"Direkt nach der Operation ließen die Epilepsie-Anfälle nach!"

Medikamente konnten Gabriele Sajuns Epilepsie nicht stoppen – ein Hirnschrittmacher schon
Medikamente konnten Gabriele Sajuns Epilepsie nicht stoppen – ein Hirnschrittmacher schon © Fotolia

Es begann vor einigen Jahren. Gabriele Sajuns konnte sich an das, was sie gesagt hatte, nicht mehr erinnern. Viele Arztbesuche und Untersuchungen später stellte man Epilepsie bei ihr fest. Professor Dr. Alireza Gharabaghi half ihr, einen Weg aus der Krankheit zu finden.

Manchmal wirkt die 47-Jährige mitten im Gespräch kurz abwesend. "Entschuldigung, ich weiß die Frage nicht mehr", sagt Gabriele Sajuns aus Nürtingen bei Stuttgart. Dies ist typisch für die Form der Epilepsie, unter der sie leidet. Nicht selten waren es 14 Anfälle in 48 Stunden. An ein normales Leben war nicht zu denken.

 

Medikamente wirkten nicht

"Es begann vor einigen Jahren. Mein Mann fragte mich immer öfter, was ich für ein dummes Zeug rede", erinnert sie sich. Immer häufiger konnte sich Gabriele Sajuns an das Gesagte nicht erinnern. Sie suchte einen Arzt auf, der sie zum Neurologen überwies. Nach eingehender Untersuchung stellte er Epilepsie bei Gabriele Sajuns fest. "Das war ein totaler Schock für mich", sagt Gabriele Sajuns. Die Medikamente, die sie erhielt, lösten Allergien aus oder blieben wirkungslos.

Drei Fragen an Prof. Dr. Alireza Gharabaghi, Leitender Oberarzt und Leiter des Bereichs Funktionelle und Restaurative Neurochirurgie Universitätsklinikum Tübingen

Mit welchen Medikamenten wird Epilepsie behandelt?

"Rund die Hälfte der medikamentös behandelten Epileptiker werden durch das erste verordnete Präparat – ein sogenanntes Antikonvulsivum – anfallsfrei. Ist eine Umstellung auf ein anderes Präparat notwendig, sinken die Chancen auf Anfallsfreiheit leider deutlich."

Welche Operationsmöglichkeiten gibt es?

"In der Regel wird das anfallsauslösende Hirngewebe beseitigt. Doch häufig ist das nicht möglich, weil die von einem Anfall betroffenen Areale so bedeutsam sind. Für Patienten, bei denen weder Medikamente noch operative Verfahren zur Besserung führen, steht uns nun die Tiefe Hirnstimulation zur Verfügung, die von den Kassen übernommen wird."

Wie funktioniert die Tiefe Hirnstimulation?

"Implantiert werden dünne Drähte, die Elektroden. Sie senden winzige elektrische Signale an eine bestimmte Hirnregion und verhindern so, dass die Nervenzellen alle gleichzeitig Signale abfeuern. Bei der Einführung der Elektroden kommt es zu keiner wesentlichen Verletzung von Hirngewebe, darüber hinaus kann die Stimulation später angepasst oder gar ausgeschaltet werden."
 

Fester Wille ist nötig

"Manchmal verlor ich den Mut. Aber mein Mann und meine Familie haben mich immer unterstützt", sagt Gabriele Sajuns. Ihren Beruf als Eisenbahntransport-Facharbeiterin musste sie aufgeben. Und ihr Zustand verschlechterte sich weiter. Auch die Behandlung mit Stromimpulsen (Vagus-Nerv-Stimulation), blieb bei der tapferen Patientin erfolglos. "Man braucht einen sehr festen Willen, um mit Epilepsie zu leben", sagt sie.

 

Schrittmacher gibt Hoffnung

Schließlich hörte Gabriele Sajuns von einer neuen Behandlungsmöglichkeit bei Epilepsie: dem Hirnschrittmacher. Als deutschlandweit erster Epilepsie-Patientin wurde ihr von Professor Dr. Alireza Gharabaghi, Leitender Oberarzt und Leiter des Bereichs Funktionelle und Restaurative Neurochirurgie Universitätsklinikum Tübingen, ein Hirnschrittmacher eingesetzt. "Ich konnte mein Glück kaum fassen: Direkt nach der Operation ließen die Anfälle schon nach!", ist sie begeistert und blickt zuversichtlich in die Zukunft: "Jetzt hoffe ich, dass ich bald auch wieder arbeiten kann!"

 

Ursachen der Epilepsie

Die Ursache der Epilepsie sind gleichzeitige Entladungen gleich mehrerer Gruppen von Nervenzellen im Gehirn. Diese führen zu einem spontanen Krampfanfall. Epilepsie ist die häufigste chronische Gehirnerkrankung weltweit. In Deutschland leiden rund 400 000 bis 800 000 Menschen an Epilepsie. Geht der Anfall von einer fest umschriebenen Region des Gehirns aus, spricht man von fokalen Anfällen. Oftmals kündigt sich ein solcher Anfall durch Kribbeln, Taubheit oder Halluzinationen an. Sogenannte "generalisierte Anfälle" dagegen kommen oft ohne Vorwarnung. Nicht immer verliert der Erkrankte während des Anfalls sein Bewusstsein. Der Körper erholt sich erst nach einigen Stunden vollständig davon. Die Tiefe Hirnstimulation ist für Patienten zugelassen, die an fokaler Epilepsie leiden und bei denen andere Therapien nicht helfen.

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