"Die Seele meiner Tochter leidet"

Extreme Stimmungsschwankungen in Höhen und Tiefen
Extreme Stimmungsschwankungen in Höhen und Tiefen: Bipolare Störungen lassen sich zwar nicht heilen, aber durchaus behandeln © Fotolia

Zwei Millionen Menschen sind an einer bipolaren Störung erkrankt. Angehörige stehen den extremen Stimmungsschwankungen oft hilflos gegenüber.

Es war in unserem Urlaub in Norwegen, als mir meine Tochter plötzlich fremd wurde. Damals wusste ich nicht, was los war, und mein Mann und ich waren sehr beunruhigt. Heute weiß ich: Anna hatte ihre erste manische Episode. Meine Tochter leidet seit fünfzehn Jahren unter einer psychischen Krankheit. Früher sagte man "manisch depressiv", heute heißt es "bipolare Störung". Im Volksmund würden wir sagen: "himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt". Extreme Stimmungsschwankungen in Höhen und Tiefen. Vieles an der Krankheit liegt noch im Dunkeln. Laut der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) sind etwa zwei Millionen Deutsche davon betroffen. Die Dunkelziffer mag um ein Vielfaches höher sein, denn eine bipolare Störung kann nur von einem Psychiater eindeutig diagnostiziert werden.

Meine Tochter war siebzehn, als es passierte. Schon auf der Hinfahrt war Anna ungewöhnlich redelustig. Auf der Fähre sprach sie wahllos völlig unbekannte Menschen an. Im Verlauf des Urlaubs wechselten aggressive Streitlust und überbordende Euphorie beinahe im Stundentakt ab. Sie lud wildfremde Jugendliche in unser Ferienhaus ein. Sie war völlig überdreht, schlief kaum noch, stand mitten in der Nacht auf und deckte den Frühstückstisch. Alles, was sie allein erledigen konnte, tat sie mit übertrieben viel Energie. Wir waren ratlos und überfordert. Eines Abends lösten wir ein leichtes Einschlafmittel in ihren Tee – in der Hoffnung, sie würde ein wenig zur Ruhe kommen. Ohne Erfolg. Auf der Autofahrt nach Hause benutzten wir die Kindersicherung für die hinteren Autotüren, da wir inzwischen Angst hatten, sie würde bei voller Fahrt aus dem Auto springen.

 

Stark wechselnde Emotionen sind der Alltag

Heute ist Anna 32 Jahre alt. Sie lebt allein in einer kleinen Wohnung und ist Frührentnerin. Gelernt hat sie Bürokauffrau, aber sie schafft es nicht, über längere Zeiten hinweg belastbar und stabil zu bleiben.

Wie geht es mir heute mit ihr? Meinem Kind, das schon längst seinen Kinderschuhen entwachsen ist und doch nicht stabil auf eigenen Beinen stehen kann. Von dem ich mich abnabeln sollte. Und doch fast täglich mindestens einmal voller Angst und Sorgen an sie denke. Mich frage, wie es ihr geht. Ob sie mich braucht?

Lange Zeit stand ich dieser vom Himmel gefallenen Krankheit hilflos und ohnmächtig gegenüber. Angehörige von bipolar erkrankten Kindern, Partnern, Geschwistern wissen das: Wir sind immer wieder Zeuge von stark wechselnden Emotionen, deren Ursprung für uns oft nicht erkennbar ist. Wir werden beschimpft und müssen uns Vorwürfe anhören wie "Ihr seid schuld an meiner Krankheit". Die Ausdrucksweise und Wortwahl unserer Kinder verletzen und beschämen uns. Wir müssen mit ansehen, wie sie sich vernachlässigen; wir erleben ihre extreme Traurigkeit, die unkontrollierten Geldausgaben, ihre Ausschweifungen und ihr Chaos.

 

Psychisch kranke Menschen brauchen starke Eltern

Informationen habe ich von Ärzten und Therapeuten in den ersten Jahren kaum bekommen. Deshalb wusste ich auch nicht, wie ich mich verhalten sollte. Soll ich Anna sich selbst überlassen, wenn sie ihr ganzes Geld für Zigaretten ausgegeben und nichts mehr zu essen hat? Soll ich ihre Wohnung putzen? Ihre Wäsche waschen, weil sie es nicht tut? Soll ich den Hörer auflegen, wenn sie weinend zum sechsten Mal innerhalb eines Tages anruft? Verwöhne ich sie? Vernachlässige ich sie? Was ist richtig? Was ist falsch?

Vor Jahren sagte der Psychotherapeut meiner Tochter, als ich schluchzend vor ihm saß, folgenden Satz: "Psychisch kranke Menschen brauchen starke Eltern." Er erklärte mir, dass wir unseren Kindern mehr zutrauen und mehr Verantwortung übergeben – ja, sie wie Erwachsene behandeln sollen. Mit klaren Ansagen. Und Struktur. Meine Tränen versiegten sofort. Endlich hatte ich einen Hinweis. Ich erkannte, dass mein Schluchzen, meine Schuldgefühle, mein Groll auf die Ärzte und das Schicksal ihr nicht wirklich nützen. Dass ich meiner Tochter keine Hilfe bin, wenn ich sie im Schongang behandle und vor Problemen schützen will.

Ich suchte mir selbst eine Therapeutin, mit der ich meine Belastungen aufarbeiten konnte. Von ihr lernte ich, dass ich nicht alles ertragen muss, was mir Anna zumutet. Dass ich ihr klar sagen kann und darf, wo meine Grenzen liegen. Welche Verhaltensweisen und Aussagen ich nicht mehr akzeptiere. Und dass ich sofort aufstehen und gehen werde, wenn es dazu kommt. Das hat unserer Beziehung gutgetan. Erst vor ein paar Tagen hatten wir ein offenes Gespräch, in dem sie mir freundlich erklärte, was sie sich für die nächste Zeit vorgenommen hat. Und dass sie bestimmte Dinge allein organisieren wolle und ich jetzt bitte nicht anfangen solle, ihr dabei zu helfen. Wir hatten einen vergnüglichen, unterhaltsamen Abend. In diesem Moment war ich sehr glücklich.

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.