Digitale Medizin: Was bringt uns das?

Carolin Banser
Smartphone-App
Facharztbesuche per Videoschaltung, Online-Überwachung für Herzpatienten, Fitnessdaten auf dem Smartphone oder Gesundheitsberatung im Netz: Digitalisierung ist aus der Medizin nicht mehr wegzudenken © Fotolia

In der Medizin werden inzwischen zahlreiche Daten digital erhoben und gespeichert. Das bietet große Chancen, zieht aber auch Risiken nach sich.

 

Vor- und Nachteile der elektronischen Krankenakte

Selbst-Tests, Fitness-Tracker oder Gesundheits-Apps: Die Zukunft der Medizin ist digital. Überlebenswichtige Informationen wie vorhandene Allergien oder Arzneimittelunverträglichkeiten, notfallrelevante Medikamente sowie bis zu 20 Diagnosen des Hausarztes und Fremdbefunde sollen ab 2018 auf der elektronischen Gesundheitskarte hinterlegt werden. Das führt in erster Linie zu einer besseren Versorgungsqualität. So ist z.B. im Notfall ein schneller Überblick über den persönlichen Gesundheitsstatus möglich, können unnötige Doppeluntersuchungen besser vermieden werden und so haben Sie einen besseren Überblick über medizinische Leistungen.

Dank des neuen E-Health-Gesetzes erhalten Patienten einen Anspruch darauf, dass ihre mittels Gesundheitskarte gespeicherten Daten in ihr Patientenfach aufgenommen werden. Dort können eigene Angaben wie ein Patiententagebuch über Blutzuckermessungen oder Daten von Minicomputern und Fitnessarmbändern gespeichert werden. Vor allem diese Überwachung ist das, was viele verunsichert. Die Vorstellung vom gläsernen Mensch macht Angst. Wer erfährt jetzt, welche Krankheiten und gesundheitlichen Probleme ich habe? Oder welche Medikamente ich einnehme? Daten, die mit der neuen Krankenakte offengelegt werden.

 

Können auch Dritte, z.B. Arbeitgeber, die Daten lesen oder weitergeben?

Viele Arbeitnehmer befürchten, dass der Arbeitgeber Einsicht in die Krankenakte erhält und damit nachverfolgen kann, ob und wie oft der Angestellte krank ist. Diese Angst ist jedoch unbegründet. Ein Arbeitgeber darf die Gesundheitsdaten eines Arbeitnehmers oder Bewerbers nicht sehen. Auf die Daten der Gesundheitskarte darf niemand zugreifen, der nicht berechtigt ist. Einen Zugriff auf die gespeicherten Daten hat damit nur, wer vom Versicherten die Erlaubnis dazu bekommt und über eine Zugriffsberechtigung in Form eines elektronischen Heilberufsausweises verfügt. Das sind in erster Linie Ärzte und Apotheker.

 

TK erprobt Online-Sprechstunde

Eine andere Angst ist die vor einer gleichgültigen Medizin, die nur auf Zahlen baut und den Menschen dahinter vergisst. In der Arzt und Betroffener nur per Video kommunizieren anstatt persönlich. Wie das Ärzteblatt berichtet, testete die Techniker Krankenkasse (TK) bereits die Online-Sprechstunde per Videochat gemeinsam mit einer Gruppe von Dermatologen.

Elektronische Gesundheitskarte
Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) ersetzt schrittweise die Versichertenkarte in Deutschland© alamy
 

Welche technischen Voraussetzungen müssen für die Online-Sprechstunde erfüllt sein?

Für die Video-Sprechstunde benötigen Patienten ein internetfähiges Gerät, das über eine Kamera, ein Mikrofon und einen Lautsprecher verfügt. Bei dem Gerät kann es sich um einen Computer,  ein Tablet oder ein Smartphone handeln. Voraussetzung für die digitale Medizin sind außerdem leistungsfähige Internetanschlüsse (mit Übertragungsraten von 50 MBit/s).

