Die Senioren-WG - Leben wie in einer Familie

Redaktion PraxisVITA
In der Senioren-WG leben die Bewohner wie in einer Familie zusammen
In der Senioren-WG leben die Bewohner wie in einer Familie zusammen © iStock Geber86

Immer mehr Pflegebedürftige ziehen in eine ambulant betreute Senioren-WG. Die Alternative zum klassischen Pflegeheim lässt mehr Raum für Individualität. Gerade Angehörige von Demenzkranken stoßen früher oder später an ihre Grenzen. In den familiären Wohngemeinschaften wissen sie ihre Lieben gut aufgehoben.

Gertrude frühstückt gerne spät um elf, in der Senioren-WG ist das möglich. Dann aber richtig, mit Ei, Wurst, Käse und einem Pott Kaffee. Sie lauscht dabei in der gemütlichen Wohnküche den Gesprächen ihrer Mitbewohner. Sie selbst spricht nicht mehr viel.

Renate sitzt bereits um sechs Uhr morgens in ihrem Bademantel in der Küche der Senioren-WG und schält Kartoffeln fürs Mittagessen. Das kann sie gut, es macht ihr Freude und beruhigt ihre verwirrte Seele. In der Kölner Senioren-WG, in der sie neben Gertrude ein Zimmer hat, stört das niemanden. Denn hier gibt es keine strengen Zeiten, die den Tagesablauf immer gleich regeln. Jeder der acht WG-Mitglieder, die alle unter Demenz leiden, darf nach seinem eigenen Rhythmus leben.

 

Wie funktioniert so eine betreute Senioren-WG?

„Es gehört zum Grundprinzip unserer betreuten Pflege-Wohngemeinschaften, dass Menschen mit Demenz selbstbestimmt, würdevoll und in einer vertrauten Häuslichkeit leben“, bestätigt Karl-Heinz Schulze, Bereichsleiter Pflege und Betreuung innerhalb der Ruhrwerkstatt. Die Ruhrwerkstatt betreut als Verein drei Pflege-Senioren-WGs in Mülheim und Oberhausen. Hier finden Menschen mit Demenz ein auf ihre Bedürfnisse angepasstes neues Zuhause in einer kleinen Senioren-Gemeinschaft – und 24-Stunden-Betreuung durch einen Pflegedienst. „Das Leben läuft für unsere Bewohner in für sie gewohnten Bahnen ab“, so Schulze. „Jeder hat ein mit persönlichen Dingen eingerichtetes Zimmer und kann sich im Alltag so weit einbringen, wie es seine Fähigkeiten noch zulassen.“

 

Dürfen auch Haustiere mit in die Senioren-WG?

Wer gerne malt, stellt sich seine Staffelei in der Senioren-WG auf, wer einen Kanarienvogel oder eine Katze besitzt, darf, wenn kein Mitbewohner etwas dagegen hat, mit seinem Haustier einziehen. Ein Wohnzimmer und natürlich eine Gemeinschaftsküche sind die zentralen Treffpunkte. „Wir backen fast jeden Tag gemeinsam. Das hat einen sehr positiven Effekt auf alle. Denn wer von uns verbindet nicht mit dem wunderbaren Duft nach frisch gebackenem Kuchen auch gleich schöne Erinnerungen?“, lacht Schulze.

Den Angehörigen der Senioren-WG-Bewohner tut es gut, sich mit Gleichgesinnten austauschen zu können
Den Angehörigen der Senioren-WG-Bewohner tut es gut, sich mit Gleichgesinnten austauschen zu können© iStock kupicoo
 

Das Konzept der Senioren-WG ermöglicht nötige Entlastung für Ehepartner

„Es war für mich sehr befreiend, dass ich meine Heidrun in guten Händen weiß“, gibt Norbert Müller offen zu. Der pensionierte Lehrer besucht seine 70-jährige Ehefrau täglich in der Pflege-Senioren-WG in Oberhausen. „Meine Frau erkrankte schon vor 16 Jahren an Alzheimer. Zunächst habe ich sie ja selbst zu Hause betreut, dann einen Pflegedienst kommen lassen.“ Doch irgendwann stieß er an seine Grenzen. „Heidrun einfach in einem großen Altenheim unterzubringen, war für mich keine Option. Die Pflegekräfte dort leisten gute Arbeit. Aber sie sind auch überlastet, wenn sie zu zweit 30 bis 35 Menschen pflegen müssen. Ich sagte mir, da verliert sich meine Heidrun noch mehr.“

 

