Die Freud-Phasen der psychosexuellen Entwicklung

Michael van den Heuvel Medizin- und Wissenschaftsjournalist

Die Freud-Phasen beschreiben, wie sich ein Kind nach seiner Geburt bis ins jugendliche Alter sexuell entwickelt. Heute kritisieren viele Experten das Modell.

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Laut Freud beginnen die Phasen der Sexualität schon mit der Geburt Foto:  iStock/jacoblund
Inhalt
  1. Die Freud-Phasen bei der Entwicklung der kindlichen Sexualität
  2. Was versteht man bei den Freud-Phasen unter der psychosexuellen Entwicklung?
  3. Welche Kritik gibt es an den Sigmund-Freud-Phasen?
 

Die Freud-Phasen bei der Entwicklung der kindlichen Sexualität

Die Freud-Phasen sind nach dem Psychiater Sigmund Freud benannt. Er sah in Kindern keine asexuellen Wesen. Seiner Theorie nach beginnt die kindliche Sexualität bereits nach der Geburt. Sie verläuft bis zum Beginn der Pubertät in mehreren Abschnitten, den sogenannten Freud-Phasen.

Die Freud-Phasen stammen von Sigmund Freud (1856 bis 1939). Er war ein österreichischer Gelehrter. Nach dem Medizinstudium begann er, sich mit neurologischen und psychologischen Themen zu befassen. Auf Freud geht beispielsweise die Psychoanalyse zurück: ein therapeutisches Verfahren, um seelische Vorgänge, die psychische Erkrankungen auslösen, zu ermitteln.

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Er arbeitete auch an einem Konzept der sexuellen Entwicklung ab der Geburt. Es wird auch „infantile Sexualität“ genannt und besteht aus mehreren der sogenannten Freud-Phasen.

 

Was versteht man bei den Freud-Phasen unter der psychosexuellen Entwicklung?

Freud vermutete, die Sexualität beginne bereits mit der Geburt. Sie zeige sich in zeitlich unterschiedlichen Phasen mit verschiedenen erogenen Zonen. Diese werden auch Sigmund-Freud-Phasen genannt. Kollegen Freuds gingen von einer Asexualität des Babys und Kleinkinds aus.

Einen Überblick über die Freud-Phasen liefert diese Tabelle:

Freud'sche Phase und ZeitraumInhalt

Orale Phase (ab der Geburt, dauert insgesamt 12 bis 18 Monate)

In der oralen Phase bereitet der Mund laut Freud einen Lustgewinn. Das kann beim Saugen oder Nuckeln sein.

Später kommen andere erogene Zonen hinzu; der Mund als Lustzentrum bleibt jedoch erhalten. Das zeigt sich beim Küssen.

Anale Phase (zweites bis drittes Lebensjahr)

Anal steht für den Anus, also die Austrittsöffnung des Darms. Freud zufolge führt der Stuhlgang und dessen Kontrolle in dieser Phase zur Befriedigung.

Konflikte mit den Eltern bei der Erziehung zur Sauberkeit können sich nach der Theorie bis ins spätere Erwachsenenleben auswirken.

Phallische  oder ödipale Phase (drittes bis fünftes Lebensjahr)

Die Kinder beginnen Freud zufolge, ihren Körper zu entdecken, auch die Klitoris oder den Penis (Phallus). Sie projizieren ihr sexuelles Interesse in den gegengeschlechtlichen Elternteil. Der Begriff „ödipale Phase“ kommt aus der griechischen Mythologie.

Ödipus heiratete, ohne es zu wissen, seine eigene Mutter. Defizite in dieser Freud-Phase können zum sogenannten Ödipus-Komplex führen, einem unbewussten Konflikt zwischen dem Kind und den Eltern.

Latenzperiode (fünftes bis elftes Lebensjahr)

Laut Freuds Lehre lernen Kinder mehr und mehr, ihre Lust zu kontrollieren.

Sie gehen zur Schule, erweitern ihr Wissen und bekommen neue Bezugspersonen. Sie erweitern ihr soziales Umfeld.

Genitale Phase (ab dem zwölften Lebensjahr)

Kinder kommen in die Pubertät. Das macht sich biologisch anhand hormoneller Umstellungen bemerkbar. Freud zufolge ändert sich jetzt der Bezugspunkt der Sexualität – von der Familie hin zu Personen, die von außen kommen.

Die Sexualität dient nicht mehr allein der Lustbefriedigung. Sie wird in dieser Freud-Phase zum Element von Partnerschaften, inklusive der eigenen Fortpflanzung.

 

Welche Kritik gibt es an den Sigmund-Freud-Phasen?

Schon zu Freuds Lebzeiten kritisierten einige Kollegen sein Modell der psychosexuellen Entwicklung. Harald Schultz-Hencke (1892 bis 1953), ein deutscher Psychoanalytiker, widersprach der Theorie, dass die ersten Lebensjahre des Kindes nur von lustvollen Bedürfnissen geprägt würden. Seine Theorie stellt, anders als die Freud-Phasen, Bindung zu den Eltern und Zärtlichkeit in den Mittelpunkt.

Später hat sich auch die polnische Psychologin Alice Miller (1923 bis 2010) mit den Theorien befasst. Sie sieht in den Freud-Phasen eher einen Versuch, Missbrauch in der Kindheit zu verschleiern und dessen Aufdeckung zu verhindern.

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Quellen:

  • Berg, Laura (2011): Entwicklungspsychologie, München: Pearson.
  • Trautner, Hans (1997): Lehrbuch der Entwicklungspsychologie in zwei Bänden, Göttingen: Hogrefe Verlag.
  • Speer, Christian P.; Gahr, Manfred; Dötsch, Jörg (2018): Pädiatrie, Berlin: Springer-Verlag.
  • Förg, Theresa (2019): BASICS Pädiatrie, München: Elsevier/Urban&Fischer.
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