 

Wie funktioniert die Online-Videosprechstunde?

Arzt und Patient vereinbaren dazu im Internet einen Termin für die Online-Videosprechstunde. Zum vereinbarten Termin loggt sich der Betroffene mit seinen Zugangsdaten auf einer Plattform ein und gelangt dann in ein virtuelles Wartezimmer seines Arztes. Wenn der Termin direkt in der Praxis vereinbart wird, wird dem Patient eine Termin-TAN zugewiesen. Zum vereinbarten Termin loggt sich der User mit seiner Termin-TAN ein und wird ebenfalls in das virtuelle Wartezimmer seines Arztes weitergeleitet. Der Arzt sieht nun, welche Patienten im virtuellen Wartezimmer sitzen und startet das Gespräch. Auf dem Bildschirm von Arzt und Patient läuft ein 10-sekündiger Countdown ab, bevor die Bild- und Tonübertragung beginnt. Nach der Videosprechstunde können beide Gesprächsteilnehmer unabhängig voneinander die Verbindung beenden.

 

Wird der Datenschutz gesichert?

Ziel ist, die Datenübertragung während der Video-Sprechstunde durch eine aufwendige SSL-Verschlüsselung zu sichern, die den höchsten Sicherheitsstandards entspricht. Weder das Gespräch noch die gesendeten Dateien werden dabei aufgezeichnet oder gespeichert.

Mit einer sogenannten Peer-to-Peer Verbindung ( das heißt, die Kommunikation läuft nicht über den Umweg eines Fremdservers, über den Daten abgefangen werden können) stellen Praxen zudem sicher, dass die Online-Sprechstunde zwischen Arzt und Patient abhörsicher vonstatten geht.

 

Viele überwachen ihren Körper per Smartphone

Laut einem Bericht der Ärztezeitung möchte am liebsten jeder zweite online mit seinem Arzt kommunizieren, jeder dritte seine Gesundheit sogar online managen. Immer mehr Menschen liefern die nötigen Daten dafür selbst und geben ambitioniert die Werte ihres Körpers an Smartphone, Smartwatch und Tablet weiter. Die Geräte registrieren wie fit der User ist, wie viele Schritte er täglich zurücklegt, wie sein Herz schlägt, wie viel Stunden Schlaf er bekommt. Die Tools und Gadgets sollen dazu motivieren, sich mehr zu bewegen oder bewusster zu ernähren. Bestimmte Apps können User sogar bei der Kontrolle Ihres Typ-2-Diabetes unterstützen, sie vor einem Herzinfarkt warnen oder den Pollenflug vorhersagen. Gesundheitsdaten werden aber nicht nur über soziale Apps, sondern auch über soziale Netzwerke oder Online-Patiententagebücher gesammelt. Gleichzeitig steigen die Möglichkeiten, solche Daten schnell und effektiv zu analysieren und sie mit anderen Daten, etwa zum Einkaufsverhalten, zu verknüpfen.

Online-Sprechstunde
Statt persönlich beim Arzt zu erscheinen, soll es bald für alle Patienten möglich sein, Beschwerden einfach via Online-Video-Sprechstunden abklären zu lassen© Fotolia
 

Big Data in der Medizin – Was bringt mir das?

Die Erfassung, Speicherung, Verknüpfung und Analyse dieser Datenmenge wird als Big Data bezeichnet. Big Data bietet einen neuen Ansatz, komplexe Phänomene zu untersuchen. Durch diese Ansammlung von Daten kann neues Wissen zu Krankheitsentstehung, Diagnose und Vorbeugung hervorgebracht werden. Die Geräte sollen die Daten aber nicht nur liefern, sondern Aufgaben der Ärzte übernehmen. Implantierte Geräte, die laufend den Blutzucker messen und automatisch Insulin abgeben. Apps, die Diagnosen stellen, Melanome erkennen, eine Tabletten-Erinnerung senden oder vor Wechselwirkungen warnen.