Angehörige bestimmen in der Senioren-WG mit

Als er in der Zeitung von der betreuten Pflege-Senioren-WG der Ruhrwerkstatt las, schaute er sich das sofort an und ließ sich auf die Warteliste für einen freien Platz setzen. „Es sprach mich an, dass es sich hier um kleine Wohneinheiten mit acht Bewohnern handelt. Und dass wir als Angehörige stark mit einbezogen sind.“ Im Mai 2010 kam dann der Anruf: Herr Müller, wir haben ein Zimmer frei. „Meine Kinder sagten nur: Papa, mach das. Es ist das Beste für dich und für Heidrun.“ Bangen Herzens brachte er seine Frau am 1. Juni 2010 in ihr neues Zuhause – und war überrascht, wie schnell sie sich eingewöhnte. „Ich habe nie das Gefühl bekommen, dass sie traurig war.“
Was er besonders schätzt: „Die Pflegekräfte haben ja viel mehr Zeit für den Einzelnen, sie reagieren fast wie ein Angehöriger. Und ich kann meine Frau besuchen, wann immer ich möchte, Tag und Nacht.“

 

Eine Senioren-WG ermöglicht den Austausch mit Gleichgesinnten

Jeder Bewohner – falls er nicht mehr selbst bestimmen kann, sein Angehöriger – ist in der Senioren-WG Mieter eines Zimmers. Der Pflegedienst wird je nach Pflegebedürftigkeit individuell beauftragt, hat aber kein Mitbestimmungsrecht. Das liegt bei den Angehörigen. „So intensiv wie in der Pflege-WG könnte meine Frau in einem klassischen Pflegeheim gar nicht betreut werden.“ Was dem Oberhausener ebenfalls sehr entgegenkommt, ist der Austausch mit den anderen Angehörigen. „Es ist bisweilen schon traurig zu sehen, wie ein geliebter Mensch langsam ins Vergessen übergleitet. Und dann tut es mir gut, dass ich jemanden zum Reden habe, der mich versteht, weil es ihm ebenso geht.“

Norbert Müller ist von dem Konzept der betreuten Pflege-Senioren-WG so überzeugt, dass er nun auch einen Platz für seine an Demenz erkrankte 91-jährige Mutter Lore gesucht und gefunden hat. „Für mich ist es die optimale Möglichkeit der Betreuung. Ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich meine Frau oder meine Mutter besuche und dann wieder gehe.“

Auch persönliche Vorlieben und Hobbys können in die Senioren-WG eingebracht werden
Auch persönliche Vorlieben und Hobbys können in die Senioren-WG eingebracht werden© iStock CroMary
 


Die Senioren-WG bietet ein letztes Zuhause

Kostengünstiger als manch klassisches Altenheim ist diese Form der Pflege in der Senioren-WG oft auch. Die Miete richtet sich nach der Zimmergröße und Lage des Wohnhauses. Hinzu kommen die üblichen Nebenkosten für Strom, Heizung, Wasser. Eine feste Summe fließt in die Haushaltskasse für Lebensmittel und Dinge des täglichen Lebens. Und dann müssen die individuell benötigten Pflegeleistungen bezahlt werden – für die es aber Zuschüsse aus der gesetzlichen Pflegekasse gibt. Mal schließen sich Angehörige zusammen, um so eine WG zu gründen (siehe Checkliste), mal übertragen sie die Aufgabe einem Verein oder Träger. Mitspracherecht haben sie immer, je nach Modell ist aber auch viel Eigeninitiative gefordert.

„Natürlich kommt es auf den gesundheitlichen Zustand an, ob jemand für so eine betreute Pflege-Senioren-WG geeignet ist“, betont Schulze. „Menschen, die bereits bettlägerig sind, intensivste medizinische Betreuung benötigen, sind in dieser Wohnform nicht optimal aufgehoben.“ Was aber nicht bedeutet, dass man ausziehen muss, wenn man beim Einzug noch relativ mobil ist und später erkrankt. „Dann ist einfach der Pflegedienst gefragt, eine intensivere Pflege zu organisieren.“

 

Wird bei einer Senioren-WG darauf geachtet, dass die Bewohner zusammenpassen?

Viele, die einen dementen Angehörigen pflegen, kennen das: eine Neigung zu Wutausbrüchen, eine Weglauftendenz. „Bevor ein Zimmer neu vergeben wird, werden intensive Gespräche geführt – mit den Angehörigen, aber auch mit dem neuen potentiellen Mitbewohner. Da kann im Vorfeld schon abgeschätzt werden, wer zueinander passt. Was das Weglaufen betrifft, hat Karl-Heinz Schulze, der auch Pflegedozent für dementielle Patienten ist, diese Erfahrung: „Durch die familiäre, häusliche Atmosphäre und den engen Kontakt zu den anderen Mitbewohnern und dem Pflegepersonal ist die Weglauftendenz in diesen kleinen Wohneinheiten fast nicht vorhanden.“

In der Senioren-WG ist jeder Bewohner Mieter eines Zimmers, dass er persönlich gestalten kannIn der Senioren-WG ist jeder Bewohner Mieter eines Zimmers, dass er persönlich gestalten kann
In der Senioren-WG ist jeder Bewohner Mieter eines Zimmers, dass er persönlich gestalten kann© iStock Rpsycho

