Die Kraft der Placebos

Placebos sind Präparate ohne Wirkstoffe – dennoch können sie erstaunliche Heilkräfte entfalten
Placebos sind Präparate ohne Wirkstoffe – dennoch können sie erstaunliche Heilkräfte entfalten © Fotolia

Ein Placebo lässt Jogger schneller laufen – wenn es ihnen als Doping verkauft wird. Das hat ein Experiment schottischer Wissenschaftler ergeben. Zahlreiche weitere Studien zeigen die erstaunliche Wirkung von Placebos. Doch wie kommt dieser Effekt zustande?

Wissenschaftler der University of Glasgow testeten in einem Experiment, ob Placebos eine Auswirkung auf die sportliche Leistung von Probanden haben. An ihrer Studie nahmen 15 männliche Freizeitjogger teil. Alle Probanden gingen davon aus, sogenannte Erythropoetine zu testen – Hormone, die an der Bildung roter Blutkörperchen beteiligt sind. Die Wirkstoffe wurden schon in verschiedenen Sportarten zu Dopingzwecken eingesetzt, da die vermehrte Bildung roter Blutkörperchen zu einer besseren Sauerstoffversorgung der Muskeln und so zu einer höheren Leistungsfähigkeit führt. Den Studienteilnehmern wurde jedoch versichert, dass es sich bei dem zu testenden Präparat um eine niedrigdosierte, legale Variante handele.

In Wirklichkeit handelte es sich bei dem „Wirkstoff“ jedoch um eine Kochsalzlösung. Sie wurde den Probanden per Injektion verabreicht, da vergangene Studien ergaben, dass der Placebo-Effekt bei injizierten Mitteln stärker ist als bei oral eingenommenen.

 

Zunächst nahmen die Probanden an einem 3-Kilometer-Wettlauf teil, bei dem ihre Laufzeiten gemessen wurden. Anschließend bekam eine Gruppe die Placebo-Injektion und trainierte danach wie gewohnt weiter, während die andere Gruppe ihr Training ohne Injektion fortsetzte. Nach einer Woche fand ein erneuter Wettlauf statt.

 

In der folgenden Woche tauschten die Probanden: Wer vorher eine Placebo-Injektion erhalten hatte, trainierte jetzt ohne und umgekehrt. Abschließend folgte ein weiterer Wettlauf. Im Verlauf des Experiments wurden die Probanden immer wieder zu ihrem psychischen und körperlichen Wohlbefinden befragt.

 

Das Ergebnis: Fast alle Probanden berichteten von einer Wirkung der Injektion. In der Woche mit der „Behandlung“ fiel ihnen das Training leichter und sie verspürten mehr Motivation, ihre Leistungsgrenze zu überschreiten. Die meisten gaben außerdem an, sich nach den Trainingseinheiten besser zu erholen. Auch in der sportlichen Leistung der Teilnehmer zeigte sich die Wirkung des Placebos: Ihre Laufzeiten auf der 3-Kilometer-Strecke verbesserten sich im Schnitt um 1,5 Prozent, wenn sie die Injektion erhalten hatten.

 

Wie wirken Placebos?

Warum Placebos (lateinisch: „Ich werde gefallen“) wirken, ist bis heute nicht gänzlich geklärt. Fest steht jedoch: Die Präparate lösen im Körper Prozesse aus, die über die bloße Einbildung hinausgehen.

 

So fördern Placebos bei Parkinsonpatienten die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin – genau wie echte Parkinson-Medikamente. Grundsätzlich gilt: Je stärker der Glaube an die Wirkung eines Medikaments ist, desto besser heilt es tatsächlich. Besonders gut wirken Placebos daher, wenn Kranke sie für Arzneimittel halten. Aber selbst wenn Patienten wissen, dass sie ein Placebo einnehmen, ist eine Wirkung messbar.

 

Forscher vermuten den Grund im Unterbewusstsein des Menschen. Der Körper ist es gewöhnt, dass nach der Einnahme von Medizin eine Wirkung eintritt. Wird eine Tablette geschluckt, wirkt das wie ein Schlüsselreiz – selbst wenn sie gar kein Arzneimittel enthält. Im Organismus passiert dann das Gleiche wie bei der Einnahme des echten Präparats.

 

Scheinoperationen lindern Schmerzen

Das funktioniert sogar bei Operationen, die nur zum Schein durchgeführt werden. So täuschten Ärzte in einer Studie Arthrosepatienten vor, sie am Knie zu operieren. Tatsächlich setzten sie aber nur oberflächliche Schnitte auf der Haut. In einer Vergleichsgruppe wurde das Knie tatsächlich behandelt. Das überraschende Ergebnis: In beiden Gruppen hatten die Behandelten nach dem Eingriff weniger Schmerzen als zuvor.

 

Placebo-Forscherin Dr. Karin Meißner geht sogar davon aus, dass die Wirkung jedes Medikaments zum Teil auf Placebo-Effekten beruht. Schon der Glauben an eine Behandlung könne die Selbstheilungskräfte des Körpers stärken, indem er Stress und Ängste verringert. „Die Placebo-Forschung zeigt, dass viele Symptome durch die Seele beeinflusst werden.“

 

Placebo – Messlatte für neue Medikamente

Weil angeblich Wirkungsloses eben doch wirken kann, ist das Placebo eine gute Messlatte für neue Medikamente. Bevor sie zugelassen werden, müssen sie ihre Wirksamkeit in klinischen Studien beweisen. Meist vergleichen Forscher das Mittel mit der bisherigen Standardtherapie. Gibt es keine, tritt das neue Medikament (Verum) gegen ein arzneistofffreies Mittel (Placebo) an, und zwar in „placebokontrollierten, doppelblinden, randomisierten“ Studien: Eine Gruppe der Teilnehmer bekommt das Verum, eine andere das in Geschmack, Form und Farbe identische Placebo. Wer zu welcher Gruppe gehört, wird ausgelost (randomisiert) und weder Ärzte noch Teilnehmer wissen, wer was bekommt (doppelblind). Das soll ein unbewusstes Beeinflussen der Studie verhindern. Und schon oft haben es Medikamente nicht auf den Markt geschafft, weil sie in solchen Studien nicht besser wirkten als das Placebo.

 

Was ist der Noceboeffekt?

Allerdings hat das Placebo einen „bösen Zwilling“: das Nocebo (lateinisch: „Ich werde schaden“). Bewiesen ist nämlich auch: Wer nicht an eine Arznei glaubt, schmälert ihre Wirkung, und zwar um bis zu 30 Prozent. Das fand der italienische Neurobiologe Fabrizio Benedetti heraus.

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.