Die unterbewusste Manipulation des Ichs

Manipulation des Ichs
Das unterbewusste Denken des Menschen ist wie eine Hintertür in seinen Kopf. Auf diese Weise wird jede wahrgenommene Information zu einer fernsteuernden Manipulation des menschlichen Willens © Fotolia

Ein Großteil der menschlichen Kognition verläuft unbewusst. Das Unterbewusstsein ist für den Menschen so wichtig, dass es allen bewussten Entscheidungen als Abwägungsebene vorgelagert ist. Doch ist es auch eine Art Hintertür, die den Menschen anfällig für Manipulationen macht, denn jede noch so kleine unterbewusst wahrgenommene Information manipuliert bewusste Gedankengänge des Gehirns. Wie leicht das menschliche Gehirn auf diese Weise unterbewusst ‚ferngesteuert’ werden kann, zeigt Ihnen Praxisvita in einigen spannenden Beispielen.

Das menschliche Bewusstsein kommt schnell an seine Auslastungsgrenzen. Und da der Mensch deswegen nicht in der Lage ist alle – für die eigene und die Erhaltung seiner Art existentiellen ­– kognitiven Aufgaben und Herausforderungen bewusst zu erledigen, laufen viele dieser Tasks im Unterbewusstsein ab. Neurologen gehen heute sogar davon aus, dass die unterbewusste Verarbeitung von Informationen der bewussten vorgelagert ist. Ob zum Beispiel bei der Erkennung potentieller Gefahren, der Identifizierung möglicher Sexualpartner oder der Wahrnehmung erreichbarer Nahrungsangebote – im menschlichen Gehirn werden ständig und unmittelbar unterbewusste Informationen verarbeitet.

Doch haben zahlreiche wissenschaftliche Studien in den letzten Jahren belegen können, dass unterbewusste Gehirnaktivitäten nicht nur wichtige Funktionen der menschlichen Existenz steuern oder einen Menschen schon fliehen lassen, bevor er bewusst darüber nachdenkt, ob eine Gefahr besteht. Das Unterbewusstsein ist so etwas wie das Hintertürchen zu unserem Gehirn. Jeder unterbewusste Vorgang manipuliert die bewusste Entscheidungs- und Beurteilungsfähigkeit des Menschen. Es sind also vor allem unterbewusste Denkvorgänge, die den Menschen ‚manipulierbar’ machen und sich über bewusste Willensvorgänge hinwegsetzen.

John Bargh – Psychologie-Professor an der Yale Universität – sagt zum Thema der Manipulation, dass „wir Menschen über ein unbewusstes Steuerungssystem verfügen, das uns tagtäglich ständig mit Vorschlägen darüber versorgt, was als nächstes passieren könnte.“ Das Gehirn würde diese Vorschläge schließlich unterbewusst abwägen und danach handeln, noch bevor eine bewusste Wahrnehmung entsteht. Manchmal – so sagt der Forscher – „sind diese Ziele übereinstimmend mit unseren bewussten Absichten und manchmal sind sie es eben nicht."

Praxisvita hat für Sie eine Reihe interessanter wissenschaftlicher Studien und Versuche zusammengestellt, die Ihnen zeigen, wie manipulierbar unser Gehirn tatsächlich ist.

 

Augen an der Wand

Selbst unscheinbare Details in unserer Umgebung können unser Verhalten extrem beeinflussen. Deutlich machte dies vor Kurzem ein Experiment der Psychologischen Fakultät der Universität von Newcastle. Die Forscher hängten über der hauseigenen Kaffeekasse zehn Wochen lang Bilder mit unterschiedlichen Motiven auf. Neben Blumenbildern pinnten die Wissenschaftler auch Bilder von menschlichen Augenpaaren an die Wand. Durchschnittlich kam während des Zeitraums mit ‚den Augen an der Wand’ 300 Prozent mehr Geld in die Kaffeekasse als in Wochen mit anderen Motiven. Mittlerweile wird das Prinzip an vielen Radstationen und Parkplätzen angewendet. Auch hier überwachen „Augen-Poster" die Ehrlichkeit der Menschen. Nach einer Studie senkte die Plakat-Aktion die Diebstahlquote um durchschnittlich rund 60 Prozent. Diese Manipulationstechnik wird jedoch auch missbraucht. So hängen in vielen totalitären Staaten die Porträts der jeweiligen Diktatoren in Büroräumen, Universitäten und Schulen, um den Menschen das Gefühl zu geben, sie würden ununterbrochen überwacht.

 

Isolation sprengt den Verstand

„Alles, was wir wahrnehmen, wird zum Manipulator unseres Ichs“, erklärt der Harvard-Psychologe Daniel Kahneman. Aber was, wenn wir komplett von der Außenwelt abgeschnitten sind? Wenn wir plötzlich nichts mehr hören oder sehen können? Nur noch uns selbst. Genau diese Fragen stellte sich auch der Psychologe Ian Robbins. Er wagte ein Experiment, dessen Ergebnisse nicht nur in der Fachwelt eine besorgte Diskussion auslösten. Der Forscher isolierte Probanden – alle körperlich und geistig gesund – für 48 Stunden in einzelnen Zellen in einem Atomschutzbunker vom Rest der Welt.

