt sie sich im Verborgenen. Treten erste Symptome auf, ist das Gehirn meist schon deutlich geschädigt. Das zeigt auch das Beispiel von Annegret Fischer aus Köln. Vor über zwei Jahren fiel ihrem Mann auf, dass sie immer öfter bestimmte Dinge wiederholte, sich an vieles nicht mehr erinnerte.

Die Hausärztin diagnostizierte Alzheimer. Die Erkrankung war über das leichte Stadium bereits hinaus und wurde als "mittelgradig" eingestuft. In dieser Situation hörte das verzweifelte Ehepaar von einer Hirnschrittmacher-Patienten-Studie an der Universitätsklinik Köln. Die 79-Jährige hatte Glück: Unter der Leitung des Neurochirurgen Professor Volker Sturm wurde ihr der Impulsgeber implantiert. Mit Erfolg: Der rapide geistige Verfall der Patientin konnte gestoppt werden, regelmäßige neuropsychologische Tests belegen, dass sich seit dem Eingriff Konzentration, Orientierung und Aufmerksamkeit nicht verschlechtert haben. Das bestätigt auch Annegret Fischers Mann: "Sie hat zwar immer noch Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis. Aber sie kann kurze Strecken zu Fuß gehen und erinnert sich an den Rückweg." Und Annegret Fischer ergänzt: "Ohne den Eingriff wäre ich sicherlich längst zum Pflegefall geworden."

 

Wirksame Therapie bei Epilepsie

Die Schrittmacher-Therapie ist bei Epilepsie bereits zugelassen. Voraussetzung ist, dass die Medikamente nicht ausreichend wirken und es sich um die sogenannte focale Epilepsie handelt, die von einer klar umrissenen Hirnregion ausgeht. An Epilepsie leiden deutschlandweit 600 000 Menschen, ein Drittel von ihnen kann mit Medikamenten nicht ausreichend therapiert werden. Durch die Stromimpulse wird die gleichzeitige elektrische Aktivität der Hirnzellen unterbunden, die ansonsten den epileptischen Anfall auslöst.

 

Stromstöße fördern das Gedächtnis

Die OP selbst ist Präzisionsarbeit. Der Kopf des Patienten wird auf den Bruchteil eines Millimeters genau in eine Halterung eingespannt – die genaue Lage vorab am Computer ausgerechnet. Der Schrittmacher selbst wird in einem mehrstündigen Eingriff im Bereich des Schlüsselbeins implantiert und ist mit Elektroden im Gehirn des Patienten verbunden. Regelmäßige schwache Stromstöße sorgen dann dafür, dass die bei Alzheimer gestörte Acetylcholin-Ausschüttung wieder in Gang gesetzt wird. Dieser wichtige Botenstoff regelt unter anderem das Denken, unser Gedächtnis und die Orientierung. Der Wermutstropfen für die über eine Million Alzheimer-Patienten in Deutschland und die jährlich 25 000 Neu-Erkrankten: Das neue Verfahren ist für sie noch nicht zugelassen. Erste Betroffene nehmen aber bereits an Studien teil. Diese werden auch zu Clusterkopfschmerzen, Migräne und Depressionen durchgeführt. Auch hier versucht man, wahlweise Schmerzzentren per Elektrostimulation auszuschalten oder hirneigene Belohnungssysteme anzukurbeln.

 

Parkinson-Patienten können wieder gehen

Auch für Parkinsonkranke gehört der Schrittmacher bereits zum Therapiespektrum. So können Betroffene nach der OP häufig wieder ein Instrument spielen, schreiben oder gehen. Erklärung: Die Stimulation bestimmter Hirnregionen hemmt die Signale im Gehirn, die Muskelsteifheit, verlangsamte Bewegungen sowie Gang- oder Gleichgewichtsstörungen verursachen. Experten schätzen, dass ungefähr jeder Fünfte der 300 000 an Parkinson Erkrankten von einem Implantat profitieren kann.

 

Die Risiken

Im extrem ungünstigen Fall kann es zu Hirnblutungen kommen. Denn bei der Implantation dringt man tief ins Hirngewebe vor. Deshalb sollte der Eingriff nur in ausgewiesenen Zentren durchgeführt werden, spezialisierte Abteilungen befinden sich zum Beispiel in großen Unikliniken.

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