Die Magie der Umarmung – und wie viele wir zum Überleben brauchen

Phyllis Kuhn

Vier, acht, zwölf - das sind die magischen Zahlen, wenn es um Umarmungen geht. Aber wie viele davon brauchen wir wirklich am Tag?

Schon lange wissen wir, dass liebevolle Berührungen eine ganz besondere Medizin sind. Ganz ohne Nebenwirkungen sorgen sie für sofortiges Wohlbefinden, schenken Trost und Entspannung. Eine der häufigsten Berührungen unter Freunden und Familienangehörigen ist die Umarmung. Anders als streicheln oder Händeschütteln, erfordert eine Umarmung ganzen Körpereinsatz. Dafür profitiert aber auch der ganze Körper von der Berührung. Umarmungen sorgen dafür, dass das Wohlfühlhormon Oxytocin ausgeschüttet wird. Oxytocin baut nicht nur Stress ab, sondern wird auch mit Gefühlen wie Liebe und Vertrauen in Verbindung gebracht. Außerdem soll es emotionale Bindungen verstärken. Neben Oxytocin schüttet das Gehirn Dopamin und Serotonin aus – DIE Glücklichmacher unseres Körpers. Sie hellen sofort die Stimmung auf und können langfristig Depressionen vorbeugen.

Ein Paar umarmt sich
Können Umarmungen Krankheiten heilen?© Alamy
 

Was passiert im Körper, wenn wir umarmt werden?

Neben der Hormonausschüttung aktivieren Umarmungen aber auch noch andere Reaktionen unseres Körpers. Wenn wir jemanden umarmen, regt der physikalische Kontakt Druckrezeptoren, die sogenannten Vater-Pacini-Körperchen, in unserer Haut an. Diese Rezeptoren reagieren bereits auf leichten Druck auf der Haut und senden sofort Signale an den Vagusnerv, der als Teil des sogenannten Parasympathikus den Brustraum, den Hals und schließlich den Schädel durchläuft. Der Parasympathikus reguliert unsere Körperfunktionen in Stresssituationen und sorgt wie eine natürliche „Handbremse“ dafür, dass etwa Stressreaktionen in unserem Körper nicht Überhand nehmen. Der Effekt ist sofort spürbar, da der Vagusnerv direkt mit verschiedenen Nervenfasern verbunden ist, die entscheidende Körperfunktionen regulieren. Die körperliche Reaktion auf eine Umarmung besteht in einer Absenkung eines erhöhten Blutdrucks und eines beschleunigten Herzschlags. In stressigen Situationen kann eine Umarmung somit ein äußerst schnell wirkendes Medikament sein, um sich rasch entspannen zu können.

 

Umarmung = Ich fühl mich gut!

Wie schnell das Medikament Umarmung wirkt, haben Forscher aus Japan untersucht. Die Wissenschaftler um Hidenobu Sumioka stellten in einem Versuch eine 15-minütige Konversation zwischen Probanden und deren Partnern nach. Anschließend erhielten einige der Probanden eine Umarmung, andere nicht. Direkt im Anschluss wurde den Probanden Blut abgenommen. Diejenigen, die kurz zuvor umarmt worden waren, zeigten eine deutliche Absenkung des Kortisol-Spiegels im Blut – ein direkter Hinweis, dass das Stresslevel der Teilnehmer abgenommen hatte. Gesunde Kortisolwerte stehen  mit einem gut funktionierenden Immunsystem in Verbindung.

Eine Studie aus Großbritannien offenbarte einen weiteren überraschenden Effekt von Umarmungen: Sie verbessern das eigene Körpergefühl. Die Wissenschaftler des University College London fanden dazu heraus, dass der Körperkontakt mit einer zweiten Person Sinneneindrücke hervorruft, die sogenannte propriozeptive Signale (= die Tiefenwahrnehmung betreffende Signale) aussenden und uns so nicht nur eine positivere Wahrnehmung für den eigenen Körper verschaffen, sondern auch unser Selbstwertgefühl verbessern. Die Forscher vermuten sogar, dass Krankheiten, die mit einer Körperwahrnehmungsstörung einhergehen, etwa Bulimie oder Anorexie (Magersucht), durch einen Mangel an Umarmungen und Streicheleinheiten begünstigt sein könnten.

 

Aber wie viele Umarmungen braucht man pro Tag?

Fakt ist: An Umarmungsmangel stirbt man zwar normalerweise nicht gleich. Krank machen kann ein Mangel aber schon. Doch wie viele Umarmungen am Tag oder in der Woche sind ausreichend? Die Familientherapeutin Virginia Satir hat klare Antworten: „Wir brauchen vier Umarmungen am Tag, um zu überleben, acht Umarmungen, um stabil zu bleiben und zwölf, um uns weiterentwickeln zu können“. Diese genaue Anzahl konnte zwar noch nicht empirisch belegt werden. Fest steht jedoch: Umarmungen und liebevolle Berührungen helfen uns, in Krisensituationen stabil zu bleiben. Das zeigt eine Studie von Wissenschaftler der UCLA (University of California, Los Angeles). In einem Versuch verabreichten die Forscher Probanden, ungefährliche aber dennoch schmerzhafte Elektroschocks. Alle Teilnehmer wurden von ihren Lebensgefährten begleitet aber nur einigen war es erlaubt, während der Elektroschocks die Hand ihrer Partner zu halten. Im Gehirnscan zeigte sich anschließend, dass der physische Kontakt mit dem Partner das Stresserlebnis durch den Elektroschock gemindert hatte: Bereiche im Gehirn, die Gefühle wie Angst und Stress mindern, waren aktiviert worden. 

Scheuen Sie sich also nicht, Ihren Partner oder Ihre Familienangehörigen einfach mal öfter zu umarmen oder kleine Streicheleinheiten zu verteilen. Wenn Sie nach dem Grund gefragt werden, können Sie ja einfach diesen Artikel rumreichen.

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