Die Klinik der Hoffnung

Klinik am Steigerwald
Die Klinik am Steigerwald macht vielen chronisch kranken Menschen wieder Hoffnung – mit individuell angepassten Therapien © TV Hören und Sehen, 2/2013

Die Ärzte der Klinik am Steigerwald schenken Menschen mit chronischen Schmerzen wieder Hoffnung. Sie behandeln nach den Lehren der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM).

Gerlinde Arnold hat starke Beschwerden: Sie leidet an Nervenschmerzen, Gürtelrose und Depressionen. „Seit über einem Jahr habe ich massive chronische Schmerzen. Ich war sogar beim Schmerztherapeuten, doch der hat mir nur immer mehr Opiate gegeben“, erzählt die 29-Jährige. Seit zwei Wochen ist sie deshalb in der Klinik am Steigerwald und lässt sich von Schulmedizinern mit einer zusätzlichen Ausbildung in Traditioneller Chinesischer Medizin behandeln. Die Schmerzen seien zwar noch nicht ganz weg, aber die Opiate konnte sie bereits stark reduzieren. „Ich merke, wie ich mich langsam wieder kräftiger fühle. Aber es braucht natürlich seine Zeit.“

 

Den Menschen hinter der Diagnose zeigen

Genügend Zeit für die Menschen zu haben. Das ist Dr. Christian Schmincke, dem Leiter der Klinik, wichtig. Acht Ärzte kümmern sich um 30 bis 35 Patienten. Die ausführliche Eingangsuntersuchung dauert bis zu drei Stunden. „Am Anfang führen wir eine gründliche Anamnese durch, das heißt, wir klären die Vorgeschichte der Erkrankung und schauen uns Zunge und Puls an.“ Auch die psychischen Belastungen fließen in die Diagnosestellung mit ein. Danach widmen sich die Ärzte den Fragen nach dem Schlaf und den Ausscheidungsprozessen. Zwei Drittel der Patienten sind Frauen mittleren Alters, aber auch immer mehr Jugendliche und sogar Kinder lassen sich in der Klinik helfen. Viele von ihnen gelten in der Schulmedizin als „austherapiert“, die Ärzte können keine wirksame Therapie mehr für sie finden. Doch in der Klinik am Steigerwald bekommen sie wieder Hoffnung. Wie die Tumorpatientin, die nur noch liegen konnte. Nach langjähriger Therapie kann sie mittlerweile wieder gut laufen und geht sogar einer Arbeit nach. Oder Paare, deren Kinderwunsch sich nicht erfüllen lässt. Manchmal verhilft der Frau schon eine einzige Akupunkturbehandlung zur Schwangerschaft. Damit die Therapie greift, erstellen die Ärzte erst nach sorgfältiger Analyse aller Aspekte ein individuell zugeschnittenes Konzept. Es basiert auf fünf Säulen: Akupunktur (dazu zählen auch die sogenannte Moxibustion und das Schröpfen), Qigong, Körpertherapien (Tuina, Shiatsu, Atemmassage), Diätetik sowie die Arzneitherapie.

 

Chinesische Arzneitherapie

Schon vor 2000 Jahren besaßen die Chinesen das Wissen, mit Pflanzen und Mineralien zu heilen. Auch heute noch wecken diese Arzneien in uns die Kräfte der Selbstheilung. Eine Auswahl von ihnen gibt es in der hauseigenen Apotheke der Klinik. Alle sogenannten Rohdrogen sind aus China importiert und unterliegen strengen Kontrollen. Sorgfältig stellen die Ärzte hier eine auf jeden Patienten persönlich abgestimmte Mischung zusammen, wiegen und mischen die verschiedenen Blätter, Wurzeln, Knollen und Blüten und kochen sie auf. Fertig ist das sogenannte Dekokt, das die Patienten über den Tag verteilt trinken.

