Die Frau mit dem Loch im Gehirn

Redaktion PraxisVITA
Gehirn
Das Gehirn ist ein hochkomplexes Gefüge – doch was, wenn ein Stück davon fehlt? Die US-Amerikanerin Cole Cohen wartete 26 Jahre lang auf die Diagnose "Loch im Gehirn" © Fotolia

Cole Cohen (34) kann nicht Auto fahren, kann sich die Anordnung der Regale im Supermarkt nicht merken und kann nicht einschätzen, wie schnell ein Fahrzeug auf sie zukommt. Der Grund: In ihrem Gehirn fehlt ein Stück.

26 Jahre lang war das ganze Leben eine einzige große Herausforderung für Cole Cohen. Sie konnte nicht mal die einfachsten Rechenaufgaben lösen und war nicht in der Lage, eine Uhr zu lesen.

ADHS, Lernprobleme, psychische Störung – Lehrer, Ärzte und Eltern suchten unentwegt nach dem Grund für Coles Schwierigkeiten. Ihre Kindheit war voll von Arztbesuchen, Medikamenten, Verhaltenstherapien – und immer wieder diesen frustrierenden Erlebnissen, wenn sie es einfach nicht hinbekam – die Schulaufgaben nicht lösen konnte oder sich schon wieder verlief in einer Gegend, die sie eigentlich hätte kennen müssen.

 

Diagnose: Loch im Gehirn

Mit 20 schlug ihre Frustration um in Aggression und Cole galt lange Zeit als suizidgefährdet. Sie verzweifelte daran, so anders, so schwierig, so unfähig zu sein.

Doch als die junge Frau aus Portland im US-amerikanischen Oregan 26 Jahre alt war, wurde das Geheimnis um ihre mysteriöse Behinderung endlich gelüftet. Ein Arzt untersuchte ihr Gehirn per MRT (Magnetresonanztomografie) und auf dem Bild war es deutlich zu sehen: In Coles Gehirn klaffte ein zitronengroßes Loch.

Dort, wo normalerweise der Scheitellappen sitzt, war nur Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit zu erkennen. Das erklärte Coles Schwierigkeiten: Denn der fehlende Bereich ist unter anderem für Prozesse wie das Lösen von Rechenaufgaben und räumliches Denken zuständig.

 

Neues leben mit der Diagnose

Auch, wenn die Diagnose ein Schock war: Sie änderte Coles Leben zum Positiven. Weitere Untersuchungen ergaben, dass ihr Scheitellappen nicht komplett fehlt, sondern von der Flüssigkeit zerquetscht wurde und zu großen Teilen verkümmerte – darum sendete er falsche und verwirrende Signale.

Das bedeutete: Es war noch etwas übrig, das man trainieren konnte. Und das tat Cole von nun an täglich – mit Therapeuten und auch im Alltagsleben. Und sie wollte ihre Erlebnisse mit anderen teilen: In ihrem Buch „Head case – My brain and other wonders“ erzählt sie ihre erstaunliche Lebensgeschichte.

Doch eines hat Cole noch nicht gefunden: Jemanden, dem es genauso geht. Denn Cole ist der einzige bekannte Fall mit einem Loch im Gehirn.

Hamburg, 19. Mai 2015

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