Die Mutter eines Soldaten erzählt: "Mein Kind ist schwer traumatisiert"

Soldat mit posttraumatischer Belastungsstörung
Die posttraumatische Belastungsstörung nach einem Kriegseinsatz macht einen normalen Alltag für die Betroffenen unmöglich – ständig sind sie von Panikattacken geplagt. Viele schämen sich für ihre Erkrankung, was die Belastung noch verstärkt © Shutterstock

Diagnose posttraumatische Belastungsstörung: Viele Soldaten kehren mit verwundeten Seelen aus Kriegsgebieten zurück. Dass die seelische Verletzung genauso schwer wiegt wie eine körperliche, ist nicht allen klar. Auf Praxisvita.de erzählt eine Mutter vom Trauma ihres Sohnes.

Viel Verständnis für die seelischen Wunden der Soldaten bringt Birgit Klimkiewicz (60) auf, seit ihr 25-jähriger Sohn an der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) erkrankt ist. Bis heute weiß sie nicht genau, was ihn im nordafghanischen Mazar-i-Sharif so tief verstört hat. Was seinen „Seelentod“, wie sie es nennt, ausgelöst hat. „Aber eigentlich reicht es doch, dass er vier Monate lang täglich um sein Leben gefürchtet hat“, sagt sie. Dass er sich bei jedem Jungen am Straßenrand die Frage stellen musste: Trägt der einen Sprengstoffgürtel? Steuern wir in einen Hinterhalt? Die Folgen der psychischen Extrembelastung trägt der Stabsgefreite nicht allein. „Die ganze Familie hat Schaden genommen“, betont seine Mutter. „Unser Leben wird nie wieder so sein wie vorher.“

 

Posttraumatische Belastungsstörung: Wenn das eigene Kind fremd wird

Als ihr Sohn 2006 sein Testament verfasst, glaubt sie, nichts könnte schlimmer sein. Diese grässliche Angst, als er das erste Mal nach Afghanistan geht – „es ist doch eine Friedensmission, Mama“, beruhigt der damals 21-Jährige. Und alles geht gut, dieses Mal. Aber es kommt schlimmer. Nach seinem zweiten Einsatz 2007 ist er nicht mehr das Kind, das seine Mutter kennt: plötzlich verschlossen, scheinbar grundlos aggressiv, von Albträumen geplagt. Mit seinem Einsatzgeld verfährt er, als wäre jeder Tag der letzte. „Warum soll ich sparen?“, fragt er seine Mutter. „Ich könnte morgen schon tot sein.“ Den Gedanken an ein Trauma verbietet sie sich trotzdem: „Mein Sohn ist doch so stark.“

Ein Eindruck, den sie im Mai 2009 endgültig revidieren muss. Nach seinem dritten Hindukusch-Dienst ist der junge Mann ein nervliches Wrack: Seine Hände zittern unkontrolliert, der Knall eines Auspuffs trifft ihn ins Mark, im Möbelhaus erleidet er eine Panikattacke. Er leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das eigene Kind so leiden zu sehen, macht Birgit Klimkiewicz erst ohnmächtig. Und dann sehr wütend.

 

Falscher Umgang mit traumatisierten Soldaten

Drei Monate wartet ihr Sohn trotz seiner alarmierenden Symptome auf einen Platz im Bundeswehr-Krankenhaus, bevor er dort stationär behandelt wird. Irgendwann hat Birgit Klimkiewicz genug von der Hilflosigkeit – ihrer eigenen und der des Systems. Im ARD-Talk „hart aber fair“ prangert sie die Missstände im Umgang mit PTBS-Soldaten an, gründet kurz darauf die Selbsthilfegruppe „Eisblume“, in der Angehörige von traumatisierten Einsatz-Soldaten Unterstützung finden. Ihrem Sohn sagt Klimkiewicz: „Wenn wir immer alles schweigend hinnehmen, wird sich nie etwas ändern.“ Und hat das erste Mal das Gefühl, wieder ein wenig freier atmen zu können.

 

Verwundete Seele als Makel

Wie fast alle betroffenen Soldaten will ihr Sohn anonym bleiben. Dass es kein Makel ist, an der Seele zu erkranken, dass man deswegen kein Weichei ist, kann Birgit Klimkiewicz ihm und anderen Soldaten nur schwer begreiflich machen. Sie hofft, dass die Gesellschaft – Politik, Bundeswehr, Bürger – auch durch ihren persönlichen Einsatz versteht, dass ein Trauma genauso gravierend sein kann wie eine körperliche Verletzung.

 

Angst vor der Verachtung der Kameraden

Auch wenn es ihrem Sohn besser geht, er verhalten stolz ist auf das Engagement der Mutter: Mehr noch fürchtet er, bei den Kameraden den Eindruck einer Sonderbehandlung zu erwecken – und distanziert sich oft. „Wir sprechen einfach nicht die gleiche Sprache“, hat Birgit Klimkiewicz lernen müssen. Die Soldaten bleiben eine Welt für sich, selbst im zivilen Leben. Um so wichtiger ist ihr „Eisblume“: Den Soldaten-Familien Unterstützung anzubieten, ihnen und sich selbst vielleicht ein wenig Frieden für die Seele zu verschaffen.

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