 

Die Bedeutung des Essens

Ein gutes Frühstück beginnt in der Traditionellen Chinesischen Medizin mit etwas Wärmendem – gekochter Hirsebrei mit Apfelmus oder Aprikosen zum Beispiel. So können wir unseren Magen behutsam an seine Arbeit heranführen. Auch aus verschiedenen Sorten von Biovollkornbrot, das von der örtlichen Bäckerei hergestellt wird, selbst gemachten vegetarischen Brotaufstrichen, Honig und Marmelade sowie Cerealien mit Sojamilch können die Patienten wählen. Gekocht wird hauptsächlich vegetarisch. Wo es geht, versuchen die Köche, Lebensmittel regionaler Herkunft zu verwenden. Sie würzen mit Kräutern aus dem eigenen Garten; Zitronengras, Koriander, Borretsch oder Knoblauch. Auf Milchprodukte wie Käse und Quark wird in der Klinik am Steigerwald weitestgehend verzichtet. Denn laut Dr. Schmincke reagiert der Körper auf zu viel Milcheiweiß mit der Bildung von Schleim, also nicht verdauten Abfallstoffen, die uns krank machen können. Dieser Schleim wird übrigens nicht nur durch falsche oder zu viele Nahrungsmittel gebildet, sondern immer dann, wenn wir mehr aufnehmen, als wir verarbeiten können.

 

Mit Nadeln Blockaden lösen

Schmerzen lindern. Die Lebensenergie Qi zum Fließen bringen. Blockaden aufheben. Das sind die Ziele der Akupunktur. Beate Neumayer hilft sie gegen ihre Schmerzen. Die Patientin leidet an Polyneuropathie, einer Erkrankung der Nerven. Einfühlsam ertastet die Ärztin ihre empfindsamen Punkte, die sogenannten Qi-Höhlen, setzt die Nadeln hinein und bewegt sie leicht. „Es ist wichtig, dass bei den Patienten das sogenannte De-Qi-Gefühl ankommt“, erklärt Dr. Schmincke. „Dies kann ein leichter dumpfer Schmerz sein, ein Kribbeln, ein Wärme-, Schwere- oder Leichtigkeitsgefühl.“ Also eine Empfindung, die sich ausbreitet und sich nicht nur auf den Einführort der Nadel bezieht.

Nach einer Chemotherapie habe sich ihr Nervenleiden plötzlich entwickelt, erzählt Beate Neumayer. Früher sei sie mit ihrem Mann jedes Wochenende durch die Berge gewandert, aber dann konnte sie bis vor kurzem nicht einmal mehr zu Fuß einkaufen gehen. „Ich wollte es allerdings nicht akzeptieren, mit Anfang 50 nicht mehr richtig laufen zu können.“ Deshalb setzte sie all ihre Hoffnungen auf die Behandlung in der Steigerwald-Klinik. Seit drei Wochen ist sie schon hier. „Und mittlerweile genieße ich es, mit meiner Zimmernachbarin durch den Garten zu schlendern. Es ist wirklich kaum zu glauben.“ Deshalb hat sie sich auch entschlossen, ihren Aufenthalt um eine Woche zu verlängern. Was nicht ganz billig ist. Bei gesetzlich Versicherten übernehmen die Krankenkassen nur selten den Tagessatz von 324 Euro bei einem Aufenthalt im Doppelzimmer. „Die Polyneuropathie hat mein Leben so stark eingeschränkt. Da verzichte ich gern auf Urlaub, um mir die Behandlung zu ermöglichen. Was hätte ich denn auch von meinem Ersparten, wenn mein Leben nicht mehr lebenswert ist?“ Auch Gerlinde Arnold ist zuversichtlich. In einer Woche wird sie die Klinik verlassen – auf ihre Schmerzmittel und Antidepressiva kann sie dann verzichten. Der Erfolg der Klinik spricht jedenfalls für sich. 70 Prozent der Patienten sagen, dass es ihnen zwei Jahre nach der Behandlung immer noch viel besser geht als vorher.