Kein Geräusch, keine Stimme, kein Licht drang zu den Isolierten durch. Kameras hielten jeden Schritt der Teilnehmer fest. Was die Kameras aufzeichneten und wie schnell der menschliche Verstand manipuliert werden kann, war für die Forscher ebenso faszinierend wie unheimlich.

Schon nach den ersten Stunden begannen einige Teilnehmer zu weinen, später kamen schwere Halluzinationen hinzu: Die Probanden sahen Schlangen oder fühlten sich von Kampfflugzeugen bedroht. „Unser Gehirn ist es gewohnt, ständig Informationen zu verarbeiten“, erklärt Ian Robbins das Phänomen, „fällt diese Informationszufuhr aus, beginnt es, Sinneseindrücke zu erfinden.“

Maus vergasen lassen
Viele Menschen lassen sich ziemlich ‚billig’ beeinflussen. Eine deutsche Studie zeigte, dass beinahe jeder Zweite für zehn Euro eine Maus vergasen lassen würde© Fotolia
 

Bestochene Moral

Oft genügt ein kleiner Impuls von außen, um unseren Willen zu manipulieren. Wie schnell so etwas passieren kann, das bewiesen im Jahr 2013 die Forscher Armin Falk von der Universität Bonn und Nora Szech vom Karlsruher Institut für Technologie. 120 Teilnehmer eines Experiments wurden Besitzer von je einer gesunden Maus mit einer Lebenserwartung von zwei Jahren. Im Anschluss wurde ein Film gezeigt, in dem eine Maus vergast wird. Dann wurden sie gefragt, ob sie bereit wären, das Leben ihrer Maus zu opfern, wenn sie dafür zehn Euro bekämen. Das erschreckende Ergebnis: 46 Prozent der Teilnehmer ließen ihre Maus für zehn Euro sterben. 54 Prozent lehnten das Geschäft ab.

 

Blinder Gehorsam

Sie glauben, dass niemand Sie dazu bringen kann, einen anderen Menschen zu verletzen. Aber was, wenn Sie gar nicht bemerken, dass Sie manipuliert werden? Jerry Burger von der Santa Clara University in Kalifornien wollte genau das herausfinden. Er erklärte seinen 70 Teilnehmern, dass er die Auswirkung von Strafen auf das Lernen untersuchen wolle. Tatsächlich jedoch handelte es sich bei seinem Laborversuch um die Neuauflage des Milgram-Experiments. Bei diesem Versuch vor gut 50 Jahren forderte der Psychologe Stanley Milgram seine Teilnehmer auf, andere Teilnehmer mit Stromstößen zu bestrafen, wenn diese die Fragen nicht beantworten konnten. Was sie nicht ahnten: Die Befragten waren Schauspieler, die Stromschläge nicht echt.

Das Ergebnis versetzte der Wissenschaft einen Schock. Aber was hat sich seitdem geändert? Jerry Burger wagte nun erneut den Versuch. Sind Menschen auch heute noch so gehorsam und willenlos wie vor 50 Jahren? Die Antwort sorgte selbst bei dem Versuchsleiter für ungläubiges Staunen. Waren es beim Milgram-Experiment vor etwa 50 Jahren noch 65 Prozent aller Teilnehmer, die auf Befehl ihrem Gegenüber mehrere vermeintliche Stromstöße bis zu 450 Volt verpassten, sind es heute 75 Prozent. Das Fazit des Studienleiters Jerry Burger: Der Gehorsam hat sogar noch zugenommen.

unbegründete Paranoia
Forscher belegten, dass sich im Versuch jeder Dritte Erwachsene durch unterbewusste Reize in die Paranoia treiben ließ, obwohl es dafür keine rationalen Gründe gab© Fotolia
 

Verfolgungswahn

Paranoides Denken – also die Umdeutung von eigentlich neutralen Situationen in negative – manipuliert das Verhalten vieler Menschen. Das bewies der Londoner Psychologe Daniel Freeman mit einem Experiment, bei dem die Versuchsteilnehmer sich mithilfe einer Cyberbrille durch einen fahrenden U-Bahn-Waggon bewegten. Sie streiften dabei die Blicke der virtuellen Fahrgäste und hörten Gesprächsfetzen mit belangloser Konversation. Das Rattern des Zuges, die Stimmen der Fahrgäste – das alles schien die Teilnehmer zu manipulieren, obwohl sie sich der irrealen Situation bewusst waren. So zeigte das verblüffende Ergebnis: 40 Prozent derjenigen, die in der virtuellen U-Bahn saßen, fühlten sich beobachtet oder verfolgt – obwohl es dafür keinen Anlass gab. Bei einigen löste schon ein Lächeln einer virtuellen Person Misstrauen aus. Bisher hatte die Forschung nur Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen mit Verfolgungsängsten in Verbindung gebracht. „Jetzt wissen wir, dass gut ein Drittel der Gesamtbevölkerung regelmäßig Angstgedanken entwickelt“, sagt der Forscher abschließend.


Hamburg, 8. Mai 2014

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