Was ist eine Dysmorphophobie?

Annika Hansen Medizinredakteurin

Der kritische Blick in den Spiegel – wer kennt das nicht? Doch wenn die Gedanken sich nur noch um das Aussehen drehen und vermeintliche Makel am eigenen Körper permanent im Fokus stehen, kann dahinter eine ernsthafte psychische Störung stecken: eine Dysmorphophobie.

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Inhalt
  1. Dysmorphophobie: Was bedeutet das?
  2. Dysmorphophobie: Ursachen nicht immer eindeutig
  3. Dysmorphophobie Test und Symptome: Was sind die Anzeichen?
  4. Dysmorphophobie: Therapie und Behandlung

„Ich habe eine Dysmorphophobie.“ Mit diesem Satz hat US-Star Megan Fox weltweit Aufmerksamkeit erregt. In einem Interview mit dem britischen Magazin GQ erklärt die „Transformers“-Schauspielerin, dass sie mit sehr vielen Unsicherheiten durchs Leben gehe – dabei scheint die 35-Jährige alles zu haben, was viele sich wünschen: Attraktivität, Ruhm und Reichtum. Doch der Schein trüge, wie sie im Interview berichtet.

So wie Megan Fox geht es vielen Menschen, die von außen betrachtet keinerlei Makel zu haben scheinen. Doch wer an Dysmorphophobie erkrankt ist, leidet innerlich sehr und empfindet sich als hässlich. Was es mit der Krankheit auf sich hat und welche Behandlung den Betroffenen hilft.

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Dysmorphophobie: Was bedeutet das?

Dysmorphophobie, auch körperdysmorphe Störung (KDS) genannt, ist eine psychische Erkrankung. Im englischsprachigen Raum wird die Krankheit als „body dysmorphic disorder“ (BDD) bezeichnet. Zu unterscheiden sind zwei Formen:

  • Wahnhafte Dysmorphophobie: Betroffene sind sich absolut sicher, dass ihre Körperwahrnehmung mit der Wirklichkeit übereinstimmt.
  • Nicht wahnhafte Dysmorphophobie: Betroffenen ist klar, dass ihre Körperwahrnehmung verzerrt ist und nicht der Realität entspricht.

Beiden Ausprägungen ist gemein, dass sich Menschen mit einer Körperbildstörung intensiv mit ihrem Äußeren auseinandersetzen, weil sie davon überzeugt sind, hässlich zu sein. Diese Auffassung kann viele Betroffene dazu bewegen, sich an die Schönheitschirurgie zu wenden, um ihre vermeintlichen Makel zu beheben. Sie sind nicht in der Lage, von Ihrem Äußeren loszulassen – ein Verhalten mit zwanghaften Zügen, weshalb Dysmorphophobie auch zum Spektrum der Zwangsstörungen gezählt wird.

Verlässliche Zahlen gibt es nicht, da bisher nur wenig über die Krankheit bekannt ist. Deshalb wird sie auch häufig als Eitelkeit abgetan oder sogar belächelt. Expert:innen schätzen jedoch, dass bis 0,5 bis 2 Prozent der Bevölkerung eine körperdysmorphe Störung haben. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer und entwickeln oftmals schon mit Eintreten der Pubertät eine verzerrte Körperwahrnehmung. In vielen Fällen leiden Betroffene zusätzlich an Depression und/oder sozialer Phobie.

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Dysmorphophobie: Ursachen nicht immer eindeutig

Die genauen Ursachen sind bisher nicht bekannt. Letztlich sind die Gründe für Dysmosphophobie individuell und können im Zuge einer Psychotherapie aufgearbeitet werden.

Mögliche psychologische, soziale und biologische Faktoren, die die Krankheit begünstigen, sind:

  • genetische Veranlagung
  • Serotoninstörung
  • psychische Belastungen durch die Umwelt
  • traumatische Ereignisse
  • mediale Einflüsse
  • eigenes Temperament
 

Dysmorphophobie Test und Symptome: Was sind die Anzeichen?

Menschen mit einer körperdysmorphen Störung beschäftigen sich etliche Stunden am Tag mit ihrem Aussehen und konzentrieren sich dabei auf nicht oder kaum vorhandene Makel.

