Diese App erkennt Autismus bei Kindern

Phyllis Kuhn Medizinredakteurin
Mutter und Sohn bei der Benutzung eines Tablets
Die App Play.Care soll Autismus bei Kindern identifizieren. © Alamy

Ein neues Tablet-Spiel soll ganz nebenbei erkennen, ob ein Kind an Autismus leidet.

Auch wenn viele durch Hollywood-Filme wie „Rain Man“ und „Das Mercury Puzzle“ glauben,  Symptome von Autismus sofort zu erkennen, zeigt sich die Entwicklungsstörung gerade bei Kindern nicht immer auf den ersten Blick. Stattdessen sind häufig langwierige psychologische und neurologische Tests notwendig, um herauszufinden, ob das Kind tatsächlich an der sogenannten Autismus-Spektrum-Störung leidet oder nur eine verzögerte Entwicklung der Grund für Verhaltensauffälligkeiten ist. Diese Auffälligkeiten betreffen meist eine gestörte soziale Interaktion mit Gleichaltrigen und der eigenen Familie aber auch stereotype Verhaltensweisen, die Vermeidung von Blickkontakt und den Zwang zu routinierten Alltagsabläufen. Allerdings treten diese Symptome nicht immer gesammelt auf und einzelne Verhaltensauffälligkeiten müssen nicht immer mit einer Entwicklungsstörung verbunden sein.

 

Motorische Muster als Marker für Autismus

Ein Forscherteam aus Polen und Schottland hat jetzt ein Tablet-Spiel für Kinder entwickelt, das vorhersagen soll, ob das Kind an einer Form von Autismus leidet. Dabei wurden bereits bestehende Spiele für Ipads adaptiert und für einen Autismus-Test umgewandelt. In der im Magazin Scientific Report veröffentlichten Studie schreiben die Wissenschaftler, dass sie als Indikator für eine Entwicklungsstörung eingeschränkte motorische Fähigkeiten ausgewählt haben. Das ist ungewöhnlich, da für bisherige Tests auf eine Autismus-Störung meistens eher psychosoziale Komponenten ausgewertet werden. Die Forscher erklären ihre Messmethode damit, dass „neue Forschungsergebnisse darauf hindeuten, dass Störungen in der Zeiteinschätzung und Einordnung von Motorik eine Autismus-Diagnose begründen können, wodurch neue Potenziale in der Früherkennung der Störung durch Computer-Analyse entstehen“.

 

„Schnell, amüsant und kindgerecht“

In Zusammenarbeit mit dem Start-Up-Unternehmen Harimata wurde dann das Tablet-Spiel "Play.Care" entwickelt, das durch spielerisches Abfragen motorischer Fähigkeiten Autismus erkennen soll. „Unser Ziel war es, einen Test zu entwickeln, der schnell, amüsant und kindgerecht ist“,  erläutert Anna Anzulewicz, Forschungsleiterin bei Harimata. „iPad-basierte Spiele schienen dafür perfekt zu sein, die Geräte sind mit starken Sensoren ausgestattet welche uns erlauben, die Dynamiken, während das Kind spielt, präzise auszuwerten“.

 

Interaktive Eichhörnchen und Früchte führen zur Diagnose

Als Spiele wurden die bereits bestehenden Tablett-Spiele „Sharing“ und „Creativity“ ausgewählt. Im ersten Spiel müssen interaktive Früchte und antippen ausgewählt, halbiert und auf verschiedene Teller verteilt werden. Dabei ist eine besondere Exaktheit bei der Berührung des sensiblen Displays erforderlich. Im Spiel „Creativity“ muss die Schablone einer Form, etwa eines Eichhörnchens, durch Antippen ausgewählt und ausgemalt werden. Beide Testspiele nutzen als Mess-Parameter den ausgeübten Druck auf das Display, die Geschwindigkeit und Exaktheit bei der Auswahl von Objekten. Anschließend werden die erhobenen Daten von einem lernfähigen Algorithmus ausgewertet. „Es sind keine sozialen, emotionalen oder kognitiven Aspekte des Spielens, die wir zur Identifizierung von Autismus nutzen“, erklärt Jonathan Delafield-Butt, Autor der Studie. „Als Schlüssel-Identifikator wählten wir die Art, wie Kinder mit Autismus ihre Hände bewegen, während sie im Laufe des Spiels das iPad-Display antippten, darüber wischten und Gesten ausführten“.

 

93-prozentige Trefferquote

In der Studie testeten die Forscher das Spiel an 82 Kindern, bei denen 37 bereits eine Autismus-Diagnose erhalten hatten. Dabei erkannte die App basierend auf den motorischen Spiel-Mustern der Kinder mit einer 93-prozentigen Trefferquote Kinder mit Autismus. „Das ist ein größerer Durchbruch in der Früherkennung von Autismus, schätzt Delafield-Butt. „Dieser neue Spiel-Test erlaubt uns eine preiswerte, schnelle und spaßmachende Option, Kinder auf Autismus zu testen. Allerdings müssen wir noch weiter an der App forschen, um unsere Ergebnisse zu verifizieren und die Grenzen des Spiels auszuloten“.

Interessierte Nutzer können sich auf der Internetseite des Start-Ups Harimata bereits Informationen zu dem Spiel ansehen. Eine Version des Spiels ist außerdem als Download für iOS-basierte Tablets als Download verfügbar.

Hamburg, 02. September 2016

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