Auch das Bundesgesundheitsministerium hat erkannt, dass in dieser Wohnform eine Chance für die Zukunft liegt, und fördert diese mit Geldern. Wo Sie sich informieren können – der große Infoteil verrät, was Sie wissen sollten:

 

Checkliste für die Gründung einer ambulant betreuten Senioren-WG

  • Zusammentun:
    Für die Gemeinschaft müssen sich mindestens vier Personen zusammentun, damit sie die Zuschüsse der Pflegekassen gut nutzen können. Die künftigen Mitbewohner und die Angehörigen sollten zusammenpassen und ähnliche Vorstellungen haben
  • Informieren:
    Die gesetzlichen Regelungen für so eine Pflege-WG sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Daher sollten Sie sich erst einmal umfassend über Details informieren (Adressen siehe nächste Seite).
  • Planen:
    Erstellen Sie ein Konzept, wie das Senioren-WG-Leben gestaltet und finanziert werden soll. Das muss je nach Bundesland von offiziellen Stellen genehmigt werden. Der passende Wohnraum muss gesucht und baulich angepasst werden. Wohnungsbaugesellschaften können helfen.
  • Einziehen:
    Sie brauchen einen Pflegedienst, der sich auf das Gemeinschaftsprojekt einlässt. Feste Bezugspersonen sowohl in der Pflege als auch als Präsenzkräfte sind für die familiäre Atmosphäre wünschenswert.
 

Die wichtigsten Pro und Contras zur Pflege-Senioren-WG:

  • Rundumversorgung:
    Im Idealfall bietet die Pflege-Senioren-WG den Bewohnern eine 24-Stunden-Versorgung mit individueller Betreuung, dazu eine sehr persönliche Atmosphäre, die einem Leben in der Familie sehr nah kommt.
  • Vertrauter Alltag:
    Da die Bewohner sich je nach ihren noch vorhandenen Fähigkeiten selbst einbringen können, ähnelt der Alltag noch sehr dem Leben in einem eigenen Haushalt.
  • Individualität:
    Im Vergleich zur Betreuung im Pflegeheim kann durch die kleine Pflegeeinheit leichter auf die Vorlieben einzelner Bewohner eingegangen werden. Sie können ihren Neigungen nachgehen, ob es die Musik, das Basteln oder Backen ist. Kann ein Pflegebedürftiger seine Wünsche nicht mehr klar äußern, können Angehörige sein Leben in seinem Sinne gestalten.
  • Weniger organisiert:
    Das Leben in der Senioren-WG ist weniger durchstrukturiert, je nach Charakter und Erkrankungsstadium des Bewohners kann das auch von Nachteil sein.
  • Schwierige Kontrolle:
    Je nach Bundesland finden weniger – manchmal gar keine – Qualitätskontrollen in Pflege-Einrichtungen dieser Form statt. Wenn Angehörige hier nicht sehr darauf achten, kann das schlimmstenfalls zu Vernachlässigung der Bewohner kommen.
  • Komplizierte Finanzierung:
    Das WG-Leben zu finanzieren ist komplizierter als das Wohnen in einem klassischen Pflegeheim mit seinen fixen Kosten. Hier können die Kosten von Monat zu Monat schwanken, Angehörige müssen sich laufend informieren und gut strukturiert sein.
 

Tipps für die Senioren-WG aus der Praxis:

  • Wohngruppenzuschlag:
    Eine Pflege-Senioren-WG sollte nicht mehr als 12 Bewohner haben. Von diesen müssen mindestens drei in eine der fünf Pflegegrade fallen. Es kann einen Wohngruppenzuschlag aus der Pflegekasse von bis zu 214 Euro im Monat geben. Damit kann eine Person finanziert werden, die in der Pflege-WG z. B. organisatorische, hauswirtschaftliche Tätigkeiten übernimmt.
  • Anschubfinanzierung:
    Zur Gründung einer betreuten Pflege- WG gibt es vom Staat Zuschüsse von bis zu 500 € pro Person, max. 10 000 € pro Wohngruppe.
  • Leichter eingewöhnen:
    Das Zusammenleben in der WG erfordert auch die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen. Je frühzeitiger sich daher jemand für einen Umzug entschließt, desto besser ist die Möglichkeit, die Gruppe kennenzulernen und sich in das neue Leben einzugewöhnen.
  • Getrennte Verträge schließen:
    Achten Sie darauf, dass die Mietverträge für die Wohnung in der Senioren-WG und die Verträge mit Betreuern und Pflegedienst getrennt voneinander geschlossen werden. Das gewährleistet eine größere Unabhängigkeit vom Pflegedienst und mehr Selbstbestimmung.
 
Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.