Meistens steht ein Körperteil besonders im Fokus – die gekrümmte Nase, das hervorstehende Kinn, die krausen Haare oder die Haut, die zu unrein erscheint. Die häufigsten Problemzonen, die missgebildet scheinen, betreffen Haut, Nase, Zähne und Form des Kopfes.  

Typische Symptome sind:

  • Gedankenkreisen: immer wiederkehrende Gedanken um das eigene Aussehen (über eine Stunde täglich)
  • Zwanghaftes Überprüfen: ständiger Blick in den Spiegel, um den Makel immer wieder zu inspizieren
  • Camouflaging: Verbergen oder Ausbessern des Defekts mit Make-Up oder anderen Mitteln; zudem Informationssuche im Internet oder Zeitschriften, wie das Äußere verbessert werden könnte
  • Rückversicherung: Vergleich mit anderen Menschen und ständige Vergewisserung im sozialen Umfeld, wie der Makel von außen wahrgenommen wird
  • Übermäßige Körperpflege: häufiges Kämmen, Rasieren, Waschen oder (permanente) Haarentfernung
  • Soziale Angst: Vermeiden von öffentlichen Plätzen aus der Angst heraus, dass andere den Makel verurteilen und sie demütigen könnten
  • Körpermanipulation: Herumdrücken auf der betroffenen Körperstelle, Kratzen, Zupfen

Es kommt auch vor, dass Betroffene den Blick in den Spiegel sowie die Berührung mit der vermeintlich entstellten Körperstelle vermeiden. Ein klares Merkmal von Dysmorphophobie ist die Zwanghaftigkeit: Ihnen ist es nicht möglich, von ihrem Körper abzulassen – sowohl auf der Gedanken- als auch auf der Verhaltensebene.

Wer mehrere dieser Symptome mit „Ja“ beantworten kann, leidet vermutlich an einer Dysmorphophobie. Für die genaue Diagnose ist es unerlässlich, die Symptome ärztlich abklären zu lassen.

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Dysmorphophobie: Therapie und Behandlung

Betroffene neigen dazu, sich beruflich und privat immer weiter zurückzuziehen. Viele suchen sich keine psychotherapeutische Hilfe, sondern wenden sich eher an Dermatolog:innen oder Schönheitschirurgen, um ihre vermeintlichen Makel zu beheben. Wenn die Krankheit nicht psychotherapeutisch behandelt wird, nimmt sie häufig einen chronischen Verlauf – und kann tödlich mit Suizid enden.

Erste Anlaufstelle kann der:die Hausärzt:in oder ein:e Psychiater:in sein. Im nächsten Schritt sollte eine kognitive Verhaltenstherapie angestrebt werden, die individuell auf die betroffene Person zugeschnitten ist und ambulant oder stationär durchgeführt werden kann.

Das Ziel einer Therapie ist es, negative Denk- und Verhaltensmuster sowie die eigene Körperwahrnehmung zu hinterfragen, zu verändern und wieder positiver zu besetzen. Grundlegend ist, die genauen Ursachen im Laufe der Therapie herauszufinden – denn hinter dem verzerrten Körperbild stecken oftmals tieferliegende Probleme. Ein weiteres Ziel ist es, Ängste – zum Beispiel davor, in der Öffentlichkeit von anderen Menschen verurteilt zu werden – mittels bestimmter Übungen aus der Verhaltenstherapie zu reduzieren.

Medikamente können die psychotherapeutische Behandlung ergänzend unterstützen. Oftmals werden Antidepressiva eingesetzt, sogenannte selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI).

Wer sich bei einer Dysmorphophobie frühzeitig Hilfe holt, hat gute Aussichten auf eine erfolgreiche Therapie.

Quellen:

Körperdysmorphe Störungen: Der eingebildete Mangel, in: aerzteblatt.de

Salge, H. (2011). Dysmorphophobie. Aktuelle Dermatologie, 37(12), 458-460.

Jakubietz, M., Jakubietz, R., & Grünert, J. (2007). Body dysmorphic disorder-dysmorphophobie. Zentralblatt für Chirurgie, 132(01), 38-43.

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