Ich finde Dich netter, als du denkst

Verena Elson Medizinredakteurin

Es gibt eine Situation, in der wir alle zur Selbstunterschätzung neigen: Wenn wir das erste Mal mit einem uns unbekannten Menschen zusammentreffen. Dann hinterlassen wir meist einen besseren Eindruck, als wir annehmen, wie US-Forscher jetzt in einer Studie zeigen.

Intensiver Blickkontakt, Lächeln: Wir neigen dazu, solche Signale der Sympathie zu übersehen
Intensiver Blickkontakt, Lächeln: Wir neigen dazu, solche Signale der Sympathie zu übersehen © Rawpixel/iStock

Gehören Sie auch zu den Menschen, die intelligenter sind als ihr Umfeld, besser Auto fahren können als ihre Mitmenschen und härter arbeiten als ihre Kollegen? Dann geht es Ihnen, wie den meisten von uns – denn Studien zeigen, dass wir in kaum einer Fertigkeit so kollektiv versagen wie in der, uns selbst einzuschätzen.

Die Selbsteinschätzung kann besser oder schlechter ausfallen als die Realität – meist korrigieren wir unsere Fähigkeiten in unserer Selbstwahrnehmung aber eher nach oben. So gibt es wohl wenige Menschen, die sich selbst für unterdurchschnittlich intelligent, unmotiviert im Job und eine Zumutung im Straßenverkehr halten. Doch es scheint eine Situation zu geben, in der die meisten sich selbst unterschätzen: Wenn zwei Menschen zum ersten Mal aufeinandertreffen.

„Unsere Forschung zeigt, dass es viel schwieriger ist, als man sich vorstellen kann, richtig einzuschätzen, wie sehr uns ein neuer Gesprächspartner mag – obwohl das ein wesentlicher Teil des sozialen Lebens ist und etwas, worin wir reichlich Übung haben“ erklären Erica Boothby von der Cornell University in Ithaca (New York) und Gus Cooney von der Harvard University in Cambridge (Massachusetts).

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Liking gap – wir merken nicht, wie sehr andere uns mögen

Sie sind Erstautoren einer aktuellen Studie zum sogenannten liking gap – also der Diskrepanz zwischen dem Eindruck, den wir unserer Einschätzung nach bei anderen hinterlassen, und dem Bild, das unser Gegenüber sich tatsächlich von uns macht.

Um dem Phänomen auf den Grund zu gehen, führten die Forscher ein Experiment durch. Dazu ließen sie jeweils zwei einander unbekannte Personen eine Unterhaltung führen – aufbauend auf typische Eisbrecher-Fragen, etwa nach dem Herkunftsort oder den Hobbys. Anschließend sollten die Teilnehmer beantworten, wie sehr sie ihr Gegenüber mochten und wie sie die Sympathie des Gesprächspartners ihnen gegenüber einstuften.

Die Auswertung ergab: Im Schnitt stuften die Probanden ihre Sympathie für ihr Gegenüber höher ein als die Sympathie ihres Gesprächspartners ihnen gegenüber. Videoaufzeichnungen von den Gesprächen zeigten außerdem, dass die Teilnehmer nonverbale Signale des Interesses und des Wohlwollens ihrer Gesprächspartner nicht wahrnahmen.  

„Sie scheinen zu sehr gefangen zu sein in ihren eigenen Sorgen darüber, was sie sagen sollten oder gesagt haben, um Signale der Zuneigung von anderen zu sehen – Signale, die Beobachtern des Gesprächs sofort ins Auge fallen“, erklärt Co-Autorin Margaret Clark von der Yale University in New Haven (Connecticut).

 

So merke ich, dass mein Gegenüber mich mag

Doch wie sehen solche „Signale der Zuneigung“ eigentlich aus? Ein bekanntes Beispiel ist das Spiegeln der Körperhaltung: Wir neigen dazu, eine ähnliche Haltung einzunehmen wie die Menschen, die uns sympathisch sind. Weitere Zeichen der Sympathie sind etwa eine offene Körperhaltung (keine verschränkten Arme), häufiges Lächeln und Blickkontakt – wer dieses Verhalten bei seinem Gegenüber beobachtet, kann sich sicher sein, einen guten Eindruck hinterlassen zu haben.

Quellen:
Zell, Ethan, and Zlatan Krizan (2014): Do people have insight into their abilities? A metasynthesis, in: Perspectives on Psychological Science.

Boothby, Erica J., et al. (2018): The Liking Gap in Conversations: Do People Like Us More Than We Think?, in: Psychological science.

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