 

Interview mit Dr. Christian Schmincke: „Ohne Feingefühl kann man keine Diagnose stellen!“

Menschen, die vor Schmerzen kaum laufen können, setzen nach drei, vier Wochen in Ihrer Klinik ihre Medikamente ab und gehen spazieren. Was ist Ihr Geheimnis?

Unsere Behandlungsmethodik. Wir kümmern uns nicht nur um das Symptom, sondern betrachten den ganzen Menschen. Unser Konzept basiert auf fünf Säulen: Arzneitherapie, Akupunktur, Qigong, Körpertherapien und Diätetik. Aber diese Methodik greift nur, wenn wir auch genügend Zeit und Mitgefühl für die Menschen mitbringen. Denn ohne Einfühlungsvermögen kann man keine vernünftige chinesische Diagnose stellen. Eine Spritze können Sie ohne Feingefühl setzen, eine Akupunkturnadel nicht.

TCM als Therapieansatz für jede Krankheit? Oder gibt es auch Beschwerden, die Sie nicht behandeln können?

Bei akutmedizinischen Fällen und allen Erkrankungen, bei denen eine Operation nötig ist, können wir nicht helfen. Auch nicht bei Parkinson, höchstens bei den Begleiterkrankungen. Chronische Entzündungen, Asthma, Rheuma, Arthrose, Darmerkrankungen, Rückenleiden oder viele neuronale und psychische Erkrankungen können wir dagegen sehr gut behandeln.

Wann zeigen sich erste Erfolge?

Frühestens nach einer Woche. Dann verringern sich häufig die Schmerzen oder verschwinden ganz. Bei manchen dauert es aber auch Wochen und Monate. Denn wenn jemand seit 30 Jahren Arthrose hat, kann man die nicht einfach in drei Wochen wegbekommen. Die Uhren ticken eben anders, wenn ich nicht nur die Symptome unterdrücke. Es ist so ähnlich wie mit schlechten Angewohnheiten. Die wird man meist auch nicht von heute auf morgen los.

Warum praktizieren Sie in Ihrer Klinik eine an den Westen angepasste Form der Traditionellen Chinesischen Medizin?

Die TCM in China hatte in den letzten hundert Jahren die schwierige Aufgabe, westliche Krankheiten chinesisch zu interpretieren, zum Beispiel Bluthochdruck. Dabei sind den Chinesen viele Fehler unterlaufen, denn sie haben kein methodisches Verständnis für die Unterschiedlichkeit der beiden Systeme. Wir denken hier jedoch bei jeder Behandlung stereo: Was bedeutet das chinesische Symptom in der Schulmedizin? Und umgekehrt interpretieren wir auch die westliche Diagnose chinesisch. Außerdem verwenden wir auch weniger Bestandteile in unserer Arzneitherapie, zumeist nur einen bis sechs Inhaltsstoffe. Das ist ein Bruchteil dessen, was die Chinesen nehmen, weil wir viel stärker darauf reagieren. Die Wirkbeschreibung der chinesischen Medizin hat ja ewige Gültigkeit. Yin und Yang, diese Art von Polarität stimmt immer. Man muss sie nur an die jeweiligen Gegebenheiten anpassen.

Gibt es Nebenwirkungen?

Die Chinesen unterscheiden nicht so stark zwischen Haupt- und Nebenwirkungen, weil es keinen strikten Organbezug gibt. Sie beschreiben die Wirkung in Bezug auf den gesamten Körper. Oft kommt es in den ersten drei Tagen zu Anpassungsproblemen wie Unwohlsein oder Übelkeit, und auch der Darm muss sich umstellen. Bei bestimmten Rezepturen gibt es Reinigungsreaktionen, die Altlasten mobilisieren. Müdigkeit bedeutet beispielsweise, dass der Organismus zur inneren Arbeit angetreten ist. Zeitweise können auch Kopfschmerzen, schwere Beine oder Ekzeme auftreten. Diese Mobilisierungssymptome sind für uns aber durchsichtig. Denn wir wissen, woher sie kommen und was wir machen müssen, wenn sie nicht von selbst wieder gehen.

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