Diese Wirkung von Paracetamol kannten wir noch nicht

Verena Elson

Paracetamol lindert nicht nur Schmerzen – auch auf unser Gefühlsleben kann das Schmerzmittel betäubend wirken. Eine aktuelle Studie zeigt: Wer Paracetamol eingenommen hat, zeigt weniger Mitgefühl für seine Mitmenschen.

Ein Mann hat kein Mitgefühl für seine weinende Freundin
Paracetamol mindert unsere Fähigkeit zur Empathie Foto:  AntonioGuillem/iStock

Wenn wir sehen, wie ein anderer Mensch Schmerzen erleidet, kann uns das selbst einen Stich versetzen und wir verziehen das Gesicht, als würden die Schmerzen in Wahrheit uns zugefügt. Doch was passiert in einer solchen Situation, wenn wir als Mitfühlende zuvor ein Schmerzmittel eingenommen haben? Betäubt etwa Paracetamol die Empathie genauso, wie es die Schmerzen betäubt?

In ihrer Studie zur Wirkung von Paracetamol auf die Empathiefähigkeit gingen Forscher der Ohio State University dieser Frage nach. Dazu rekrutierten sie 114 Probanden – der Hälfte davon gaben sie 1.000 Milligramm Paracetamol, die andere Hälfte bekam ein Placebo. Eine Stunde später wurden die Probanden gebeten, kurze Textpassagen über Menschen zu lesen, die positive, erbauliche Erfahrungen machten.

Anschließend sollten die Teilnehmer einstufen, wie positiv sie die geschilderten Ereignisse fanden und wie erfreulich sie ihrer Ansicht nach für die Personen in der Geschichte waren. Das Ergebnis entsprach den Erwartungen der Forscher: Die Probanden, die zuvor Paracetamol eingenommen hatten, empfanden deutlich weniger positives Mitgefühl als Studienteilnehmer, die kein Schmerzmittel eingenommen hatten.

Dieser Effekt tritt auch bei negativen Mitgefühlen auf, wie Wissenschaftler der Ohio State University 2016 in einer Studie zur Wirkung von Schmerzmitteln auf die Empathiefähigkeit herausfanden. Demnach lassen uns die Schmerzen anderer eher kalt, wenn wir zuvor Paracetamol oder ein anderes Schmerzmittel eingenommen haben.

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Paracetamol lässt uns Abfuhren und Liebeskummer leichter verkraften

Eine durch Schmerzmittel betäubte Gefühlswelt kann auch Vorteile haben, wie ein Forscherteam der University of Kentucky in einer 2010 veröffentlichten Studie zur psychischen Wirkung von Paracetamol zeigte: Demnach lindert der Schmerzsenker das unangenehme Gefühl, von anderen Menschen abgewiesen oder ausgegrenzt zu werden. 

Denselben Effekt haben Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen auf Liebeskummer und Einsamkeit, wie Wissenschaftler der University of California in Santa Barbara herausfanden. Ihre Metastudie zur Linderung psychischer Leiden mit rezeptfreien Schmerzmitteln erschien 2018 in der Fachzeitschrift „Policy Insights from the Behavioral and Brain Sciences“. Von einer dauerhaften Einnahme raten Mediziner jedoch dringend ab: Denn regelmäßig eingenommen kann Paracetamol schwerwiegende Nebenwirkungen haben.

Quellen:
Mischkowski, Dominik, Jennifer Crocker, and Baldwin M. Way (2019): A Social Analgesic? Acetaminophen (Paracetamol) Reduces Positive Empathy, in: Frontiers in Psychology.

Mischkowski, Dominik, Jennifer Crocker und Baldwin M. Way. (2016): From painkiller to empathy killer: acetaminophen (paracetamol) reduces empathy for pain, in: Social cognitive and affective neuroscience.

DeWall, C. Nathan, et al. (2010): Acetaminophen reduces social pain: Behavioral and neural evidence, in: Psychological science.

Ratner, Kyle G., Amanda R. Kaczmarek, and Youngki Hong. (2018): Can Over-the-Counter Pain Medications Influence Our Thoughts and Emotions?, in: Policy Insights from the Behavioral and Brain Sciences.

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