 

Der Patient als Individuum

Die digitale Medizin soll damit das Idealbild einer „personalisierten Medizin“ darstellen, also Behandlungen anstreben, die exakt auf die biologischen Merkmale eines Patienten zugeschnitten sind. In der mögliche Nebenwirkungen individuell vorhergesagt werden können und eine bessere Vorsorge möglich wird, weil jeder über seine Risikofaktoren Bescheid weiß. Jeder Mensch ist anders. Das heißt: Ein bestimmtes Medikament kann zwar dem einen Patienten das Leben retten, während es bei einem anderen Patienten, der an derselben Krankheit leidet, nur schwach oder gar nicht wirkt. Ärzte sind deshalb auf individuelle Gesundheitsdaten angewiesen: Je mehr Informationen sie bekommen, desto besser können sie maßgeschneiderte Therapien entwickeln. Und das wiederum bedeutet bessere Heilungschancen für jeden von uns.

Für die digitale Medizin ist es daher von großer Bedeutung, welche Gesundheitsdaten jeder Einzelne selbst erhebt. Das kommt vor allem der Prävention zugute: Wir müssen nicht mehr zum Arzt gehen, weil wir Beschwerden haben. Vielmehr wurden die Gesundheitsprobleme schon vor ihrem Entstehen erkannt und mithilfe der richtigen Ernährung, durch Sport oder bestimmte Medikamente behoben. Und das alles auf Grundlage von Daten, die wir tagtäglich selbst mit unseren Tools und Gadgets sammeln und an die Praxis schicken. Während wir für die Datenerhebung früher noch von Ärzten abhängig waren, verfügen wir zukünftig selbst über die entscheidende Menge an Daten.

Durch die permanente Datenübertragung verändert sich auch der Ort, an dem eine medizinische Behandlung erfolgt. Mit den passenden Gadgets können wir uns an jedem Ort über unseren Gesundheitszustand informieren. Jeder fünfte Deutsche hat einer Studie zufolge eine Gesundheits- oder Medizin-App auf seinem Smartphone installiert.

 

Welche Apps sind vertrauenswürdig?

Solche mobile Applikationen erfreuen sich großer Beliebtheit. Allerdings gibt es vermehrt Anwendungen, die heimlich den GPS-Standort, die Gerätenummer und die SIM-Kartennummer an Dritte weitergeben. Viele Nutzer stellen sich daher die Frage, welchen Smartphone-Apps sie vertrauen können. Egal, woher Sie die App beziehen, Sie sollten diese stets auf Schadsoftware prüfen und auf Ihrem Smartphone spezielle Sicherheitsprodukte betreiben, wie z.B. einen mobilen Anti-Malware-Schutz und eine mobile Firewall.

Smartphone-App
Viele Patienten halten sich mit Apps fürs Smartphone fit oder überwachen auf diesem Weg ihre Gesundheit© Fotolia
 

Eine Signatur ist keine Garantie

Es gibt Apps, die mit einem digitalen Zertifikat bestätigt wurden. Doch trotz Signatur können Sie nicht annehmen, von dieser Anwendung gehe keine Gefahr aus. Datendiebe können digitale Zertifikate stehlen und dazu missbrauchen, Schadprogramme als echte Software zu tarnen. Inzwischen werden Apps daher auch extern zertifiziert  und mit einem Prüfsiegel markiert (z.B. von TRUSTe). Das Siegel soll datenschutzfreundliche Apps bei Smartphones kennzeichnen. Aufgrund der hohen Kosten ist jedoch anzunehmen, dass die meisten Smartphone-Apps ohne ein solches Zertifikat auf den Markt kommen. Die TÜV Rheinland hat daher eine eigene Internetseite ins Leben gerufen, die bedenkenlos verwendbare Apps auflistet. Hier können Sie die kostenlose Datenbank erreichen.

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